Vaterländisches Archiv
für das Herzogthum Lauenburg

Dritter Band.
Ratzeburg. Verlag der Buchhandlung von H. Linsen. 1863.

[Heft 1 und 2: 1861; Heft 3: 1863]

 


IV.

CARL FRIEDRICH WILHELM CATENHUSEN.

Ein Denkmal.

Von A. Moraht, Pastor prim. in MÖLLEN.

Ebr, 13, 7, 8.
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Es bedarf keiner Rechtfertigung, wenn in diesen Blättern einem Manne ein Denkmal gesetzt wird, welchem unser Land in mehr als einer Hinsicht zu einem dankbaren Gedächtniß verpflichtet ist, und dessen, das sagt nicht bloß meine persönliche Liebe, *) noch spätere Zeiten in dankbarer Liebe gedenken werden. Indem ich nun der an mich ergangenen Aufforderung, das Leben dieses Mannes darzustellen, gern entspreche, und das um so mehr, je näher ich ihm gestanden, verkenne ich nicht die gerade mir sich darbietende Schwierigkeit der Darstellung. Es muß ja meine Aufgabe sein, ein Bild seines Lebens und Wirkens zu entwerfen, wie es nicht nur der persönlichen Liebe, sondern wie es der Wahrheit und Wirklichkeit entspricht, denn das allein ist ein Denkmal wahrer Liebe. Wenn ich daher, so weit es mir ermöglicht wird, den Heimgegangenen selbst und andere bewährte Männer über ihn reden lasse, und wenn ich die Zeitverhältnisse, in welche sein Leben fiel, allezeit als Hintergrund desselben hinzustellen suche,
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*) S. den Nekrolog im Sächsischen Kirchen- und Schulblatt v. J. 1853, No. 66 und 67, auf welchen ich mich noch öfter beziehen, und dem ich mehrere Stellen entnehmen werde.

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weil ja nur aus ihnen heraus ein gerechtes Urtheil über das Leben eines Jeden gewonnen werden kann: so wolle der geneigte Leser darin mein Bestreben erkennen, meine Darstellung so objectiv als möglich zu halten. Was nun aber die Zeitverhältnisse, in denen eines Mannes Leben sich bewegt, betrifft, so ist das ja das Anziehende eines jeden irgendwie bedeutenden Lebens, daß es, unter dem Einflusse seiner Zeit stehend, sich doch nicht weiter von ihm bestimmen läßt, als die ihm gewordene und von ihm erfaßte Aufgabe es leidet, und daß es im Kampfe mit einer ihm fremden Zeitströmung irgendwie bestimmend auf sie einzuwirken suchte und eingewirkt hat. Auch dieses muß daher der Gesichtspunkt sein, von welchem aus das vorliegende Leben zu betrachten ist. Wie aber ein jedes solches Leben, trotz der überall durchschlagenden Unvollkommenheit und Gebrechlichkeit auch der durch die Gnade erneuerten Persönlichkeit, ein Ganzes darstellt, und darum das Gesetz der Entwicklung, wie es im Reiche Gottes gilt, sich auch an ihm bewahrheitet, so wird auch hiernach das darzustellende Leben zu betrachten, so werden darum aber auch die Führungen einer höheren Hand, wie sie sich in diesem Leben - und in wessen Leben nicht? - so unverkennbar zeigen, und wie sie auf seine Gestaltung eingewirket, hervorzuheben sein, damit nicht nur schließlich, vielmehr von Anfang bis zum Ende dem die Ehre werde, dem sie allein gebührt.

Nach jenem Gesetze der Entwicklung wollte ich das Leben unseres Heimgegangenen in die Zeit des Werdens, des Gewordenseins und der Reife theilen und darnach betrachten. Weil aber einestheils ein jeder Christ in seinem ganzen Leben erst im Werden ist, und das wahrhaftige Gewordensein und die volle Reife von Jedem nur annäherungsweise erreicht wird, und weil anderntheils die beiden letzten Stufen gerade in diesem Leben durch eine bestimmte Gränzlinie schwer zu


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scheiden sind: so habe ich es vorgezogen, dasselbe nach seinem äußeren Wechsel zu theilen, und werde daher

1) DIE ZEIT DER BEREITUNG,
2) DES ERSTEN AMTES FREUD UND LEID, ARBEIT UND SEGEN,
3) DIE JAHRE DES ZWEITEN AMTES, und
4) DIE KAMPF- UND SEGENSREICHE ZEIT DES LETZTEN AMTES

darzustellen suchen.


1. Die Zeit der Bereitung. (1792-1816)

CARL FRIEDRICH WILHELM CATENHUSEN wurde am 24. August 1792 in Ratzeburg geboren. Die damals angebrochene und immer weiter zur Herrschaft kommende Zeit charakterisirt sich uns in der im Jahre zuvor gerade vollendeten Stadtkirche, die man, im Stile der Zeit und ihr vollkommen entsprechend, für die alte Kirche errichtet hatte. *) Der Rationalismus hatte bereits weite Eroberungen auf dem Gebiete unsrer Kirche gemacht, und statt des Lebenshauches des alten Glaubens wehte der scharfe, eisige Wind der Aufklärung. Der Häuser waren wenige, und sie wurden immer seltner, in denen Gottes Wort und die Furcht des Herrn noch eine Stätte fanden; zu ihnen gehörte aber unseres Catenhusen Elternhaus. "Der Vater (so berichtet uns ein Jugendfreund des Sohnes), Johann Christian Catenhusen, aus Uetze im Hannöverschen gebürtig, Küster an der Stadtkirche und Mädchenlehrer, war ein Mann von ehrenfestem Charakter und gläubigem Sinn, wie auch dessen Vorfahren, schlichte Landleute, sich stets durch kirchlichen Sinn und Halten am Worte Gottes ausgezeichnet haben sollen. Er war von stattlichem Wuchs und sein weißes Haupthaar gab ihm noch mehr Würde. So

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*) s. J. F. Burmester, Beiträge zur Kirchengeschichte des Herzogthums Lauenburg, S. 89.


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sahen wir Knaben ihn über den Domhof zu einer Privatstunde, die ihm wegen seiner schönen festen Hand in einer Familie daselbst übergeben war, einherschreiten mit seinem Rohrstab in der Hand und blickten ihm mit eigenthümlicher Ehrfurcht nach. Die Mutter, Sophie Elisabeth, geb. Heine, gleichfalls aus dem Hannöverschen - ihr Vater hatte noch den siebenjährigen Krieg mitgemacht -, sehr freundlich und lebhaft von Gemüth, war immer heiter und wußte sich und die Ihrigen durch Gesangverse, zu passenden Zeiten angestimmt, zu ermuntern oder auch zu trösten. Es war ein gcmüthliches Familienleben im Hause." Der ältere Sohn Georg war zum Studium der Theologie bestimmt und wurde deshalb im Jahre 1803 auf die damalige Domschule gegeben, wo er in der unteren Classe auch schon Hebräisch anfing. Der jüngere Carl sollte Kaufmann werden und kam, nachdem er mit vierzehn Jahren von dem seligen Consistorialrath ARNDT confirmirt war, Michaelis 1806 in das Kuhlmann'sche Haus in Lübeck, dort die Handlung zu erlernen. Hier nahm sich die Wittwe Kuhlmann seiner auf das liebreichste an, besonders da er nach einigen Jahren wegen anhaltender Brustschwäche leidend war. Er fand in dieser würdigen Frau eine wahrhaft mütterliche Freundin, und sie war ihm mit um so innigerer Liebe zugethan, als sie einen Sohn in ähnlichem Alter, seines Namens und ihm gleichend, verloren hatte. Aber so gut er es dort auch hatte, und so dankbar er die ihm widerfahrende Liebe anerkannte, wie er sie denn in beständiger dankbarer Erinnerung behielt, so zeigte es sich doch im Laufe der Jahre, daß der Kaufmannsstand sein Beruf nicht war, daß seine Neigung vielmehr auf die wissenschaftlichen Studien ging. Als er nach drei Jahren erkrankte und im Elternhause seine Genesung abgewartet, darauf aber vom Vater wieder nach Lübeck zurückgebracht wurde, da sprach er offen aus, was schon

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lange sein Herz bewegt hatte, den Wunsch nämlich, sich den Wissenschaften, namentlich der Theologie zu widmen, dem denn auch der Vater seine Zustimmung gab. So kam er Michaelis 1809 wieder auf die Domschule in die obere Classe; dagegen hatte aber sein Bruder den Kaufmannsstand erwählt und überließ ihm nun seine hebräische Bibel. Er hat oft dieser wunderbaren Fügung seines Gottes mit Rührung gedacht. Die drei Jahre in Lübeck waren aber für ihn keine verlorne gewesen; hatte er dort doch gelernt, was ihm später sehr zu Statten kam, und auch in solchen Dingen sich eine Fertigkeit angeeignet, die sonst jungen Studirenden ferner liegen. Die Schwäche seiner Gesundheit stärkte sich. Er war damals, so berichtet ferner sein Jugendfreund, ein schlanker Jüngling, von lebhafter Gesichtsfarbe und heiterem fröhlichen Wesen. Dieser las mit ihm und einigen seiner Mitschüler in einigen wöchentlichen Stunden die Odyssee. Es war ihm willkommen, genaueren grammatischen Unterricht im Griechischen zu erlangen, und eine besondere Freude, wenn er zuweilen einen Hexameter sofort deutsch wiedergeben konnte. Bei seinen vorzüglichen Anlagen und bei rastlosem Fleiße holte er das Versäumte bald nach und konnte nach anderthalb Jahren wohlvorbereitet, so sagt das spätere Maturitätszeugniß, um Michaelis 1810 das Pädagogium in Ilfeld beziehen, wo der Vater durch Fürsprache eine Freistelle für ihn erlangt hatte.

Mir liegen "die Ordnungen, Verfassungen und Gesetze des Königlichen Pädagogiums zu Ilfeld v. J. 1801" vor. Die ganze Einrichtung desselben war eine streng in sich abgeschlossene, fast klösterliche, und es drängt sich die Frage auf, ob heut zu Tage eine solche wohl noch möglich, und wenn das, ersprießlich wäre. Wie dem aber auch sein mag, der junge Catenhusen hat dort, wie er oft bekannte, glückliche Jugendjahre verlebt. Das bezeugt ein bei seinem Abgange

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(den 13. März 1812) von ihm verfertigtes Gedicht, aus welchem ich zur Charakterisierung seiner damaligen Denk- und Anschauungsweise Einiges mitteile. Voll Begeisterung für die Weisheit der Alten bricht er in Wehmuth beim Abschied von seinem geliebten Ilfeld aus:

Freundlich nahmst du mich auf, als voll Beseligung
Deinem Tempel ich naht', botest mir stille Ruh,
Liehst mir gegen der Zeiten [/] Stürme, gegen Verführung Schutz!
In des Jünglinges Brust sproßte der Tugend Keim,
Durch dich sorgsam genährt, mächtig und schön empor;
Ach! du senktest der Unschuld [/] Frieden mir in das Herz hinab.
Du enthülltest dem Geist herrlich sein schönes Ziel,
Scheuchtest Uebel hinweg, helltest die Finsterniß,
Die des Jünglinges Blicke [/] Auf dem früheren Pfad umgab.
Deine leitende Hand führte den sel'gen Geist
In der Vorwelt Gebiet und ihre schön're Zeit,
In die Hallen der Weisheit, [/] In die Tempel des Alterthums! -

Wir sehen den Jüngling hier in der klassischen Zeit seines Lebens, für ihn ein Durchgangspunkt zu einer höheren Stufe, aber auch eine Bewahrung vor den Verirrungen der Jugend. Wir erkennen darin die gnädige Huth seines Gottes, wenn die strengste Sittlichkeit die Zierde seines Jünglingslebens war, wie denn ein keuscher Sinn und ein lauteres, ich möchte sagen, jungfräuliches Wesen, das aller, auch der leisesten Berührung mit allem Rohen und Gemeinen widerstand, ein Zug seines ganzen Lebens war. Hier aber, in Ilfeld, legte er auch den Grund zu seiner philologischen Durchbildung, namentlich durch den Unterricht des damaligen Directors Brohm, dessen Andenken ihm stets theuer blieb. Zeugt doch von seiner großen Gewandtheit im Lateinischen das carmen gratulatorium, das er beim Abgange von der Schule zu seines geliebten Directors Hochzeit verfaßte, und das Maturitätszeugniß dieses seines Lehrers rühmt von ihm linguarum graecae et latinae

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scientiam, et auctores veteres explicandi, scribendique facultatem haud vulgarem. "Und so ging auch, als er Ostern 1812 die Universität Göttingen bezog - wir sprechen mit den Worten eines urtheilsfähigen und unparteiischen Mannes *) - seine erste Absicht keineswegs auf die Theologie. Neigung und Begabung wiesen ihn vielmehr zum Studium der philologischen und Alterthumswissenschaften (so wie der Philosophie), während die Theologie bei dem damals in ihr herrschenden Rationalismus eher Abstoßendes als Anziehendes für ihn haben mußte und auch in den ersten Jahren seines Universitätsstudiums ihm mehr fern blieb. (So war er Mitglied der philosophischen Gesellschaft Bouterwecks, von der zwei noch vorliegende Abhandlungen - über das Verhältniß der Aufklärung zur Philosophie und über die Schwärmerei - für treffliche Arbeiten erklärt wurden.) Nicht minder war er einer der fleißigsten Mitglieder des Heine’schen philologischen Seminars. **) Mit nicht gewöhnlichen Geistesgaben, einem klaren durchdringenden Verstande, leichter Auffassung und einem eminenten Gedächtniß ausgestattet, brachte er es leicht zu einem bedeutenden Erfolge dieses Studiums, und gründliche Kenntniß der alten Sprachen und des griechischen und römischen Alterthums, große Belesenheit in den alten Classikern, ein eleganter lateinischer Stil, wie auch bedeutende Gewandtheit in freier lateinischer Rede, die ja zu jetziger Zeit immer seltener wird, mit einem Worte gediegene philologische Kenntnisse und große Werthschätzung einer tüchtigen formalen Bildung waren die Früchte dieses Studiums, die sein ganzes Leben hindurch sein Eigenthum blieben. Unstreitig hätte er in der Philologie Be-
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*) s. den obgedachten Nekrolog.
**) Unter Andern mit dem ausgezeichneten Philologen Reisig, der später Professor in Halle war und bereits in den dreißiger Jahren starb.


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deutendes geleistet, denn er war recht eigentlich ein philologischer Kopf; aber der Herr hatte ihn zu etwas Anderem bestimmt."

Und hier kommen wir zu dem Wendepunkt seines inneren und darum auch äußeren Lebens. Gewiß können wir es aus dem damals so traurigen Zustande der Theologie erklären, daß seine Neigung für sie erkaltet war und immer mehr erkaltete. Nicht anders als mit Unwillen und Entrüstung hörte er die Lehren des Unglaubens und die Zweifel an der Wahrheit der Schrift, deren göttliches Ansehn ihm vom Vaterhause an unverrückt dastand. Gleichwohl war damals seine Denk- und Anschauungsweise eine jener Zeit entsprechende; waren doch alle die Männer, von denen er bisher gelernt und mit denen er in näherem Umgange stand, ein Heyne, Mitscherlich, Bouterweck, bei aller Bedeutung in der Wissenschaft, dem eigentlichen Christenthum mehr oder weniger, zum Theil ganz entfremdet. Und stand es denn anders bei den Vertretern der Kirche und der Theologie? Wie aber eine höhere Hand von den Jünglingen, die mit Catenhusen damals in Göttingen waren, so Manchen auf besonderen Wegen zum bewußten und lebendigen Glauben geführt hat, ich nenne Lücke, der damals zuerst als Repetent auftrat; Köster, den späteren Generalsuperintendenten in Stade; Lachmann, den bekannten Kritiker, und - wenn auch mit Wehmuth - Bunsen, so auch ihn. Von den damals lebenden Lehrern der Kirche konnte er das Evangelium nicht lernen, darum sollte ein Andrer sein Lehrer sein, von dem es in Wahrheit heißen darf: er ist gestorben und lebet noch. Das war Luther. Es kam einst ein Band seiner Schriften, ich meine die Auslegung des Briefes an die Galater, in seine Hände, und daraus erkannte er, in welchem Gegensatze die damals herrschende Theologie mit dem Evangelio und dem Bekenntniß unsrer Kirche stand. Das war die Zeit, die wir in seinen Predigten, welche er als Candidat in


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der Begeisterung der ersten Liebe hielt, so hinreißend als die des neu erwachenden Glaubenslebens, das wie von einem Blitz aus dem Himmel entzündet werde, geschildert sehen, und in ihr geschah ein Umschwung seines inwendigen Menschen, wie ihn nur der erfahren, der auch aus den öden Steppen menschlicher Weisheit von einer höheren Hand, der Hand der Gnade, auf die grünen Auen der Wahrheit in Christo geführet ist. Voll seliger Verwunderung stand er vor dem Evangelio, wie es aus des theuren Gottesmannes Luther Worten in seiner ursprünglichen Schöne ihm entgegentrat, und von diesem zu dem Quell aller Wahrheit, dem Worte Gottes, hingeführt, erfuhr er alsbald die seligmachende Kraft des Glaubens an seinem Herzen und war ein fröhliches, seliges Kind Gottes geworden. Darum aber gab er sich jetzt auch, in seinem letzten akademischen Jahre, mit ganzer Seele dem Studium der Theologie hin, und jetzt diente der Gegensatz gegen den Unglauben der Zeit zur Befestigung seines eignen Glaubensgrundes. Darin fand er in seinem geliebten Lücke einen treuen Kampfgenossen. Mit ihm stand er sehr vertraut, *) und er hat ihm ein Herz voll Liebe bewahrt, wenn auch auf kirchlichem Gebiete beide je länger je weniger sich verstanden. Der aber, durch den Gott ihn zuerst zum Glauben geführt,
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*) Als C. seinen ältesten Sohn 1839 nach Göttingen geleitete, und im Dunkeln in die Stadt hineinfuhr, rief er einen Vorübergehenden an und fragte nach des Prof. Havemann Wohnung. Das will ich Dir schon sagen, lieber Catenhusen! antwortete der Angeredete - es war Lücke. Beide hatten sich in den vier und zwanzig Jahren nicht wieder gesehen; aber des Freundes Stimme bleibt unvergessen. - Ich selbst kann nicht umhin, hier auch dem theuren Lücke ein Denkmal der Dankbarkeit für die Liebe zu setzen, die er mir mit seinem liebewarmen Herzen erwies, als ich 1828 in Göttingen studirte. Have, pia anima!

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blieb ihm unter allen Menschen der Theuerste, sein lieber Doctor Luther, den er als seinen geistlichen Vater mit rührender Pietät, in Wort und Blick sich aussprechend, geliebt hat, und je länger je mehr ward er ein treuer, demüthiger Sohn unsrer Kirche, weil je länger je mehr ein treues, demüthiges Kind Gottes. Das aber, je reicher sich in dem theuren Bekenntniß unsrer Kirche die unvergleichliche Herrlichkeit des Evangelii ihm erschloß. Seine ausgezeichneten Gaben und seine vortreffliche klassische Bildung aber ermöglichten es, daß er in der kurzen Zeit, die ihm noch blieb, den Anfang zu einem gründlichen theologischen Wissen machen konnte. Später arbeitete er sich immer tiefer in die Theologie hinein, daß er mit vollem Recht den gelehrten Theologen zugezählt werden konnte. Auch wagte er es schon in seinem letzten Studienjahre, bei gebotener Gelegenheit die Kanzel zu betreten und fröhlich und frei von dem zu zeugen, an den er glaubte. Er predigte wiederholt in der Umgegend Göttingens, auch in Uslar und Carlshafen, wo sein ältester Sohn nach fast 30 Jahren noch Leute fand, die sich seiner Predigten mit großer Freude erinnerten.

Als er im Jahre 1815 von Göttingen zurückkehrte, fügte es Gott, daß er sogleich eine Hauslehrerstelle in Lübeck fand. Graf Luckner, der damalige Besitzer von Tüschenbeck, der aber kurz darauf starb, vertraute ihm die Leitung seiner drei Söhne, die das Gymnasium in Lübeck besuchten, und mit ihnen wohnte er dort in dem Luckner'schen Hause. Dabei blieb ihm noch Zeit, anderweitigen Unterricht zu ertheilen, und diese Gelegenheit nahm er gern wahr. War nun diese Zeit des Unterrichtens ihm, wie jedem jungen Theologen, überaus nützlich, so war der Umgang, den er fand, seinem inneren Leben von großem Segen. In Lübeck freilich stand es im Allgemeinen damals, wie überall; war doch der einzige lebendig gläubige


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Prediger der selige Geibel, dem Lübeck so viel zu verdanken hat. Freilich ein reformirter Prediger; wer aber jene Zeit noch selbst erlebt hat, der weiß auch, wie damals das neu erwachte Glaubensleben sich noch nicht confessionell schied, gleichwie im Frühling die aufkeimenden Saaten sich noch einander gleichen, bis sie sich je länger je mehr unterscheiden. Darum schloß sich auch der im ersten Glauben stehende Catenhusen diesem theuren Mann, dessen Töchter er auch unterrichtete, mit Freuden an, hörte fleißig seine Predigten und besuchte seine wöchentlichen Andachten. Je enger aber damals noch der Kreis der Gläubigen war, so inniger war er, daß wir, die wir jener Zeit noch nahe gestanden, mit Wehmuth ihrer gedenken. In diesem Kreise fand unser Catenhusen seine glücklichsten Stunden. Von seinen damaligen Lübecker Freunden nenne ich nur Einen, den lieben Bäckermeister Crull, einen Mann, den Vater Schubert hätte kennen sollen, um ihn in seiner unvergleichlichen Weise zu zeichnen; erinnert er doch Jeden, der ihn gekannt, an so manche liebe Gestalt, die Schubert in seinem Leben uns vorführt. Dieser liebe Mann war aber auch ein warmer Freund der Brüdergemeinde, und wir Aelteren wissen es ja, wie theuer uns in unseren jungen Glaubenszeiten diese war. Durch ihn wird auch Catenhusen mit ihr bekannt geworden sein, und bis an sein Ende hat er die Liebe zu ihr bewahrt. Die täglichen Loosungen waren tagtäglich seines Herzens Speise, Freude und Trost, und gern hat er uns erzählt, wie wichtig ihm oft ein Wort derselben geworden. In Lauenburg trat er auch mit der Gemeinde in sofern in nähere Beziehung, als er durch Correspondenzen an den Verhandlungen der Aeltestenconferenz thätigen Antheil nahm. War doch die Brüdergemeinde die einzige Oase beinahe in der damaligen Zeit geblieben; als nun aber der Herr die Wüste unsrer Kirche wieder grünen ließ, trat die Bezie-

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hung, in der so Manche von uns und in der auch Catenhusen zu ihr gestanden, mehr zurück. Aber seine Liebe zu ihr blieb, wie er denn auch jährlich ihre Mission unterstützte. So war ihm der Aufenthalt in Lübeck ein segensreicher und sein inneres Leben fördernder, wie auch die Predigten darthun, die er in Ratzeburg, Grönau und Herrenburg zu der Zeit gehalten, und deren sauber geschriebene Concepte vorliegen. „Seine Herzensstellung," so berichtet sein Jugendfreund, "war damals schon jene überwallende, liebliche Glaubensfreudigkeit, die ihn auch ungeachtet seiner Jugend schon zu einem festen und entschiedenen Bekenntniß trieb. Eine am 4. Adventsonntage über die Epistel in der Stadtkirche zu Ratzeburg gehaltene Predigt hatte besonders diesen Charakter des fröhlichen Glaubens und machte alle die auf ihn aufmerksam, denen das Evangelium lieb und theuer war. In dem kleinen Kreise Vertrauter, die ihn freudig als einen Zeugen des Herrn begrüßten, schloß er sein ganzes Herz auf. Ihnen war es schon damals etwas fast Wunderbares, daß er so frei, selbst auf der Kanzel, mit der Polemik gegen den herrschenden Unglauben der Zeit hervortrat, ohne sich auf ein apologetisches Verfahren einlassen zu wollen. So fest, so stark und überwallend war in ihm jene Glaubensfreudigkeit."

So ward er zu dem Amte bereitet, in welches er früher, als er erwartet, berufen wurde. In der Stadt Lauenburg standen damals als erster Prediger Uhthoff aus Bremen, vor Kurzem (1815) aus dem Hannoverschen, wo er Pastor zu Natendorf gewesen war, nach Lauenburg berufen, und als zweiter Prediger Lescow. Dieser wurde im Jahre 1816 nach Artlenburg versetzt, und um seine Stelle, bewarb sich Catenhusen. Er hielt die Probepredigt am 21. April 1816 am Sonntage nach Ostern über die Epistel: von dem ewigen Leben als dem Zeugnisse unsers Glaubens an Jesum Christum.


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Mit seiner Erwählung aber ging's so zu, daß man die höhere Hand dabei nicht verkennen kann. Vor seiner Wahlpredigt schon hatten die Wahlherren ihr Auge auf einen Dr. Weiß aus dem Hannoverschen geworfen, und es hieß allgemein, der werde wohl dem Consistorio präsentirt werden. Des jungen Catenhusen Predigt aber machte großen Eindruck, daß Viele grade ihn wünschten, und er selbst hatte eine innere Gewißheit, gewählt zu werden. Freilich wurde Erstgedachter wirklich präsentirt, Catenhusen aber sprach, als er's in Lübeck hörte: Ist's Gottes Wille, so komme ich doch hin! Darauf im Spätsommer übergiebt ihm eines Abends der Bediente des Hauses in Lübeck einen Brief, der für ihn gebracht sei. Müde von einem weiten Gange legt er ihn auf den Tisch und vergißt ihn ganz in den folgenden Tagen, bis er ihm ungesucht wieder in die Hände kommt. Und das war seine Berufung nach Lauenburg. Dem allgemeinen Wunsch der Gemeinde hatte man zuletzt doch nicht widerstehen können, die Präsentation des Dr. Weiß (der später lange Jahre Pastor zu Döse im Amt Ritzebüttel) war zurückgenommen und statt dessen Catenhusen präsentirt. Diesen aber überraschte es gar nicht - er war sich innerlich deß immer gewiß gewesen, daß es so kommen müsse. Darum aber war er sich deß auch gewiß, daß Gott ihn in's Predigtamt gerufen, und in seinem Namen trat er in dasselbe ein.

So stehen wir denn an der Gränze seines ersten Lebensabschnittes. Fügen wir hier noch ein, was sein Jugendfreund aus jener Zeit berichtet. Der junge Catenhusen litt damals oft, zumal bei Gemüthsbewegungen, an einem plötzlichen Blutandrang. Es mochte das mit einem Unfall früherer Jahre zusammenhängen, da etwa ums Jahr 1812 auf einer Reise von oder nach Göttingen der Postwagen, in dem er fuhr, umstürzte, und ein schwerer Reisekoffer auf seine Brust fiel.


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Das mag ihn auch von der Conscription befreit haben. In Folge dessen war er auch noch die ersten Jahre in Lauenburg öfter leidend und in einzelnen Augenblicken so angegriffen, daß er auf der Kanzel sich mit den Händen halten mußte. "So überfiel es ihn auch während seines Examens in Ratzeburg den 20. September 1816, worin er übrigens vortrefflich bestand, so, daß ihm ein Stuhl angeboten werden mußte. Sonst war er ein blühender Jüngling, wie denn auch seine Gesundheit sich je länger je mehr stärkte. Am 2. October desselben Jahres, bei der Uebergabe des Herzogthums an Dänemark und der Huldigung, war er, obwohl noch nicht introducirt, *) unter den Landespredigern gegenwärtig. Die in seinem jugendlich blühenden Gesichte hervorblitzende und strahlende Freudigkeit lenkte auch bei dem darauf folgenden Gastmahle allgemein die Aufmerksamkeit auf seine Erscheinung, an welcher der selige Pastor Claudius aus Sahms sich nicht satt sehen zu können meinte."

Sehen wir nun aber auf dieser Gränze seines ersten Lebensabschnittes, der Zeit der Bereitung, zurück auf die bis dahin verflossenen Jahre seines Lebens, so erkennen wir ja klar und deutlich die Spuren der göttlichen Führung. Wie schön spricht sich neuerlich der ehrwürdige Rudelbach in dem autobiographischen Umrisse seines eignen Lebens **) über die Führungen Gottes in des Christen Leben aus, und das findet auch auf das Leben Catenhusen's und auf den bisher dargestellten Theil desselben seine volle Anwendung. "Gott selbst

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*) Die Ordination war am 29. September geschehen.
**) In der Zeitschrift für die gesammte luther. Theologie und Kirche, von Rudelbach und Guericke, 1861, 1. Heft. Auch Nichttheologen werden diese in Wahrheit klassisch geschriebene Autobiographie des ehrwürdigen, auch von Catenhusen geliebten und verehrten Mannes mit hoher Freude, ja mit Erbauung lesen.


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hat gleichsam Denksäulen seiner göttlichen Führungen auf dem Wege hingestellt. Da wird es auch leicht, das Dazwischenliegende recht zu erkennen; es ist ein Vorbereitendes auf die letzte "meta," wohin, zu seinem himmlischen Reich, Gott uns um Christi willen aushelfen will. So werden auch die Dunkelheiten, in welchen der Herr mit uns zu wandeln sich vorbehielt, je mehr und mehr erleuchtet; wir sehen und erkennen es: "So führst du doch recht selig, Herr, die Deinen; ja selig, und doch meistens wunderlich!" Wir sehen, wie in Catenhusen's Leben Alles darauf angelegt war, daß er in dem Amte eines Predigers seine Bestimmung finden sollte, und wie er innerlich dazu bereitet worden. Und wenn wir nun ferner sein Leben an uns vorübergehen lassen, so sehen wir, wie auch das Ende der göttlichen Führungen in ihm vorbereitet worden, und geben dem die Ehre, der "das Leben seiner Christen zu einem System, einem Schauplatz wie seiner göttlichen Langmuth und Geduld, so seiner anbetungswürdigen Weisheit und Erkenntniß" macht.

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2. Des ersten Amtes Freud' und Leid, Arbeiten und Segen.
(1816-1831.)


Es war der 10. November 1816, an welchem der junge Catenhusen, damals 24 Jahre alt, in der Stadt Lauenburg als Diakonus eingeführt wurde, und daß es gerade dieser Tag war, erkannte er Zeit seines Lebens als eine freundliche Fügung Gottes. War es doch Luther, den er als einen geistlichen Vater liebte, und den er sich und unsrer ganzen Kirche zum Vorbild hinstellte, "zu dem wir wieder hinan müssen." Und das ächt Lutherische seines persönlichen Christenthums und seiner ganzen Amtsführung sehen wir in seinem ersten Amte auf das Lieblichste sich gestalten. Es war eine

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schöne, reiche Zeit, die er in Lauenburg durchlebte, ihm selbst als eine solche unvergeßlich. Wie er innerlich dazu bereitet worden, ist angedeutet; werfen wir jetzt einen Blick auf die damaligen Zustände der dortigen Gemeinde, um dann ein Bild seiner Wirksamkeit in und an ihr an uns vorübergehn zu lassen.

Die Herrschaft des Rationalismus hatte damals seine Höhe erreicht. Durch den Druck der Zeit und seit dem Freiheitskriege war aber in tausend Herzen eine Sehnsucht nach der Gewißheit göttlicher Wahrheit und ein Zug zu dem historischen Christus erwacht, der dem noch auf Kanzeln und Kathedern herrschenden Unglauben sein widerrechtlich erobertes Gebiet streitig zu machen anfing. Auch unser kleines Land war von dem Unglauben der Zeit nicht verschont geblieben, aber Gottes Hand hatte sonderlich über ihm gewaltet, daß in dem eigentlichen Kern der Gemeinden und des Volkes der alte Glaube noch eine Wahrheit geblieben war, und zwar mehr, als in manch anderem Lande. Dazu hatte namentlich unser Gesangbuch beigetragen, das freilich in seiner Ueberarbeitung vom Jahre 1776 auch manche Spuren der damaligen Zeit zeigte, aber im Ganzen doch das alte geblieben war. *) Mit Recht sagt daher Catenhusen, als später, im Jahre 1841, eine neue, in vieler Hinsicht wiederhergestellte Ausgabe erschien, in dem Vorberichte: "In dem Besitze dieses Gesangbuches ist denn die Kirche unseres Landes unter der gnadenreichen Hut des Herrn bislang verblieben, und hat in ihm zu allen Zeiten, auch in den finstersten und lautesten
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*) Das alte Lauenburgische Gesangbuch, die "evangelische Liedertheologie," von allen Hymnologen hochgeschätzt, erschien 1741. Was wir an unserem Gesangbuch haben, erhellt am besten aus der Vergleichung desselben mit dem Schleswig-holsteinischen Gesangbuche, von dem Rudelbach sagt, es könne mit den schlechtesten aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts rivalisiren.


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des Unglaubens, ein stets helles und nie verstummendes Zeugniß des evangelischen Glaubens von Christo - und von dem Heile seiner durch sein Kreuz gestifteten Versöhnung - gehabt und gehört." Wir dürfen sagen, daß der Rationalismus damals in die eigentlichen Schichten und Kreise des Volks noch wenig eingedrungen war, wie denn die kirchliche Sitte in unserem Lande, selbst bis auf die öffentliche Kirchenbuße in den Landgemeinden, mehr als anderswo sich vielfach erhielt und bis heut noch erhalten hat. Freilich galt das vorzugsweise von den Landgemeinden, ungeachtet und trotz der neuen Weisheit, die auch dort von den Kanzeln ertönte. Es hatte aber zu der Zeit, von der wir reden, auch die evangelische Wahrheit schon wieder ihre Zeugen und Vertreter gefunden, von denen wir den trefflichen Johannes CLAUDIUS, *) seit 1813 Pastor in Sahms, wo er 1859 gestorben, unsern unvergessenen Carl August ZURHELLE, seit 1815 Diakonus in Ratzeburg, seit 1817 Pastor in Hohenhorn, wo er 1842 verstarb, **) nennen, und aus früherer Zeit den lieben alten Assessor WAGNER in Schwarzenbeck (seit 1792, † 1845) und den alten Pastor BAUMANN in Lütau (seit 1793, † 1852). Wir treten aber der Wahrheit nicht zu nahe, wenn wir sagen, daß die Mehrzahl der Kanzeln auch unsres Landes der evangelischen Wahrheit verschlossen war, und mit der Mehrzahl der Prediger waren auch die s. g. gebildeten Kreise des Landes, und darum Viele der Stadtbewohner dem väterlichen Glauben mehr oder weniger entfremdet. Und so war es auch in der Stadt Lauenburg. Aber auch hier war in den mittleren und
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*) Einen Sohn des "Wandsbecker Boten.“ Wer kennt nicht den Brief des Vaters an seinen Sohn Johannes?
**) Von ihm sind außer einigen Aufsätzen im Friedensboten, einer früheren Hamburgischen Zeitschrift 1821-25, seine letzten Predigten nach seinem Tode 1843 in Druck erschienen.


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unteren Ständen noch viel Empfänglichkeit für Gottes Wort, wie denn ja die traditionelle Kenntniß desselben damals noch weit mehr vorhanden war, als jetzt, wo auch unsrer Alten und Aeltesten Jugend in die Blüthezeit der Aufklärung fällt. Namentlich waren es in Lauenburg die Vielen, deren Erwerb mit der Schifffahrt zusammenhing, die sich der Predigt des Evangelii gar bald wieder zuneigten, und unter denen der junge Glaubensprediger treue Freunde der Wahrheit fand. Die Lauenburger Gemeinde war ein Acker, der freilich lange brach gelegen, der aber doch in mancher Hinsicht vielversprechend war. Mit der ganzen Liebenswürdigkeit seiner Persönlichkeit kam der junge Catenhusen der Gemeinde entgegen, und es gelang ihm bald, das allgemeine Vertrauen derselben und auch seines Amtsgenossen zu gewinnen, mit dem er, ungeachtet der Verschiedenheit religiöser Richtung, allezeit, was Beiden zur Ehre gesagt sein muß, in einem freundlichen Verhältnisse blieb. Es spricht das für Beide um so mehr, als Catenhusen mit ganzer Offenheit das Evangelium predigte. Er that das aber in so von Herzen kommender und herzgewinnender Weise, daß auch die anders Gesinnten ihm ihre Anerkennung nicht versagen konnten. Ich werde auf diesen Haupttheil seiner Wirksamkeit, wie in ihm ja der Schwerpunkt aller Wirksamkeit eines evangelischen Predigers beruht, sowie auf die Weise und die Erfolge seines Predigens noch zurückkommen, und bitte den freundlichen Leser, hier mit mir eine Weile anzuhalten, um auf die Häuslichkeit des jungen Predigers einen Blick zu werfen.

Bereits im Jahre 1813, als er noch in Göttingen war, hatte er sich mit der Tochter des Inspectors BERNSTEIN in Carlshafen, Caroline, verlobt. Jetzt war denn der Zeitpunkt gekommen, daß er seinem Hause "die Hausehre" hinzufügen konnte, und das geschah im Jahre 1817, bis wohin seine noch


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lebende Schwester ihm die Haushaltung besorgt hatte. Die Hochzeit war am 28. Februar in Carlshafen, und unter dem 9. April schrieb er an seinen Jugendfreund, nachdem er ihm seine Hochzeitsreise erzählt: "Was nun mein häusliches Leben betrifft, so ist es durch die liebe Frau sehr vervollständigt worden, und ich habe doch nun auch Jemand, der mir mit freundlichen Blicken entgegenkommt, wenn ich Abends die Treppe herunterspaziere. Von der Stadt haben wir unten im Hause *) große neue Fenster zum Hochzeitsgeschenk erhalten, von unsern Freunden und Freundinnen aber ein recht nettes Sopha. Meine liebe Frau dominirt jetzt unten in der zurechtgemachten Stube; ich aber stehe, wie es eben recht ist, arbeitend über ihrem Haupte. Sie hat die Fleischtöpfe, und ich habe die Köpfe - wenn man doch nur sagen könnte die Herzen - in Obacht." So fehlte denn unserem Catenhusen damals nichts zu seinem häuslichen Glücke, und das um so weniger, als Gott den jungen Eheleuten ein Töchterlein bescheerte. Aber nur zu bald lernte er Thränen weinen, wie er sie bisher noch nicht geweint. Ein zweites Kind starb wenig Tage nach der Geburt, und noch ehe er das dritte Kind, ein Söhnlein, getauft, stand er schon (1819) mit blutendem Herzen am Sarge seiner geliebten Caroline. Mit Wehmuth gedenke ich namentlich dieser Zeit, der ich mit meinem lieben Weibe und meinem lieben Schwager in der so früh Heimgegangenen eine Mutter verloren. Der Vater aber schrieb damals in einem noch weiter zu besprechenden Buche die schönen Worte, die uns einen Blick in sein Herz thun

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*) Die Diakonatswohnung zu Lauenburg ist zu der Zeit des Superintendenten Jobs. Rupertus (1592-1605) erbaut und hat die Inschrift: Deo non dante labor non juvat, Deo vero dante non juvat invidia. Nazianzenus. Hae exstructae sunt aedes Diaconi Superint. Ruperto.

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lassen: "Ich danke dir, Gott, für den hellen Strahl des ewigen Lebens, der durch die Offenbarung deines Sohnes von drüben her ins Grab und in das Dunkel dieses vergänglichen Lebens fällt. Habe ich doch selbst zwei Gräber graben lassen in diesem Jahre, und einen Säugling in seinem Anfange, und ein heiß geliebtes Weib in diesen letzten Tagen vor mir hinscheiden sehen; aber dein Wort, mein gekreuzigter Heiland, stillet meine Seele. Du hast es mir verheißen, so bin ich deß auch gewiß, daß sie droben, bei dir sind in deiner Herrlichkeit, und in dem Glauben trockne ich die Thräne meines Schmerzes mir vom Auge, und harre des Heils, das du auch mir aus Gnaden einst geben willst dort oben in deinem seligen Himmel!" - - Es ist hier die passende Stelle zu bemerken, daß Catenhusen sich zum andern Male mit einer Tochter des Professor Havemann in Lüneburg, deren Bruder der rühmlichst bekannte Professor der Geschichte in Göttingen ist, vermählt hat. In dieser Ehe sind ihm sechs Söhne geboren. Ueberblicken wir nun aber sein Leben und Wirken in Lauenburg von Anfang bis zum Ende, so tritt uns in ihm schon der vor Augen, als den wir ihn in seinen späteren Jahren gekannt, geliebt und geehret haben. Es ist im Wesentlichen ganz derselbe Catenhusen, der Diakonus in Lauenburg und der Superintendent in Ratzeburg, und deshalb sagte ich, daß die Gränze des Gewordenseins und der Reife in seinem Leben schwer zu bezeichnen sei. Es versteht sich ja aber von selbst, daß der Unterschied des Lebensalters sich auch bei ihm geltend machte, und daß die Tiefe der Erfahrung seiner letzten Jahre auch nicht das Eigenthum seiner früheren Zeit sein konnte. Namentlich aber wurde ein Unterschied der früheren und späteren Zeit durch die verschiedenen Phasen der kirchlichen Entwicklung bedingt, wie wir das später sehen werden.

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Um nun seine Wirksamkeit in seiner ersten Gemeinde uns vorzuführen, wollen wir zunächst seine Predigt und Predigtweise, sodann seine Seelsorge und Arbeit an wie in der Gemeinde, ferner sein wissenschaftliches und theologisches Arbeiten ins Auge fassen. Es hat wohl wenig Prediger gegeben, die mit allen erforderlichen Gaben so glücklich ausgestattet gewesen, wie er, und das sowohl äußerlich, als innerlich. Eine anziehende, in jüngeren Jahren schöne, in späteren imponirende Persönlichkeit, ein volltönendes, kräftiges Organ, eine edle Sprache, die sich, in jüngeren Jahren zumal, oft zu dichterischem Schwunge erhob; dann aber, was ja die Hauptsache, ein lebendiger Glaube, nicht blos in der Dogmatik erlernt, sondern an dem eignen Herzen erfahren, eine herzliche und brünstige Liebe zu allen Seelen, ein demüthig kindlicher Sinn, aber auch eine lutherische Festigkeit, Kühnheit und Unerschrockenheit, nicht weniger aber auch eine lutherische Weitherzigkeit und Milde, die mit jener gepaart die Signatur unsrer theuren Kirche und jeder ihrer ächten Söhne ist; dazu eine seltne Gabe, in populärer Weise die tiefsten Glaubenslehren darzustellen, die Gabe der Lehrhaftigkeit, mit ihr aber auch die der Erbaulichkeit in hohem Grade, und dabei die Tiefe eigener Erfahrung, die jedes Wort als aus dem Herzen kommend auch den Weg zum Herzen finden ließ; und zu dem Allen das Fernsein von allem Haschen nach Effect, das Verschmähen aller eitlen Redekünstelei, die Keuschheit wahrhaft christlicher Predigt, die nie und nie sich selber, sondern immer und immer nur Christum predigen will; endlich aber der treuste, beharrlichste Fleiß im Ausarbeiten jeder Predigt, so wie jeder amtlichen Rede, wie die uns aufbehaltnen, sauber und vollständig geschriebenen Concepte, die sogleich in die Druckerei gegeben werden könnten, beweisen: das Alles machte seine Predigten zu dem, was sie waren und im Laufe

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der Jahre immer völliger wurden, aber auch schon in Lauenburg waren. Deshalb darf die Charakterisirung, die ein urtheilsfähiger Mann von seinen Predigten giebt, auch von denen seiner früheren Jahre gelten. "Seine Predigten *) waren im besten Sinne einfach und populär, für alle Stände und Lebensalter gleich verständlich und anziehend, durchweg edel und schön in der Form, herzlich und des Weges zu den Herzen kundig, weniger durch Masse und blendenden Wechsel mannigfacher Gedanken, als durch vielseitige, eindringliche und geistreiche Entfaltung des Hauptgedankens ausgezeichnet, fern von anregender, anstürmender Leidenschaftlichkeit, lehrhaft; anregende, aber ruhige, ihrer Sache gewisse Darlegungen der göttlichen Heilsthaten und des Reichthums der Schrift, die nicht durch rednerische Kunst, sondern durch die selbstwirkende Kraft der Wahrheit überzeugen und Seelen gewinnen wollen, immer aber beseelt und durchglüht von dem stillen, keuschen Feuer einer innigen Jesusliebe und eines mannhaften, unerschütterlichen Glaubens, der von den Zeugnissen Gottes vor der Welt reden muß und sich des Evangeliums von Christo nicht schämt, immer selbst Zeugnisse eines Lebens, das die Gnade Gottes in Christo selbst geschmeckt hat und in derselben seines Heils gewiß ist, Zeugnisse eines mit den Tiefen der Schrift wohl vertrauten, durch sie genährten, in der Kreuz- und Betschule des Christenlebens geprüften und geübten Herzens." Dieses ehrende Zeugniß von den Predigten und der Predigtweise Catenhusen's gilt freilich zunächst von seinen in der letzten Lebensperiode gehaltenen Predigten, aber es darf auch von seinen früheren gelten, wenn auch, wie selbstverständlich, von diesen noch nicht in demselben Maaß und Umfang. Die Form wurde in mancher Hinsicht eine noch mehr populäre,

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*) s. den obgedachten Nekrolog.


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der Inhalt, wesentlich immer der Eine, durch eigne wachsende Vertiefung tiefer, wie das ja bei einem geistig lebendigen und darum innerlich wachsenden Prediger nicht anders sein kann.

Ich hielt mich nicht dafür, daß ich etwas wüßte unter Euch, ohne allein Jesum Christum den Gekreuzigten! Das der Inhalt all seines Predigens. Mit diesem Zeugniß trat er in seiner Antrittspredigt vor die Gemeinde hin, indem er nach 2. Cor. 5, 17-20 seine hohe Freude aussprach, ein Diener des Amts zu sein, das die Versöhnung predigt. Und bei solcher Predigt ist er geblieben, unbeirrt durch der Menschen Urtheile und durch die wechselnden Strömungen der Zeit, und hat das liebe, theure Evangelium allezeit rein und lauter, nach dem Bekenntniß unsrer Kirche, nicht mit hohen Worten und vernünftigen Reden hoher menschlicher Weisheit, sondern in aller Einfalt, darum aber in Beweisung des Geistes und der Kraft gepredigt. Wenn ich aber oben von den verschiedenen Phasen der kirchlichen Entwicklung sprach, so wird Jeder mit mir auch das als Aufgabe des evangelischen Predigers, d. h. des Predigers des immer Einen Evangeliums anerkennen, der jedesmaligen Gestaltung dieser Entwicklung (man erlaube mir diesen modernen Ausdruck) Rechnung zu tragen. Und das hat Catenhusen allezeit in rechter evangelischer Weise und Weisheit gethan. Darum waren es in seiner ersten Amtsführung die Gegensätze aus der Zeit des Rationalismus, gegen welche er nicht nur thetisch, sondern auch antithetisch und apologetisch die Waffen der göttlichen Wahrheit richtete, während die eigentlichen confessionellen Gegensätze damals noch mehr zurücktraten. So predigte er am Jubelfeste der Reformation *) (am dritten

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*) Der damalige Pastor Petersen zu Lensahn in Holstein gab eine "Chronik der Reformationsjubelfeier in den dänischen Staaten am


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Jubeltage den 2. Nov. 1817) über Ebr. 13, 8: Der letzte Gruß, mit welchem das herrliche Fest unsrer Jubelfeier von uns scheidet: Jesus Christus gestern und heut und derselbe in Ewigkeit! als ein Wort des Glaubens, des Trostes und des Friedens. Im ersten Theile spricht er über das Wesen des christlichen Glaubens dem s. g. Vernunftglauben gegenüber. "Aller wahre Glaube, der eben so weit entfernt ist vom trügerischen Stolze des s. g. Vernunftglaubens, als von der beklagenswerthen Dummheit des Aberglaubens, aller wahre Glaube entspringt aus Erfahrung, Einer Prüfung des Christenthums aus reinen Begriffen der Wahrheit ist unsre Vernunft nicht gewachsen; denn sie kann weder zum inneren Wesen der Wahrheit hindurchdringen, noch ihre Kraft erfassen, noch ihren unendlichen Umfang ermessen. Die menschliche Vernunft ist in der menschlichen Sphäre beschränkt und kann nur Menschliches begreifen, keineswegs also das Christenthum ergründen, weil es göttlichen Wesens ist, und es daher nicht prüfen. Die Schlüsse und Urtheile der Vernunft, die sie aus reinen Begriffen zieht, sind daher kein Glaube, sondern Meinung. Ein Vernunftglaube ist ein Unding; denn der Glaube ist eine feste Zuversicht deß, das man nicht siehet, aber doch gewißlich hofft. Die Vernunft aber, in menschliche Schranken gehalten, kann nie zuversichtlich urtheilen über die unsichtbaren, göttlichen Dinge; ihr ist die Ewigkeit ein unauflösliches Räthsel, daher kann aus der Vernunft kein wahrer Glaube kommen. Aber ihr fragt: "Wie können wir denn

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31. Oct., 1. und 2. Nov. 1817" heraus, welche die Entwürfe einer großen Zahl der gehaltenen Predigten aus allen Landestheilen, aus unserm Lande aber nur aus vier Gemeinden, auch die von Uhthoff, nicht aber die von Catenhusen gehaltenen Predigten enthielt - eine interessante Musterkarte damaliger kirchlicher - und unkirchlicher Zustände.


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fest und sicher werden in unserem Glauben; wie uns schützen vor dem blinden Glauben, vor dem Aberglauben? Durch die Erfahrung. Was man erfährt, muß sich uns als etwas Wirkliches, als etwas Wahres darstellen. Was man in allen Verschiedenheiten des Lebens als Eins und dasselbe erkannt muß auch wirklich so sein, als man es erkennt. Das ist die Vernunftmäßigkeit des Erfahrungsglaubens. Auf dieser Erfahrung beruht der wahre Christenglaube. Auf ihn beruft sich Christus, nicht wie irrigerweise Viele wähnen, auf den s. g. Vernunftglauben, wenn er spricht: So Jemand will deß Willen thun, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selber rede. Auf diesen Erfahrungsglauben beruft sich Johannes, wenn er spricht: Was wir gehöret haben u.s.w. (1. Joh, 1). Wollen wir also an Christum glauben und an sein Evangelium, so müssen wir ihn so erfahren, so muß er sich in unsrer Erfahrung uns so darstellen, wie er im Evangelio uns beschrieben wird. Christus muß sich uns darstellen in den zwei Hauptgestalten, in denen er sich in der Schrift uns offenbart; nämlich als der Erlöser, der uns die Vergebung der Sünden erworben hat und die Kraft des h. Geistes, und als der erhöhte Gottessohn, der in allmächtiger Kraft die Welt regiert zum Segen seines evangelischen Reichs auf Erden." Und nun wird ausgeführt, wie Christus in unserem Inneren als der Erlöser erfahren werde, und sodann darauf hingewiesen, wie auch in des Lebens äußerer Erfahrung als der allmächtige Gottessohn. So erkennen wir ihn im Lauf der Jahrtausende von seiner Himmelfahrt bis auf diesen Tag, so auch namentlich in der Reformation Luther's. - - "Ist denn das nicht Christus, wie er sich uns darstellt im Evangelio? - Werdet Ihr hier nicht durch den großen Zusammenhang der Weltbegebenheiten gleichsam zum Glauben an Christum gezwun-

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gen? Luther rief in der Stunde seiner Gefahr: Christus lebt! Und sein Siegesfest scheidet heut von Euch mit dem Worte des Glaubens: Jesus Christus gestern und heut und derselbe in Ewigkeit!"

Im zweiten Theile, in dem er dieses Wort als ein Wort des Trostes darstellt, weis’t er hin auf die damaligen kirchlichen Zustände. "Unsre Zeit ist keine christliche Zeit, keine Zeit reich an Glauben, herrlich in Glaubenskraft. Lag zu Luther's Zeit das Verderben in der Vorenthaltung des Evangeliums, heutzutage liegt es in des Evangeliums Verachtung. Schlimmer fast, möchte ich sagen, ist unsre Zeit, als Luther's Jahrhundert. Da wollten, da sehnten sich doch noch die Menschen zur Bibel, jetzt will man sie nicht mehr. In Luther's Tagen galt Christus doch noch als herrlicher Sohn Gottes, in unsrer Zeit lästert man ihn, und ist frech genug, ihn herabziehn zu wollen von dem Throne seiner ewigen Herrlichkeit! Ja neigt sich nicht unsre Zeit selbst zur katholischen Lehre von den guten Werken hin? Verschmäht sie nicht die Vergebung der Sünden, durch Christi Tod uns erworben? Glaubt sie noch, der Kraft des Geistes, des h. Geistes zu ihrer Heiligung zu bedürfen? Pocht sie nicht auf gut katholisch auf das Verdienst ihrer Tugend, wähnend, durch sie allein selig zu werden?" So schildert er seine Zeit mit leider nur zu wahren Pinselstrichen - und bekennt mit Wehmuth: "Auch ich bedarf des Trostes; denn nur zu oft leider mache ich die Erfahrung, daß unsre Zeit keine christliche Zeit ist!" Dann aber zeigt er auf den Trost hin, daß das Evangelium sieget über alle seine Feinde, und "diesen Trost senkt die Feier dieses Tages in unsre Seele." - "Christus lebet noch! rief Luther in seiner unchristlichen Zeit. Und sein Siegesfest scheidet heute von uns mit dem Worte: Jesus Christus heute u.s.w." Im letzten Theile wird dieses Wort endlich als Wort des Friedens


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nachgewiesen und noch einmal auf Luther hingezeigt, wie der Herr ihn so wunderbar geführt und sein Herz in allem Kampfe mit seinem Frieden erfüllt. "Und in der Stunde der Entscheidung, was hatt's für Noth mit ihm? Christus lebet noch! rief Luther in der Hitze des Kampfes. Und sein Siegesfest scheidet heut von uns mit dem Gruße des Friedens: Jesus Christus u.s.w. Und zuletzt, den in der Einleitung ausgesprochenen Gedanken der Wehmuth, daß dieses Fest von allen jetzt Feiernden niemals werde wieder begangen werden, wieder aufnehmend, heißt es: "Gebe denn dieser Jesus Christus, daß, wenn nun dieses scheidende Fest die Erde wieder begrüßt, wir uns Alle vereinigt sehen dort droben vor unsers Erlösers hehrem Thron, und, den gekrönten Luther in unsrem Kreise, niedersinken vor dem Stuhle seiner Herrlichkeit und anbeten: Jesus Christus gestern und heut und derselbe auch in Ewigkeit! Amen."

Das ist gewiß eine vortreffliche Predigt, und ich meine, um so weniger wird man mir das längere Verweilen bei ihr verdenken, als ihr Inhalt auch in unsrer Zeit noch gar sehr zu beherzigen ist. Sie zeigt uns aber auch, wie Catenhusen klar, plan und offen wider den Unglauben seiner Tage und von der Wahrheit in Christo zeugte, und wie er in seinem Predigen grundlegend zu Werke ging. Und ähnlich sind alle seine Predigten in Lauenburg gehalten, so viele mir davon vorliegen. *)

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*) Ich erlaube mir, einige dieser Predigten noch anzuführen: Ueber die Epistel am 1sten Weihnachtsfeste 1817: Was wären wir ohne Jesus? Arme Menschen, denn wir hätten keinen Gott; blinde Menschen, denn wir hätten keinen Führer; schwache Menschen, denn wir hätten keinen Tröster; verdammte Menschen, denn wir hätten keinen Versöhner. Ueber die Epistel am 2. Weihnachtsfeste dess. J.: Welches Zeugniß wir haben für die Gottheit Christi? Das Zeug-


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Ich erlaube mir, aus einer Predigt noch eine Mittheilung zu machen, die uns an so manches seiner Worte aus den letzten bewegten Jahren seines Lebens und namentlich an ein bei der Eröffnung der Lauenburger Gelehrtenschule im Jahre 1845 gesprochenes Wort erinnert. Es ist das die am 3. Trin. 1820 über 5. Mos. 4, 9 zur Feier der Schlacht bei Waterloo gehaltne "deutsche Siegespredigt an das deutsche Volk." Wie er später auch wohl that, wenngleich nicht zu oft, hat er hier die Theile gereimt zusammengestellt: Hör's, Deutschland, hör's: „Noch einmal hat dich Gott aus Feindes Hand errettet, noch einmal zahlt die Schuld der Söhne blutger Tod. Ach, siehst du's noch nicht ein, was dich so tief gebettet? Du glaubst an Christum nicht, das schafft dir alle Noth. Hör's, Deutschland, hör's: Dein Heil ist Christus nur allein, und weigerst du dich ihm, wirst du verloren sein!" Im letzten Theile heißt es nun so: "Nur Einer ist dein Helfer, Jesus Christus. Gott gebe dir Gnade, deutsches Volk, daß du ihn erkennest; ohne ihn bist du verloren! Verloren? Ich bin kein Prophet,

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niß des Wortes Gottes; unseres eignen Herzens; unseres Lebens und der Regierung der Welt. Ueber Tit. 3 am Epiphaniensonntage 1818: Aus Gnaden sollen wir selig werden! Also nicht 1) durch das Verdienst unsrer Werke; 2) durch unsre Meinung oder Ansicht; 3) auch nicht durch unsre Vernunft oder eines Menschen Lehre; 4) auch durchs Gewissen nicht. Sondern 5) allein durch Christi Blut und 6) in der Kraft des h. Geistes. Da ihm außer den Nachmittagspredigten auch die Frühpredigten an den Festen zufielen, so hatte er hier oft frei gewählte Texte, z. B, am Neujahrsmorgen 1818 über Ps. 90: Der Rückblick auf die Vergangenheit, der Hinblick aus die Zukunft. (Beiläufig bemerken wir aus den dieser Predigt auf dem Concept angefügten Notizen, daß von 86 im Jahre 1818 gebornen Kindern 2 uneheliche, und daß in diesem Jahre 1558 Communikanten waren.) Auch eine Homilie über die Epistel am 3. Adv. 1817 liegt vor mir.


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aber das sage ich im Voraus: so kann's nicht lange mehr gehen, so nicht lange mehr bestehn. Wird's nicht bald anders, rufen wir nicht den alten Glauben bald zurück in unsre Herzen, so sollt ihr sehen, es schlägt über kurz oder lang ein Feuer in Deutschland auf, das nicht zu löschen steht, und das verheerend dahinfährt über die deutschen Lande, bis auch das Heil, das uns jetzt geworden, in rauchenden Trümmern wieder vor uns liegt und wir ein Spielball fremder Völker werden. Ach, daß mit solchen Ahnungen der letzte Klang der heutigen Siegespredigt unser Ohr trifft! Deutschland, Deutschland, ach, mein liebes Vaterland, du bist ja auch meine Wiege gewesen dereinst, und hast mich groß gezogen an deiner warmen Brust; von deinen Lippen hab' ich ja reden gelernt, und in dir so manches Glück, so manche Freude funden! Deutschland, Deutschland, willst du verloren gehn? Willst du, da der Herr dich gerettet, wieder auf's Neue freventlich in die Tiefe des Verderbens stürzen? Willst du auch einst mit den Trümmern deiner Städte, mit dem Herzblut deiner Söhne, mit den Ruinen deines Glückes der Menschheit dastehn als eine traurige Lehre, daß ohne Christus kein Heil sei? Willst du auch der Welt von deinem Grabe es predigen, daß jedes Volk, das von Christo weicht, verloren gehe? Verloren! Soll das Wort der Verzweiflung heut an deinem Siegestage gerufen werden über dein Volk? Verloren! Soll das der dumpfe Todesklang sein, in dem der letzte Klang deiner Siegespredigt verklingt? Ach hör's, Deutschland, hör's: Dein Heil ist Christus nur allein, und weigerst du dich ihm, wirst du verloren sein! - Hier spricht der heutige Tag mit seiner Predigt Amen! Aber ich kann noch nicht Amen sagen. Nein, der bangen Ahnung, mit der die Predigt schließt, muß mein Herz sich erst entringen zu einem heitern Blick nach oben. Vater im Himmel, von dir kommt ja alle gute und alle vollkommene Gabe. Sende du denn un-


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serem Vaterlande, sende unserem Volke, was zu seinem Heile dient. Oeffne uns Allen die Augen, daß wir erkennen: Es ist in keinem Andern Heil, denn nur in dem Namen deines Sohnes Jesu Christi! Amen." - So Catenhusen, der sein liebes Deutschland wie Einer auf dem Herzen trug, aber in dem Einen nur sein Heil sah, darin alles Heil beruht. Und was er bereits im Jahre 1820 vorausgeschaut, und was er im Jahre 1845 vorher verkündet, ist's nicht geschehn, und wär's nicht vollends geschehn, wenn der, der so lange Frist geschenkt, nicht gnädig drein geschaut hätte? Und jetzt hat der barmherzige Gott abermals eine Frist geschenkt; ach, daß wir doch die Warnungen seiner treuen Knechte zu Herzen nähmen!

Von Catenhusen's späteren in Lauenburg gehaltnen Predigten liegt mir keine vor; ich darf aber mit gutem Grunde behaupten, nicht nur daß sie, was ja keine Frage ist, dieselben ihrem Wesen und Inhalt nach geblieben, sondern daß sie mit ihm selber völliger und vollkommner noch geworden sind. Und wenn bereits gegen das Ende der zwanziger Jahre die Confession mehr in den Vordergrund trat, so werden seine Predigten auch in dieser Beziehung fortgeschritten sein, und zwar zu der ächt evangelischen Weise hin, wie er später für unser herrliches Bekenntniß gezeuget hat, nie und nie vergessend oder auch nur zur Seite stellend das Eine, was vor Allem und Allem jedem einzelnen lutherischen Christen und jeder wahrhaft lutherischen Predigt Noth thut. So schreibt er in einem Briefe vom 19. Juni 1830 an seinen Freund: - "Ich werde wahrscheinlich am Jubelfeste (der Augsburger Confession) gar nicht polemisiren. Ich denke, mit Gottes Hülfe zu predigen über das Bekenntniß unsrer lutherischen Kirche von Christo. Text ist Matth. 10, 32, 33. Dies werde ich im ersten Theile ausführen, und zwar a) was unsre Kirche von der Person Christi, und b) was sie von seinem Versöh-


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nungswerke bekennt. Darauf gedenke ich, im zweiten Theile zu zeigen, wozu uns dieses Bekenntniß verpflichtet. Nämlich a) uns zu prüfen, ob wir in dieses Bekenntniß einstimmen, und b) an diesem Bekenntniß fest zu bleiben, und ihm würdiglich zu wandeln. Hier im zweiten Theile werde ich allerdings die irrigen Vorstellungen von Christo rügen und verwerfen müssen, doch soll dieses mit Gott ebenso offen, als in Sanftmuth und Liebe geschehn."

Charakteristisch für seine ächt evangelische Predigtweise ist auch, was er unter dem 5. März 1828 seinem Freunde schreibt. Wir wissen ja, wie der Rationalismus die Predigt des Evangeliums zu einem in sich todten Moralpredigen hatte znsammenschrumpfen lassen. Aber auch von gläubiger Seite hat man nicht selten der Glaubenspredigt den Vorwurf gemacht, sie ginge zu wenig ins Leben ein und wirke deshalb so wenig. Hören wir, was Catenhusen darauf erwiedert. "In dem letzten Hefte der evangelischen Kirchenzeitung," so schreibt er, "ward irgendwo darauf hingedeutet, daß die evangelischen Wahrheiten noch zu sehr über dem Leben schwebten, und daß sie in den Predigten und Vorträgen noch zu fern vom Leben gehalten würden. Findest du das auch? Ich muß gestehen, ich bin für das Practische in gewisser Beziehung nicht. Jenes ängstliche Moralpfropfen auf das lebendige Glaubenswort finde ich auch in der Schrift nicht. In Petri erster Pfingstpredigt schwebt das Evangelium auch über dem Leben und griff doch von selbst ins Leben hinein, und die apostolische Verkündigung ist auch nichts Anderes, als Anempfehlung und Anpreisung des Wortes vom Kreuze, ohne die specielle Berücksichtigung individueller Lebensverhältnisse. Woran es aber, meiner Meinung nach, jetzt fehlt, das ist die Berücksichtigung innerer Gemüthszustände. Diese finde ich in unseren neueren geistlichen Vorträgen zu wenig bedacht und berührt. Und doch


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sind diese es grade, die den älteren geistlichen Schriften noch jetzt einen so hohen Grad von Interesse verleihen und sie nie veralten lassen. Was macht Luther's, was Johann Arndt's Schriften noch jetzt zu einer so reichen Fundgrube der Erbauung und des Trostes? Nichts Anderes, als der reiche Fond innerer geistlicher Erfahrung, der darin niedergelegt ist. Luther's Schriften kommen mir vor, wie ein großes Spital für den Himmel. Jedes kranke, jedes verwundete, jedes angefochtene Herz findet seine eigene Zelle darin und sein inneres Leben in effigie. Aus dem Schatze innerer Erfahrung, dünkt mich, müßte mehr gegeben werden in heutigen Predigt- und Erbauungsbüchern, als geschieht." Es bedarf übrigens wohl nicht der Bemerkung, daß der Predigt des Gesetzes damit in keiner Weise ihre Berechtigung und Nothwendigkeit in der evangelischen Predigt abgesprochen, oder auch nur beeinträchtigt werden soll. Es hat wohl selten ein Prediger die rechte Theilung des Wortes und den rechten Brauch des Gesetzes so gut verstanden und geübt, wie Catenhusen. So hat er auch wohl die Sünden der Gemeinde zu strafen und das rechtschaffene Wesen in Christo ihr vorzuhalten gewußt; aber dieses wie jenes war nicht das Moralpfropfen,
was er meint und wovon er redet, so wenig wie die Paränesen der apostolischen Briefe es sind.

Fragen wir nun nach dem Erfolge seiner Predigt in seiner ersten Gemeinde, so kann ja freilich der Erfolg und zumal der sichtbare Erfolg nicht der untrügliche Maßstab für Predigt und Prediger sein. Wie viele treffliche und lebendig zeugende Männer haben viele Jahre lang gepredigt, und sichtbare Erfolge ihrer Predigt nicht sehen dürfen, wenn auch des Wortes unsichtbarer, verborgener Segen nicht ausbleiben konnte, und oft erst nach ihrem Tode sich zeigte, so daß hier das Wort sich erfüllt: Dieser säet, der Andre schneidet. Es ist eine be-


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sondere Gnade, wenn der Herr dem gepredigten Worte sichtbare Erfolge in der Gemeinde giebt, und er giebt sie zumeist nur dem Prediger, der sie tragen kann. Diese Gnade aber ward unserem Catenhusen in seiner ersten Gemeinde gegeben, und er erkannte das als Gnade und gab dem allein die Ehre, dem sie gebührt. Seine Predigten, obwohl Nachmittags und an den Festen auch in der Frühe Morgens um 6 Uhr gehalten, wurden gern und fleißig gehört. Es bildete sich, was so wichtig ist, bald ein Kreis regelmäßiger und beständiger Hörer, und dieser Kreis erweiterte sich je mehr und mehr. So wirkte das Wort freilich nicht in auffallender Weise, - war doch auch der junge Prediger schon von allem methodistischen Treiben fern, wie denn ächt lutherische Nüchternheit bei aller Glaubensinnigkeit ein charakteristischer Zug seines inneren Lebens war, - aber sauerteigartig in der Gemeinde, hier ein Herz, dort ein Herz für die Wahrheit gewinnend, und an der treuen Pflege des vom Prediger ausgestreuten Samens ließ der Pastor es nicht fehlen - die drei P, wie Claus Harms sagt, Prediger, Pastor und Priester umfassen ja das geistliche Amt. Und was so innerlich in den Herzen gewirket ward, das that sich auch im Laufe der Zeit mehr und mehr sichtbar kund. Hören wir, was Catenhusen selbst, der so fern von eitlem Selbstruhm war, am Ende seines ersten Amtes über den damaligen Zustand der Gemeinde an seinen Freund schreibt. Man hat wohl gesagt, er sehe die kirchlichen Zustände unseres Landes mit dem Auge der Liebe in einem zu günstigen Lichte an. Das mag von seiner letzten Lebensperiode wohl gelten, aber es gilt das doch nur von seinem Urtheil über das Ganze unseres Landes, und das im Gegensatz zu andern Ländern, nicht von seinem Urtheil über einzelne Gemeinden, namentlich solche, denen er näher stand. Sein Urtheil über seine erste Gemeinde zeigt sich uns aber um so unparteiischer, als er im


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Anfang seiner Amtsführung ganz anders hatte urtheilecn müssen, wie wir sehen werden. "Es wenden sich," so heißt es in einem Briefe vom 19. Juni 1830, "immer mehr Seelen dem Evangelio zu. Das Haus des N. N. ist ganz eifrig geworden und fehlt keinen Sonntag in der Kirche. Die N. N. und sämmtliche Genossen des N'schen Hauses sprechen ihre evangelische Gesinnung laut und öffentlich vor der Welt aus, und haben dessen keinen Hehl, was sie glauben und nicht glauben, N. N. ärgert sich über alle Entstellungen der evangelischen Wahrheit, und will, daß nach der Augsburgischen Confession gepredigt werde. N. N. ist dem Evangelio zugethan, und in den geringeren Ständen giebt es noch sehr Viele, die mit ganzer Seele am Evangelio hängen. Du stehst also, daß das Wort unseres Gottes und Heilandes sich hier anfängt Bahn zu brechen. Ach, Gott gebe, daß unser ganzer Ort immer mehr und mehr voll werde der Erkenntniß des Herrn! - Mit Obigem wollte ich Dir nur sagen, daß das Evangelium hier auch Freunde unter Hohen und Niedrigen hat, und die ganze Gemeinde mit wenigen Ausnahmen so gestimmt ist, daß, wo sie offenbaren Widerspruch gegen die Schrift wahrnimmt, sie sich solches nicht gefallen lassen wird. - Nun, der Herr, der hier in Lauenburg "de beste Hülpsmann" heißt, der wird hüten und wachen, ne quid ecclesia detrimenti capiat. Dem wollen wir uns und die Sache befehlen!" Vergleichen wir mit solchen erfreulichen Zeugnissen, was der junge Prediger in den ersten Amtsjahren einmal (Juli 1819) schrieb, als von der damals noch nicht lange gestifteten Bibelgesellschaft unsres Landes die Rede war: "Du kannst es nicht glauben, wie die Vernunft hier Alles kalt gemacht hat gegen Gottes Wort. Wollten wir über die Bibel anfangen zu reden (nämlich in gesellschaftlichen Kreisen), so würde man sich entweder des Gesprächs bemächtigen, oder es auf andre Dinge

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führen, oder aber der Eine und Andre würde allmälig das Zimmer verlassen, um dem biblischen Discurse sich zu entziehen. Wieder Andre würden mit stolzem Lächeln zuhören und gegen den Sprecher eine Miene annehmen, darin der Seufzer: o sancta simplicitas! nicht undeutlich zu lesen wäre. Du kannst glauben, ich habe es oft versucht und versuche es noch oft, aber jeder Versuch fast ist nur zur Kränkung und Verwundung meines Herzens ausgeschlagen." Wir dürfen nun allerdings diesen erfreulichen Umschwung in der Gemeinde nicht den Predigten Catenhusen's allein, aber müssen ihn doch hauptsächlich ihnen und seiner ganzen Amtsführung, oder vielmehr dem Segen, welchen Gott darauf gelegt, zuschreiben. Recht deutlich wurde dieser Umschwung in einem Ereigniß, welches sich im letzten Jahre seines Aufenthalts in Lauenburg zutrug. In der dortigen Kirche hing seit alten Zeiten ein großes Christusbild vor dem Chor, wie auch anderswo, z. B. in der Kirche zu Möllen. Dieses hatte man bei Gelegenheit eines Baues weggenommen und unter den Thurm gehängt, wo es verbleiben sollte. Das aber wollte die Gemeinde nicht, zumal da das öffentliche Gefängniß in Lauenbnrg, weil im alten Schloßthurm befindlich, der Thurm genannt wird, und auf ihr Verlangen mußte es wieder die frühere Stelle einnehmen. Hierüber heißt es in einem Briefe vom 16. März 1831: "Was hier für Dinge vorgegangen sind, und welchen Sturm es gegeben hat, um das Christuskreuz wieder an seinen alten Platz, oder wie das hiesige Volk sagt, wieder zu Ehren zu bringen, hast Du vielleicht schon gehört. Wie viel Leidenschaftliches von der einen und von der andern Seite auch dabei untergelaufen ist, so ist doch so viel dabei herausgekommen, daß die Gemeinde ihr Glaubensbekenntniß bei dieser Gelegenheit rund und unumwunden ausgesprochen hat, und es hat sich bei dieser Sache nicht um das Christusbild

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allein gehandelt, der bei weitem größte Theil der Gemeinde hat dabei erklärt, daß man sich den Glauben an die ewige Gottheit Jesu und an die Versöhnung durch sein Blut und seinen Tod nicht nehmen zu lassen gedenke. Dieser ganze Vorgang wird auf die demnächstige Wahl eines zweiten Predigers hieselbst großen Einfluß haben. Einige Mitglieder des Magistrats haben bereits erklärt, daß man bei der Wahl hauptsächlich auf die Orthodoxie sehen müsse, denn es möchte sonst wieder ein Sturm kommen!"

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Ich komme jetzt zu Catenhusen's übriger Wirksamkeit in seiner ersten Gemeinde, zu seiner Arbeit an und in derselben, namentlich seiner Seelsorge. Der Schwerpunkt der Amtswirksamkeit eines Predigers liegt in der öffentlichen Predigt, und wo es an ihr ganz fehlte oder wo es mit ihr nicht steht, wie es sollte, da wird schwerlich alles Andre sie zu ersetzen vermögen. Aber dieses Andre, und namentlich die Seelsorge, wozu wir ja alle Lehre und Predigt unter der Kanzel, im Beichtstuhl, am Krankenbette, in den Häusern hin und her rechnen dürfen, ist ein nothwendig Hinzukommendes, was nicht fehlen darf, soll das evangelische Predigtamt recht verwaltet werden. Catenhusen hatte nun unstreitig eine ganz besondre Gabe zu seelsorgerischer Thätigkeit, und konnte er namentlich in seinem letzten Amte ihr weniger genügen, als es seines Herzens Wunsch war, in seinem ersten Amte, zumal im kräftigen Jugendalter, ist er trotz vieler und schwerer Arbeit - er gab Jahre lang täglich sechs bis neun Stunden Privat-Unterricht - ein treuer und fleißiger Seelsorger gewesen. Wie seine letzte Gemeinde ihn aber auch als solchen hat kennen lernen, und wie Alle, die ihn näher kannten, es erfahren, wie er so freundlich und liebevoll die Betrübten trösten, die Angefochtenen aufrichten, die Zweifelnden belehren, die Zürnenden

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besänftigen konnte, und wie er ganz besonders am Kranken- und Sterbebette sich als evangelischen Prediger erwies, so ist er auch, abgesehen von der tieferen und reicheren Erfahrung der späteren Zeit, in seinem ersten Amte gewesen. *) Hatte er
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*) Was namentlich den Besuch und Zuspruch und die rechte Behandlung der Kranken betrifft, so darf ich mir gestatten, an dieser Stelle, da sich später der passende Ort nicht finden dürfte, aus einem an mich im Jahre 1838 gerichteten Briefe einige Stellen auszuheben. Sie mögen uns Catenhusen's Ansichten und Grundsätze in dieser Beziehung aussprechen, wie sie auch schon in Lauenburg die seinigen gewesen sein werden. „Gewiß sind die Besuche der Kranken ein sehr wichtiger Theil unsrer Amtspflichten, aber ohne Zweifel ist auch kein Theil unsrer Amtsobliegenheiten schwieriger und erfordert größere Vorsicht und Behutsamkeit als eben dieser. Zunächst erfordert das Krankenbett, die geschwächten Kräfte des Kranken, seine in vielen Fällen erhöhete Reizbarkeit eine zarte Aufmerksamkeit und Schonung, damit nicht wirklich durch unsre Ansprache und Zusprache sein Gesundheitszustand oder vielmehr sein Krankheitszustand verschlimmert und auch nur augenblicklich verschlimmert werde. Dann aber muß der Prediger in unsern Tagen die Kranken ganz anders nehmen und mit ihnen ganz anders umgehen, als in früherer Zeit. - Wir müssen jetzt leider bei Kranken im Allgemeinen voraussetzen, daß sie von dem, was wir an sie bringen wollen, nichts verstehen, nichts fassen und begreifen, und daß deshalb unser Wort vielfältigem Mißverstande und mannichfaltigen Mißdeutungen werde ausgesetzt sein. Ueberdieß ist das Verhältniß zwischen Prediger und Gemeinde ein so lockeres geworden, daß viele Mitglieder der Gemeinde die Befugniß des Predigers zur Seelsorge kaum ahnen, geschweige denn die Verpflichtung desselben zu ihr anerkennen, und daß deshalb seine ernsten Bemühungen in der Seelsorge Mißverständnissen leicht unterliegen. Es ist daher in unsrer Zeit rathsam und nothwendig, daß der Prediger bei seinen Krankenbesuchen, bevor er den Kranken an's Herz tritt, zuvor sich einen Weg zu ihrem Herzen bahne, und daß er vor allen Dingen am Krankenbett die Zeiten unterscheiden lerne, wo er mit Nutzen sprechen kann, und wo es vielleicht angelegter ist, für Augenblicke zu schweigen. - - Mich


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doch ein Herz, das jede fremde Noth tief mit fühlte, und wie
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dünkt, daß es bei der Pflege der Kranken von großer Wichtigkeit ist, wenn wir die Vergebung der Sünden sofort zum Mittelpunkt und Hauptgegenstand unsrer Unterhaltung mit ihnen machen. Die Nothwendigkeit dieses Trostes leuchtet dem Menschen von vornherein so ein, daß es gar keines weiteren Redens darüber bedarf, und mit diesem Trost können wir den Kranken so sanft, so linde, und doch so ernst und nachdrücklich ans Herz kommen, daß wir ein tiefes Bedürfniß nach Christo und seinem Heile in ihnen erwecken, ohne heftige Aufregungen ihrer Gemüther zu veranlassen, die auf dem Krankenbette doch nicht ohne Einwirkungen auf den leiblichen Zustand bleiben würden. Das Gesetz aber richtet auf dem Krankenbette meistens nur Zorn an, auch haben wir mit den Kranken gewöhnlich nicht Zeit, den Lauf durchs Gesetz zum Evangelio zu nehmen, und das Gesetz ist auch im Evangelio selbst enthalten. -
Es giebt Prediger, und sehr wackere, ernste, brave Prediger, welche die Kranken recht tief in sich treiben wollen, um sie durch eine ernste Selbsterkenntniß auf die Vergebung der Sünden vorzubereiten. Allein zu geschweigen, daß es manchmal die körperlichen Zustände des Kranken gar nicht zulassen, daß er tief in sich gehe - denn was kann der Kranke in Fieberbetäubungen machen? - so ist es wohl zu bemerken, daß der Kranke nicht tiefer in sich gehen kann, als ihm Gnade dazu von Oben geschenkt wird. Die Buße selbst ist nur in dem Grade da, in welchem die Sehnsucht und das Verlangen nach Vergebung der Sünden da ist, und wir haben nichts anderes als diese Sehnsucht und dieses Verlangen zu erwecken, was am leichtesten zumal auf dem Krankenbette, wo es sich um Bleiben und Gehen handelt, durch die Anpreisung des Trostes der Vergebung der Sünden geschehen kann und mag. Vor allen Dingen möchte ich vor dem Drängen und Treiben der Kranken warnen. Wie gern wir es auch möchten, so steht es doch nicht in unsrer Kraft, den Kranken zu bekehren. Die Stunde des Herrn will erwartet sein. Wir können nichts, als bitten: Lasset Euch versöhnen mit Gott! und das können und müssen wir thun mit aller Freundlichkeit, Sanftmuth und Geduld. Schlägt die Bitte nicht an. dürfen wir nicht eifern. In des Herrn Hand steht die Frucht und der Segen unsrer Arbeit.“


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er aller Armen und Bedrängten Freund war, so trieb ihn seine Liebe, sich leiblicher und geistlicher Noth wo und wie er nur konnte anzunehmen. So hatte er in seinen ersten Amtsjahren für eine die äußerste Noth leidende Familie in der Nähe Lauenburgs Fürsprache gethan, und war, da ihr nach seiner Ueberzeugung Unbill widerfahren, bis zur Regierung gegangen. "Meine nicht," schreibt er im Januar 1821, "ich mische mich in juristische Händel und dränge mich unberufen in diese Sache. Fürbitte habe ich eingelegt, das ist Keinem verboten. Ich habe zur Rettung einer verzweifelten Familie um Ausführung dessen gebeten, was die Regierung zu Recht erkannt hat. Zu solcher Bitte halte ich mich nicht nur befugt, sondern verpflichtet a) durch Gottes Wort Jes. I, 17. Sir. 4, 26-29. Sprichw. 29, 7. 21, 3. b) durch das Beispiel früherer Diener des göttlichen Worts. Luther schreibt Tom. 1. p. 328: Schwerdt soll kein Christ für sich und seine Sache anrufen und führen, sondern für einen Andern mag und soll er es anrufen und führen, damit die Bosheit gesteuert und Frömmigkeit geschützt werde. Hoffmann's Predigten von unerkannten Sünden S. 361: vom unzeitigen Stillschweigen: diese Sünde wird von Allen begangen, die zum Schaden des Nächsten schweigen. Das Gesetz der Natur und Liebe verbindet sie, dasjenige zu offenbaren, wodurch ihrem Nächsten Schaden zugefügt wird. Sehen sie, daß wider den Nächsten gefährliche Anschläge geschmiedet werden, so sollen sie reden und nicht schweigen. Cl. Harms Sommerpostille p. 123: Die Pflicht des Christen, jedem Unrechtleidenden beizustehn. c) Durch meinen Amtsberuf, Seelen vor Versuchungen und Anfechtungen zu bewahren; diese sind hier vorhanden - da muß ich doch wohl reden und die Hülfe der Regierung erflehen, die sie als rechtmäßig erkannt hat. d) Durch meinen Unterthaneneid, der mich verbindet, Alles zur Kenntniß der Behörde zu bringen, was contra leges divinas et civiles ist."


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Und ein andermal schreibt er: "Wir haben jetzt eine verlorene Seele bei uns. Was meinst du, sollte der Herr nicht auch sie suchen? Sollte der Hirte nicht seine 99 Schäflein lassen und diesem Einen verirrten nachgehen? Sollte das Weib nicht ihr Licht anzünden, und ihren verlornen Groschen in allen Winkeln suchen? So laß uns stark sein im Glauben und muthig in Hoffnung. Gewiß, ist es des Herrn Amt, verlorene Seelen zu suchen, so ist er auch bei dieser verirrten Seele mit uns auf der Fahrt, und dürfen wir nicht einen gesegneten Ausgang erwarten, wenn wir an Verirrten dem Herrn unsern Dienst und unsere Hände leihn? Nun, so wollen wir denn nicht muthlos werden, uns auch nicht erschrecken lassen, und diese Seele nicht aufgeben, so lange der Herr sie noch hält. Dies, denke ich, ist unsre Pflicht, damit wir nachgehends nicht eine Seele weggestoßen haben, die der Herr noch erretten wollte!"

Den Confirmationsunterricht hat in Lauenburg der erste, die Taufen der zweite Prediger, und wie Catenhusen von Anfang an die Heiligkeit derselben den Eltern ans Herz zu legen suchte, zeigt eine am Feste der Erscheinung 1817 über Tit. 3, 4-8 gehaltene Predigt: Von dem heiligen Sakramente der Taufe, in der er zeigt 1) wie die Taufe ein Bad der Widergeburt sei, und 2) worin die Ehrfurcht bestehe, welche Christen gegen das Sakrament der Taufe äußern müssen. Er hat aber auch viel unterrichtet, wozu ihn die geringe Einnahme seiner Stelle bei wachsender Familie nöthigte. Auch zum Unterricht und namentlich katechetischen Unterricht hatte er besondre Begabung. Es stand ihm bei seiner Klarheit im Denken eine Klarheit und Einfalt des lehrenden Worts zu Gebote, daß das Gelehrte und Gelernte sich dem Gedächtniß und Herzen unverlierbar einprägte. Das werden seine späteren Confirmanden bezeugen, und so hat er auch in Lauenburg durch seinen Un-


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terricht manch junges Herz der Wahrheit zugeführt. "Wie danke ich Ihnen," so schreibt eine liebe, nun längst auch heimgegangene Schülerinn später an ihn, "wie danke ich Ihnen noch für den Grund des Glaubens, den Sie in mir gelegt haben! Es kommen jetzt manche Stürme; aber Gott wird geben, daß ich nicht wanke. Er, der treue Hirt Jesus, wird auch mich behüten!"

Außer seinen öffentlichen Predigten predigte und lehrte er das Wort, wo sich ihm eine Gelegenheit bot. An den Sonnabenden hielt er eine Betstunde im Armenhause, und in einzelnen Bürgerhäusern legte er zu Zeiten in bestimmten Stunden die heilige Schrift aus. In den Vormittagsgottesdiensten hatte er, wie bemerkt, die Predigt nicht zu halten, wohl aber mit dem Altardienst die Vorlesungen. Auch führte er die Leichenreden wieder ein, wie er (9. April 1817) schreibt: "Die Bürger werden hier öffentlich beerdigt. Es war bisher Gebrauch, daß in der Capelle blos die Collecte gesungen ward; jetzt habe ich angefangen, die Leichenreden wieder einzuführen."

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Nachdem ich nun seine Amtswirksamkeit in Lauenburg, seine Predigten und seine Arbeit in und an der Gemeinde besprochen, ist es sein eigentlich theologisches Arbeiten jener Zeit, das ich noch kürzlich darzustellen habe.

Durch viele Amtsgeschäfte in Anspruch genommen und dazu durch äußerlich beschränkte Lage zum Privatunterricht genöthigt, wußte er doch bald in der Theologie einheimisch zu werden und das Versäumte rasch nachzuholen (namentlich seine gründliche Kenntniß im Hebräischen hatte er sich erst im Amte erworben). Während er auch die eigentlich klassischen Studien jetzt keineswegs ganz aufgab, wendete er nun vor Allem seine ganze Kraft auf das Studium der h. Schrift in den Grundsprachen, sodann auf die alten Kirchenväter, die Schriften


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Luther's und des Reformationszeitalters, denn es kam ihm, was auch die allgemeinen Meinungen seiner Zeit sein mochten, vor Allem darauf an, die über alle Zeitwechsel erhabene ewige Wahrheit zu erkennen und ein recht sicheres Wissen von dem zu erlangen, was der Glaube und die Lehre der h. Apostel und aller rechtgläubigen Christen, die je gelebt, gewesen ist. Da mußte er sich ja bald von der Theologie seiner Zeit, die sich so leicht als eine von Gottes Wort abweichende auswies, ganz auf die früheren Zeiten zurückgewiesen sehen, und so ist es nicht zu verwundern, daß er sich mit ganz entschiedener Vorliebe in die alten Väter und besonders Luther hineinzustudiren und hineinzuleben suchte. So heißt es in dem öfter schon angeführten Nekrologe, und ein vor mir liegendes Excerptenbuch bezeugt es, wie er mit großem Fleiße die alten Kirchenväter und die Väter unserer Kirche, namentlich Luther, Chemnitz, Gerhard studirt, daneben aber auch alte und neue Philosophie, besonders Plato, Spinoza und Kant, und fortfuhr, mit den Klassikern sich eingehend zu beschäftigen. Und wenn nun von ihm gerühmt wird, daß er die theologische Wissenschaft der Neuzeit keineswegs unbeachtet gelassen, vielmehr jede bedeutende Erscheinung auf diesem Gebiete kannte, aber auch prüfte, und sich nie, nach der ihm verliehenen Gabe, die Geister zu prüfen, durch den Schein blenden ließ, so gilt dieses auch schon von seiner Lauenburger Zeit. Er ließ sich auch damals schon nicht durch die zeitweilige Geltung irgend welcher wissenschaftlicher Richtung der Theologie in seinem selbstständigen und nüchternen Urtheil bestechen. Nicht durch Schleiermacher, von dem Hengstenberg (in seinem Vorwort zur Ev. Kirchenzeitung 1861) so treffend sagt, daß sein persönliches Christenthum, wie Oel im Wasser bei allem Schütteln, doch immer oben geblieben, der aber von dem Seinigen so viel hinzuthat, daß der täuschende Schein des Lebens, womit er es bei seiner hohen geistigen

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Begabung auszustatten wußte, gar bald hinwelkte. Nicht durch Hegel, den seine eignen Nachfolger und Schüler zu Schanden gemacht, und dessen Strom, wie es eben dort heißt, auf dem er mit so viel Anstand zu segeln wußte, in die Bauer und Feuerbach verlief und in die Bilderstürmereien der Hallischen und deutschen Jahrbücher, die sich nach kurzem Verlauf mit socialistischem Taumel verschwisterten. Das Alles sah Catenhusen's scharfer Blick, geschärft und gefestigt durch Gottes Wort und die gesunde Lehre unsrer Kirche, schon damals voraus, und so auch alle Wirren der Union, über welche er schon sogleich bei ihrem Anfang und Entstehen richtig und wie bis ans Ende urtheilte. "Wider die Berliner Union, schreibt er (1. Juli 1818), stimme ich ebenfalls, weil zum Ersten unsere Zeit kein himmlisches Fundament ihr zu Grunde legen kann, sondern die ganze Union zum Theil nichts Anderes ist, als eine Vereinigung der religiösen Parteien im Indifferentismus. Die Nebensache ist, wie man sich ausdrückt, zur Seite gestellt, und in der Hauptsache ist man Eins; den Vogel haben wir schon lange pfeifen hören. Zum Andern weil diese Vereinigung nicht gehörig vorbereitet, sondern an den Haaren herbeigezogen ist. Dabei kann 's nicht fehlen, daß auch Haare ausgerupft werden. Hier wenigstens sind schon preußische Schiffersfrauen gewesen, die geklagt haben mit Thränen, daß man sie zu einem neuen Glauben habe zwingen wollen. Ist das Glaubensfreiheit? Nicht vielmehr Glaubenszwang? Diese Berliner Union ist nach meiner Ansicht nichts als das höchste Papstthum in der protestantischen Kirche. - Was die Symbole (Bekenntnißschriften) anbetrifft, so müssen nach meiner Ansicht so lange Symbole sein, als es nicht EINE Heerde im wahren Glauben giebt. Symbole sind nicht etwas Willkührliches, sondern etwas Nothwendiges in der Zeit. Alle Symbole, lehrt die Geschichte, sind vom Unglauben erzwungen, damit in ihnen,

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so viel dies sein kann, der wahre Glaube charakterisirt werde. Ist also noch ein Reich des Unglaubens der wahrhaft gläubigen Kirche entgegengesetzt, so müssen, menschlicher Schwachheit halber, Symbole sein, damit ein Jeder weiß, in welchem Territorium er sich aufhalte. Die Symbole sind Gränzpfähle mit der Inschrift: Territorium des Glaubens. Sie sind so nothwendig, daß selbst die Feinde der Symbole, ihnen unbewußt, ein Symbol haben. Ist denn der Rationalismus ohne Symbol? Spricht er nicht in seinem Princip sein Symbol aus? - Laß uns nur in Gottes Namen unsre Augsburgische Confession halten. Sie ist freilich nur Planet und empfängt von der Sonne ihr Licht, aber es ist doch auch Sonnenglanz, der aus ihm leuchtet. Ich wenigstens kann ohne Symbol nicht fertig werden, und danke Gott, daß er durch den theuren Mann Dr. Luther ein solches hat werden lassen. Und, will's Gott, will ich doch um des lutherischen Symbols willen keinen Reformirten hassen oder gar von Christo ausschließen, sondern festiglich glauben, daß mancher Reformirter wohl ein besserer Christ sein mag, als ich. Ist mir auch, Gott Lob, noch nicht eingefallen, einen Reformirten zu hassen um seines calvinistischen Symbols willen." So schrieb unser Catenhusen im Jahre 1818, und wie daraus sein Urtheil über die "Berliner" Union, das sich allezeit gleich geblieben ist, hervorgeht, so auch sein Hochhalten und Festhalten der wahren Union, und auch daran hat er, obschon viel verkannt und mißverstanden, mit seinem innersten Herzen festgehalten, als später der Gegensatz der Confessionen gar anders als früher hervortrat und unser Bekenntniß in ihm einen seiner entschiedensten Vertreter fand. Im Jahre 1826 aber, als er sich in Bremen bei Dräseke's Fortgang um seine Stelle bewarb und dort gepredigt hatte *), schrieb

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*) Die Predigt erschien im Drucke: "Vom wahren Glauben an Christum. Eine Predigt. Bremen 1826.“


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er: "Die herzlichsten Grüße von Menken, dem lieben Gottfried in Bremen! Wie er ist, stellt man sich nicht vor, wenn man ihn nicht gesprochen hat. Ein Vesuvius spuckt Feuer aus seinen kohlschwarzen Augen. Auch mit Krummacher, Mallet, Müller und vielen andern Leuten des Schlags habe ich verkehrt. Das waren mir selige Tage! Mündlich mehr von Bremen. Wenn man da gewesen ist, kriegt's Herz einen Strich dahin!"

Ich könnte nun aus seiner damaligen Correspondenz noch manches treffende und bewährte Urtheil über bedeutende theologische Erscheinungen jener Zeit mittheilen; aber ich will mich daran erinnern, daß ich nicht zunächst für theologische Leser schreibe. Was ich bisher von seinen theologischen Ansichten mitgetheilt, hat ja ein allgemeines Interesse und muß zu seiner Charakterisirung dienen. Darum aber darf ich auch eine von ihm im Jahre 1820 herausgegebene kleine Schrift nicht unberührt lassen, zumal ihr Inhalt auch noch für unsre Zeit wohl zu beherzigen ist.

Catenhusen hätte ein eben so fruchtbarer, als ausgezeichneter Schriftsteller werden können; aber dazu ließ ihm sein Amt nicht die Muße. Was er früher und später geschrieben, dazu gab ihm dieses die Veranlassung, und es ist nur Einzelnes, was er in späteren Jahren in theologischen Zeitschriften erscheinen ließ. In Lauenburg schrieb er für eine damals in Hamburg erscheinende erbauliche Zeitschrift, der Friedensbote genannt, einige Aufsätze, die in ihrem ersten Jahrgange von 1821 stehen. *) Zu der Herausgabe jener Schrift veranlaßte ihn aber der s. g. Thesenstreit, der eine tiefe und lange anhaltende Bewegung der Geister hervorgerufen, die sich namentlich auch in seiner Gemeinde kund that. CLAUS HARMS, der

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*) "Ueber die Wunder Jesu, ihr Verhältniß zum Evangelio und ihre Wichtigkeit für die Gläubigen."


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damalige in seiner vollen Kraft stehende "Archidiakonus in Kiel“ hatte am Reformationsjubiläum 1817 seine köstlichen Jubelpredigten gehalten und nebst ihnen "die 95 Sätze Luther's mit andern 95 Sätzen als einer Uebersetzung aus 1517 in 1817" veröffentlicht. Luther's Thesen schlugen als ein Blitz in seine Zeit ein, und bewiesen sich auch jetzt wieder so in ihrer erneuerten Gestalt. Harms' Wort hatte getroffen - das zeigte der unmittelbar erfolgende Wiederhall der in großer Menge auf einander folgenden Schriften dafür und dawider. Und wie es hieß zur Zeit der Reformation: Hier Papst, hier Luther, so hieß es nun: Hier Vernunft, hier Glaube, und diese alten Gegensätze sprachen sich schroff aus und kamen dadurch erst Vielen zum klaren Bewußtsein. Da fühlte sich denn nun auch Catenhusen berufen, seine Stimme für den alten Glauben und die alte Wahrheit zu erheben, und ließ 1820 (zu Kiel, in der akademischen Buchhandlung) gedachte Schrift erscheinen, die den Titel trägt: "Zeugnisse der Lutherischen Kirche über Vernunftreligion und wider die Anmaßung der Vernunft, in Sachen des Glaubens Richterinn zu sein. Mit einem Vorbericht für Unstudirte, wie für Studirte, von der ehmaligen Vernunftreligion der Heiden und von der jetztmaligen unter den Christen. Angehängt einige von Herrn Conrector Arndt in Ratzeburg gesammelte schöne Zeugnisse aus Luther's Kirchenpostille insonderheit." LIV. und 88. Jene Zeugnisse sind nun Stellen aus den Bekenntnißschriften, so wie aus Luther's und der älteren Lutherischen Theologen Schriften; für uns ist hier die Vorrede das Wichtigste, und deren Inhalt will ich kürzlich mittheilen. Des Verfassers Absicht ist eine dreifache. Zuerst und hauptsächlich will er Zeugnisse aus der Lutherischen Kirche über eine s. g. Vernunftreligion beibringen, um zu beweisen, daß es nichts weniger als lutherisch und protestantisch sei, die geoffenbarte Lehre der

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h. Schrift der Kritik der Vernunft zu unterwerfen, und nur das und so viel zu glauben, als vor ihrem Richterstuhle bestände, - das ganze Christenthum also - wie Lessing sagt - zu einer Offenbarung zu machen, die nichts offenbart. Sodann will er nachweisen, wie einseitig, flach, verkehrt, ja unredlich das gerühmte Zeitalter der Aufklärung in Behandlung der theologischen Wissenschaften verfahre und damit umgehe, die Lutherische Kirche, wenn es möglich wäre, auf den Kopf zu stellen, und uns dennoch vorzugaukeln, sie sei nun erst auf den rechten Grund gestellt. Endlich aber will er den Lutherischen Predigern in Erinnerung bringen, daß vor den gepriesenen Leuten der Aufklärungszeit auch große, berühmte und gelehrte Theologen in unsrer Kirche gelebt, die nicht so dumm und unwissend gewesen, als man sie gern verschreien möchte, und daß es für Lutherische Prediger unerläßliche Pflicht sei, ihren Werken ein sorgfältiges Studium zu widmen. Dieses der Inhalt der noch immer sehr lesenswerthen Vorrede, denn das dort Gesagte gilt ja auch noch für unsre Zeit. Besonders interessant ist in der ersten Abtheilung der Nachweis aus den alten Griechischen und Römischen Dichtern und Philosophen, daß ihre religiösen Lehren nichts als schwache, dunkle und unvollständige Ahnungen seien, die auf Irrwege geführt und die Nothwendigkeit einer göttlichen Offenbarung in ein helles Licht setzten. Wie gesagt, diese Vorrede ist noch immer sehr lesenswerth, und daß sie damals ihren Zweck nicht verfehlt hat, bewies der Zorn der Gegner, namentlich des Verfassers der Gegenschrift: "Ueber den hohen Werth der Vernunftreligion. Eine theologische Streitschrift gegen die Donatisten unserer Zeit."   Altona 1821.

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So meine ich denn ein Bild der Wirksamkeit Catenhusen's in seinem ersten Amt gezeichnet zu haben, in welchem er uns

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als Prediger, Seelsorger und Theologe entgegentritt - und wie ich schon gesagt, im Ganzen als derselbe, als den wir ihn später gekannt, geliebt und geehrt haben. Und nehmen wir dazu seine ganze Persönlichkeit, seine herzgewinnende Freundlichkeit und Liebe gegen Jedermann, seine harmlose Fröhlichkeit, in der er sich, zumal in freundschaftlichen Kreisen, beim Erzählen, wozu er eine seltne Gabe besaß, in kindlicher Arglosigkeit erging; seine Bereitwilligkeit, Allen zu dienen, und seine große Freigebigkeit an Arme und Nothleidende, dazu seinen reinen, unanstößigen Wandel, seine von Freund und Feind anerkannte ungeheuchelte Frömmigkeit, seine Friedfertigkeit bei aller Entschiedenheit und darum sein freundliches Verhältniß zu seinen Amtsgenossen trotz abweichender theologischer Richtung, so läßt es sich wohl ermessen, daß er der Gemeinde lieb und werth war und ihr mit den Jahren immer theurer wurde. Und ihm war die Gemeinde ja so theuer, war ihm, als seine erste, so an's Herz gewachsen, daß er sich gewiß nie hinweggewünscht und um ein andres Amt sich nicht beworben hätte, wäre er nicht durch den Drang der auch ja so von Gott geordneten Verhältnisse dazu veranlaßt und darauf hingewiesen. "Ich habe," so schreibt er den 11. Mai 1830 an seinen Freund, "die Aussicht vor mir, Schulden zu machen, und das darf ich nicht als ehrlicher Mann, da ich nicht weiß, wie ich sie wieder bezahlen soll. Ueberdieß widerstehen auch Schulden meinen amtlichen Verhältnissen. So viel Privatstunden, wie ich ehemals gab (ich gab häufig täglich 9!), kann ich nach meiner Krankheit *), die mich vor zwei Jahren befiel, und nach einer völligen Nervenschwäche, die ein Jahr darauf, nachdem ich wieder so viel Stunden gab, mich belästigte, nicht er-

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*) Im Jahre 1828 lag er längere Zeit an einer lebensgefährlichen Krankheit darnieder, die wohl Folge zu großer Anstrengung war.


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theilen. Zu einer Pensionsanstalt ist mein Haus zu klein. Es ist also von dieser Seite keine Aushülfe möglich. Unter diesen Umständen dringt mein Schwager in Uetersen in mich, daß ich mich um die durch den Tod des Pastors Höpfner daselbst erledigte Stelle bewerben soll. Bisher hab' ich mich mit Gottes Hülfe sauer durchgearbeitet, und ohne Schulden durchzukommen, das ist für meine amtliche Wirksamkeit nothwendig. Es beruht meine Achtung vor meiner Gemeinde darauf, und diese mir zu erhalten, fühle ich mich verpflichtet. Es ist also nur der Drang der Umstände, der mich zu diesem Schritte vermocht hat, und diesem habe ich geglaubt nachgeben zu müssen." Aus diesen Gründen bewarb Catenhusen sich denn um die Stelle des Hauptpastors und Klosterpredigers in Uetersen, mußte aber, um präsentirt werden zu können, zuvor das Holsteinische Candidatenexamen in Glückstadt bestehen, wo er in dem Hause seines ihm nahe verbundenen Freundes, des Obergerichtsadvokaten Tiedemann, gastliche Aufnahme fand. Dieses Examen war, wie Catenhusen's ausführlicher Bericht an seinen Freund ergiebt, in der That ein rigorosum, und er bestand es mit Ehren, wenn er auch nur den zweiten Charakter mit Auszeichnung erhielt. Besonders über sein fließendes und elegantes Lateinsprechen wunderten sich die Examinatoren. Um solch ein Examen aber mit Ehren bestehen zu können, war Catenhusen zuvor das ganze Gebiet der Theologie noch einmal durchgegangen, und wurde auch dadurch vorbereitet, später selbst ein Examinator zu sein. Er machte das Examen im Herbst (den 10. October) 1830 und blieb, als er am 4. Advent den 19. December nach der über das Evangelium des Sonntags gehaltenen Wahlpredigt mit 229 von 336 Stimmen zum Pastor in Uetersen gewählt war, bis nach Ostern des folgenden Jahres noch in Lauenburg, von wo er nach seiner am zweiten Ostertag-Nachmittag gehaltenen


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Abschiedspredigt dorthin übersiedelte. In dieser Zeit habe ich ihn zuerst gesehen, als ich mich von Hamburg aus zu seiner Stelle meldete - nicht ahnend und nicht ahnen könnend, wie nahe ich ihm noch einmal stehen würde! Sein Scheiden mag ihm schwer, und Vielen seiner Gemeindemitglieder nicht weniger schmerzlich geworden sein, als jenem jungen Bauernburschen aus der Nähe, der ihn Jahrelang sonntäglich gehört, ohne je mit ihm gesprochen zu haben. Aus einem lustigen Weltkinde war er ein gläubiges Gotteskind geworden, seitdem er eines Sonntagsnachmittags auf dem Wege ins Wirthshaus von einem zur Kirche gehenden Mütterchen aufgefordert ward, ihr dahin zu folgen, und seitdem er von dem Sonntage an keine Nachmittagspredigt seines lieben Pastor Catenhusen versäumte. Der kommt ihm nun wenige Tage vor seinem Fortgange auf's Zimmer, und ein Beutelchen mit Geld auf den Tisch legend, spricht er: Herr Pastor, der Apostel sagt: der unterrichtet wird mit dem Worte, der theile mit allerlei Gutes dem, der ihn unterrichtet hat. Weil Sie mich denn im Worte Gottes unterrichtet haben, so wollte ich Ihnen beim Abschied meine schuldige Dankbarkeit beweisen, und bitte Sie, diese Kleinigkeit, die ich mir übergespart habe, von mir anzunehmen. Das sagt der junge Bursch mit treuherziger Miene; als der Pastor aber sich dessen weigert, da treten ihm die Thränen in die Augen und er meint, der Herr Pastor müsse und müsse das von ihm annehmen, denn so sei es ja des Apostels Gebot. Endlich macht der Pastor ihm den Vorschlag, es einer armen Familie, der mit so und so viel geholfen sei, das Geld zu geben, und darauf geht jener denn ein. "Herr Pastor, das ist Ihr Eigenthum, Sie können damit machen, was Sie wollen." Nach acht Tagen aber kommt er noch einmal wieder, um das nachzubringen, was an der Summe für die Armen fehlte. Gewiß, solcher Seelen hat's nicht

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wenige damals in der Stadt Lauenburg auch gegeben, die dem scheidenden Prediger des Herrn Gnadenlohn erflehten! *) Er aber zog, wenn auch mit Schmerzen, dennoch fröhlich seine Straße, denn er wußte, derselbe Herr, der ihn nach Lauenburg geführt, der führe ihn nun auch weiter und ziehe ihm voran.

Und das war ja augenscheinlich Gottes Fügung und Führung. Freilich, was Er jetzt that, das wußte Catenhusen selbst so wenig, als alle Andern; hernach aber hat er's und haben sie's erfahren. Der Weg in die Superintendentur unsrer Landeskirche ging über das Pastorat in Uetersen, und Alles, was er in Lauenburg gearbeitet und gewirkt, und was er in Uetersen noch ferner lernte und erfuhr, das hat dazu dienen müssen, ihn für sein letztes hohes Amt zu bereiten. Ach, was wird's doch sein,, wenn wir Alle einst in unser Erdenleben als in ein offnes Buch zurückblickend, dessen letzte Seite vor uns daliegt, alle die Wege, die unser Gott mit uns gegangen, und ihre Ausgänge mit ihnen schauen dürfen! Da werden wir denn Alle bekennen, was wir auch am Schlusse dieser Lebensperiode unseres Heimgegangenen sprechen:

So führst du doch recht selig, Herr, die Deinen,
Ja selig und doch meistens wunderlich!
Wie könntest du es böse mit uns meinen,
Da deine Treu' nicht kann verläugnen sich?

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*) Eine Anzahl Gemeindeglieder beabsichtigten, ohne Vorwissen Catenhusen's, durch Subscription die Herausgabe eines Jahrganges seiner Predigten zu veranstalten, "um ihn ferner unter seiner mit so innigem dankerfüllten Sinn für diesen theuren Lehrer beseelten Gemeinde zur Hausandacht fortwirken zu sehn." Dieses Unternehmen aber ist nicht ausgeführt, wohl weil er selbst nicht darauf einging. Später im Jahre 1839 erschienen einige seiner Predigten zum Besten des Marienstifts in Ratzeburg. Er selbst legte keinen Werth darauf, seine Predigten gedruckt zu sehen.


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Die Wege sind oft krumm, und doch gerad',
Darauf du lässest deine Kinder gehen, -
Da pflegt es wunderseltsam auszusehen.
Doch triumphirt zuletzt dein hoher Rath!

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Die Jahre des zweiten Amtes. (1831-1834.)

Am 10. April des Jahres 1831 wurde Catenhusen in sein neues Amt eingeführt und hielt er seine Antrittspredigt. Sein Vorgänger, Diedrich Leberecht HÖPFNER, war ein ausgezeichneter Prediger gewesen, wie das der nach seinem Tode von seinem Schwager, dem ihm auch in Sinn und Glauben eng verbundnen Senator Hudtwalcker in Hamburg herausgegebene Jahrgang seiner Predigten beweis't. Er war aber auch ein treuer Seelsorger und hatte sich die Liebe seiner Gemeinde in hohem Grade erworben. "Wenn daher - ich spreche hier und in den ferneren Mittheilungen über Catenhusen's Wirksamkeit in Uetersen mit den Worten eines hervorragenden Mitgliedes dieser Gemeinde, das meine Bitte um dieselben freundlichst erfüllt hat - wenn daher auf der einen Seite bei dem Nachfolger in seiner Bescheidenheit sich der Zweifel erhob, wie er seine Stelle ausfüllen könne, so war dagegen auf der anderen Seile der rege kirchliche Sinn der Gemeinde für ihn eine erfreuliche Erscheinung und eine Aufmunterung, die Wirksamkeit seines Vorwesers fortzusetzen. Und Gott Lob! die Uetersener Gemeinde hat das Glück gehabt, daß der von ihr gewählte Prediger in jeder Beziehung seinem Vorgänger an die Seite gestellt werden konnte, ja daß er die Liebe seiner Gemeinde sich in einem noch höheren Grade zu erwerben wußte. War Catenhusen auf der Kanzel durch seine gehaltreichen und immer im Concepte vorher niedergeschriebenen Predigten im Stande, die Gemeinde in die Kirche zu locken und sie bei dem

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rechten evangelischen Glauben zu erhalten, so wußte er eben so sehr unmittelbar auf die Gemeindemitglieder durch seine häuslichen Besuche zu wirken. Durch seine Johannesfreundlichkeit und seine würzigen Reden und Erzählungen im populären Ton zog er die Herzen unwiderstehlich an sich, und fand dadurch auch zur rechten Zeit Gelegenheit, die, welche es bedurften, auf das Eine was Noth thut hinzuweisen. Vorzüglich waren es aber seine Besuche bei den Trostbedürftigen und Kranken, bei denen sich seine priesterliche Seelsorge in schönster Weise entfaltete und den reichsten Segen und Trost über die Leidenden ausgoß. Es verging fast kein Tag, an welchem er nicht seine Besuche bei den Gemeindegliedern machte, und sobald er von irgend einem Leidenden oder Trostbedürftigen vernahm, so war er zur Stelle, erkundigte sich auch fast jeden Morgen bei den Aerzten nach den Kranken. Schon sein freundliches, Liebe strahlendes Antlitz flößte unbedingtes Vertrauen ein; wie vielmehr nicht sein von keinem Eifern, sondern nur von Jesusliebe überfließender beredter Mund! Und dabei war er ein ächter Jünger seines Herrn und Meisters, voller Demuth und Sanftmuth, voller Freundlichkeit und Güte, gleich gegen Arme wie Reiche, Niedrige wie Hohe. Von jenem priesterlichen Hochmuthe (ich rede hier mit den Worten meines Berichterstatters - und strafe mich selbst!), der sich mehr oder weniger bei vielen Predigern unbewußt äußert, und der damit verbundnen Schärfe des Urtheilens und Verurtheilens war bei ihm keine Spur zu entdecken. Und dennoch war seine Censur, wo es galt, ungescheut nach dem Worte, das er verkündete. Er war ein Prediger, wie er sein muß, und daher der große Einfluß, den er gewann, und die allgemeine Liebe, die er sich in seiner Gemeinde erwarb. Dazu kam denn noch seine große Uneigennützigkeit und der fast unwillkürliche Trieb, überall und Allen zu helfen, wo er angespro-

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chen wurde, was so weit ging, daß er seine Sporteln nicht bei sich behalten durfte, weil er sonst veranlaßt wurde, Alles wegzugeben, obwohl er bei zahlreicher Familie seiner Einnahme sehr bedürftig war. Es konnte nicht fehlen, daß bei einem solchen Charakter das Verhältniß zu seinem Collegen nicht getrübt wurde, obwohl es ihn schmerzte, daß er in Hinsicht der Bibelgesellschaft und der Missionssache keine Unterstützung bei ihm fand. Nicht aber blos als Prediger und Seelsorger, auch in den andern Obliegenheiten seines Amts bewies er seine ausgezeichneten Fähigkeiten. Er scheute keine Mühe und Nachfragen, um sich die gehörige Kenntniß der Verhältnisse zu verschaffen, verwaltete die Geschäfte als Director des Armencollegiums und des Schulcollegiums mit der größten Genauigkeit und Umsicht, und zeigte dabei auch bald eine practische Anlage und Tüchtigkeit, die ihn für eine höhere Stellung auch in dieser Hinsicht als qualificirt bezeichnete.

So lebte und wirkte Catenhusen viertehalb Jahre in der Uetersener Gemeinde, und hatte sich in dieser Zeit so innig in dieselbe hineingelebt, daß eine Trennung von derselben nicht möglich schien. Wie innig dieses Verhältniß war, darüber ließen sich viele rührende Beispiele anführen; wir wollen nur das von einem alten, nicht unbegüterten Bauern nennen, welcher, als er durch Andre erfahren, daß Catenhusen fortgehen werde, und daß dieses deshalb geschehe, weil seine Einnahme in Uetersen so gering sei, ihn auf die bescheidenste und feinste Weise bat, er möge es doch nicht verschmähen, von ihm eine Summe Geldes anzunehmen, wenn er sie bedürfe, was Catenhusen aber auf seine uneigennützige Weise ablehnte.

Catenhusen hat lange und viel mit sich gekämpft, ob er die ihm angetragene Superintendentur in Ratzeburg annehmen solle. Es widerstand ihm auf der einen Seite, seine zweite ihm so lieb gewordene Gemeinde nach so kurzer Zeit wieder


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zu verlassen, auf der anderen Seite war er nach seiner Bescheidenheit zweifelhaft, ob er im Stande sei, diese Stelle zu bekleiden. Die Verbesserung seiner Einnahme und die größere Ehrenstellung konnten nach seiner Gesinnung auf ihn keinen Einfluß ausüben. Schließlich mußte er es aber als den Willen Gottes anerkennen, dem Rufe zu folgen. Als dieses in der Uetersener Gemeinde bekannt wurde, entstand allgemeine Trauer. Es wurden Versammlungen gehalten und eine Deputation von zehn Vorstehern der Gemeinde an ihn abgesandt, um ihn zu bitten, in Uetersen zu bleiben, mit dem Anerbieten, die Einnahme des Pastorats um 600 zu erhöhen. Als dieses aber nicht gelingen konnte, entstand der Wunsch in der Gemeinde, dem geliebten scheidenden Prediger noch ein Zeichen ihrer Liebe und ihres Andenkens zu verehren. Mehrere Gemeindeglieder brachten unter sich eine Summe von 400 zusammen, wofür in Hamburg ein Schreibtisch mit Sessel und Schreibutensilien gekauft und solches Catenhusen nach Ratzeburg nachgesandt wurde. Am 25. Sept. 1834 machte Catenhusen dem Patronate die Anzeige, daß er zur Lauenburger Superintendentur berufen sei, daß er am 20. Sonntag nach Trin. in Ratzeburg introducirt werden solle und am 19. Trin. in Uetersen seine Abschiedspredigt halten werde. *) In dieser Anzeige sagt er: Die Zeit seiner hiesigen Amtsführung sei eine kurze, aber unvergeßliche, das Gedächtniß derselben werde unaustilgbar in seiner Seele leben und die Erinnerung daran in seinem Herzen nie untergehn. "Was ich," fügt er hinzu, "als ich hierher kam, von meiner lieben Gemeinde in Lauenburg mitnahm, das darf ich, nun ich von hier gehe, hoffen auch von meiner lieben Gemeinde in Uetersen mitzunehmen: die

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*) Er predigte über Apostelgesch. 20, 16-38: Mein letztes Wort an dieser Stätte, ein Wort der Rechenschaft, des Dankes, der Bitte.


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wehmüthige und doch so beglückende Gewißheit, daß mein Gedächtniß im Segen unter ihr bleiben werde." Und das ist auch in vollem Maße geschehen, selbst bis auf den heutigen Tag."

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So weit die Mitteilungen meines geehrten Berichterstatters, die eben so ehrenvoll für den, den sie betreffen, als für ihn selbst sind und für welche alle Freunde Catenhusen's ihm mit mir herzlich Dank wissen werden. Ich füge denselben nun noch Auszüge aus des Letzteren Briefen an seinen Freund hinzu, die es uns zeigen, wie schwer ihm die Entscheidung wurde, die angebotene Superintendentur anzunehmen, und wie er darnach rang, des Willens seines Gottes gewiß zu werden. Sich in Allem von der Hand des Herrn führen zu lassen, sich von ihm, wie er sich oft ausdrückte, schieben zu lassen, das war ihm je und je seines Lebens Aufgabe, und erst dann fand er Ruhe, wenn es ihm klar geworden, daß nicht Menschen-, sondern Gottes Hand ihn so und so geführt. Aber dann fand er sie auch, oft nicht ohne schweren Kampf, und mit ihr auch Freudigkeit und Muth, auf dem ihm gewiesenen Wege fortzuschreiten.

"Ich habe eine für mich äußerst wichtige Sache im Vertrauen mit Dir zu besprechen und zu berathen. Schon seit längerer Zeit hat sich ein Gerücht verbreitet und ist auch bis hieher zu mir gedrungen, daß man bei der Wiederbesetzung der erledigten Superintendentur in Ratzeburg auf mich Rücksicht nehme und daß mir deshalb ein Antrag geschehen würde. Ich ließ aber Gerücht Gerücht sein, ohne nur von ferne zu ahnen, daß etwas dahinterstecken könnte. Nun aber rückt mir die Sache auf den Leib und zwar ganz unerwartet, und hat mich darum erschreckt und beunruhigt, denn ich habe nicht im mindesten daran gedacht, und es geschieht mir dabei ungefähr, wie dem Saul


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hinter seinen Eseln, so kommt mir die Sache über den Kopf. Weil aber Gottes Wege wunderbar sind, und er nicht immer den ältesten Sohn Isai's, sondern mitunter den jüngsten wählt, so bin ich zaghaft geworden, die Sache abzulehnen, wie ich anfangs wollte, weil mehr als Menschenrath dahinter stecken könnte. - Es schwebt mir das Wort vor Augen, daß ein Prophet nirgends weniger als in seinem Vaterlande gilt. Hier bin ich nun mit meiner großen Gemeinde - sie zählt 5000 Seelen - durch meinen dreijährigen Aufenthalt bekannt; die Gemeinde hat mich lieb, sie besucht die Kirche fleißig, und als im Winter sich ein wiewohl leeres Gerücht verbreitete, daß man mich bei St. Petri in Hamburg zur Wahl ziehen würde, hatte sie geäußert, daß sie mich nicht fahren lassen würde, und Flecken und Landgemeinde hatten sich in der Stille verbündet, mir eintretenden Falles eine bedeutende Zulage zu bieten. Ich lebe hier also mit meiner Gemeinde in den glücklichsten Verhältnissen. Gott hat mich wiederum mit ihrer Liebe gesegnet, und ich stehe mit den Uetersenern, wie früher mit den Lauenburgern, und solche Verhältnisse aufzugeben, ist schwer, sehr schwer, wenn man vielleicht in andere schreitet, die kalt sind und kalt bleiben! Ich bin in dieser Art verwöhnt! Ich würde schwermüthig werden, wenn ich in einer Gemeinde ohne Liebe leben müßte, und dieser Punct ist's gerade, der mich fast bestimmt, den Antrag abzulehnen, wenn nicht das Patronat und die Gemeinde in Ratzeburg von Herzen und mit Liebe mich aufnehmen. Hier wurde ich mit überwiegender Stimmenmehrheit GEWÄHLT, und in der WAHL sprach die Gemeinde ihre Liebe und ihr Vertrauen aus. In Ratzeburg werde ich nicht gewählt, sondern GESETZT, und man kann einer Gemeinde zum Verdrusse gesetzt werden. - - Wenn ich die Sache ansehe, wie sie sich mir gestaltet, und bedenke, was ich auf mich nehmen soll, welche Verpflichtungen und Arbeiten, so möchte ich

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im Gefühl meiner Untüchtigkeit wohl zurückbeben und Nein! sagen. Und dazu habe ich menschlicher Weise die größte Neigung! Nur wenn ich Gottes Willen deutlich erkenne, nur dann werde ich mich, wiewohl mit Furcht und Zittern, entschließen können, Ja! zu sagen. - - Ich lebe hier zufrieden und glücklich, und wenn ich nicht Gottes Finger und Leitung wahrnähme, so wüßte ich, was ich nach meinen menschlichen Gedanken, die ich aber Gottes Gedanken in Demuth unterwerfe, thun würde. - Bereits am Dienstag Abend hatte ich zurückgeschrieben, daß ich die Sache in Gottes Hand legen wolle. Ich konnte nicht länger mit der Antwort warten. Nun aber erhebt sich ein neuer Sturm. Meine liebe Gemeinde, die von Pinneberg Kunde über diese Angelegenheit erhalten hatte, will mich nicht los- und fahren lassen. Sie hat mir heut eine Deputation geschickt und mich bitten und beschwören lassen, nicht von ihr zu gehn. Sie hat mir vorgestellt, daß sie mich doch, als einen Fremdling, mit so großer Zuvorkommenheit und Liebe erwählt und aufgenommen habe, daß sie mir so viele Beweise ihrer Liebe und ihres Vertrauens gegeben, daß ich sie in der wichtigsten Angelegenheit ihres Lebens, in der Sorge für ihr Seelenheil, verlassen würde, wenn ich von ihr ginge; daß sie zu Allem erbötig sei, was ich wünsche und verlange, daß sie meine Stelle verbessern wolle. Und wie ich höre geht sie damit um, ein Capital von 6000 Reichsthalern für mich zusammenzubringen, von dem ich und meine Frau, so lange ich oder sie leben würden, die Zinsen genießen sollen. O welche Bürden häuft diese Zeit mir aufs Herz! Ich weine täglich und bin wankend und schwankend, und diese Tage sind die schwersten meines Lebens. Möchte ich doch zur Ruhe kommen! - Ich bin ängstlich, einen solchen Posten mit solchen Obliegenheiten anzutreten, und möchte gar zu gern gewiß werden, daß in dieser Angelegenheit solche Personen möchten

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zu Rathe gezogen sein, die mich kennen und ein competentes Urtheil abgeben können, daß und ob ich tüchtig bin oder nicht! - Du schreibst mir so viel Tröstliches, so Vieles, was in meiner jetzigen Lage mir wohlthut, und mich bei den wehmüthigen Gefühlen, die täglich in mir angeregt werden, erquicken kann, daß ich dir nicht genug dafür danken kann. Und wahrlich, Freundeszuspruch thut mir Noth in meiner jetzigen Lage, wo mich so vieles bestürmt, so vieles bedrängt. Mir ist das Herz so schwer, wenn ich auf den Wechsel der Verhältnisse blicke, der mir bevorsteht. Ist es Blödigkeit des Fleisches, oder ist es der Eintritt in einen so weiten und wichtigen Wirkungskreis, der mich bewegt, kurz ich bin und werde noch manchmal voll Zweifel, ob ich der rechte Mann zu diesem Amte bin. Wenn ich namentlich daran denke, welch eine Liebe und welch einen Ernst, welch eine Geduld und welch eine Energie, welche Besonnenheit und welche Entschlossenheit es erfordern wird, Auswüchse im kirchlichen Wesen und Leben, die nicht bestehen dürfen, allmälig zu tilgen und auszurotten, so fühle ich ganz die Schwere des Berufs und die mannigfaltigen Kämpfe, die nicht ausbleiben werden und können, und welche zu sehr gegen die stille, ruhige Wirksamkeit abstechen, an die ich gewöhnt bin. - Ich habe ja die Sache in Gottes Hand gelegt, so mag Gott sie auch weiter ausführen und leiten. Ich komme nicht in Uebermuth und aus Eitelkeit, sondern mit Furcht und Zittern. Gott sei stark in meiner Schwachheit und helfe mir! - Ach, möchte mich Gottes Gnade und Segen wie bisher so auch in meine neuen Amtsverhältnisse hinübergeleiten! Mein Herz ist hier von dem Schmerz der Trennung ganz erfüllt und gebrochen. Gestern war trotz des schlechten Wetters die Kirche so voll, so voll - und wie wird es erst am nächsten Sonntage (dem Tage der Abschiedspredigt) werden! - Ach, möchte Gott mir einen fröhlichen Anfang und gesegneten Fortgang in Ratzeburg geben!"

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So schrieb Catenhusen zu der Zeit an seinen Freund; der letzte Brief ist vom 29. Septbr. 1834. Wir sehen ihm hier tief ins Herz: seine Liebe zur Gemeinde, seine Demuth im Urtheil über sich selbst, sein ängstliches Suchen, des göttlichen Willens gewiß zu werden. Wir sehen aber auch, wie er die Größe der ihm gewordnen Aufgaben nicht unterschätzte und sich nicht verhehlte, welche Kämpfe ihm bevorstehen dürften, und daß es mit seinem pfarramtlichen Stillleben auf immer dahin sein werde. Gerade dieses mußte seinem weichen Herzen besonders schmerzlich sein. Wir erkennen aber auch hier die Hand der göttlichen Führung. Bei manchfachem Kreuz, von welchem auch er nicht verschont geblieben war, hatte Catenhusen bisher doch das eigentliche Amtskreuz wenig oder gar nicht erfahren. Ueberall war ihm Liebe entgegengekommen und hatte er Liebe gefunden, und er konnte sich's gar nicht denken, ohne diese Liebe im Amte zu stehen. Das mußte er auch noch lernen und hat es auch gelernt in den oft schweren Kämpfen, denen er jetzt entgegenging. Vor Allem aber erkennen wir es hier, daß er sich nicht selbst in das hohe Amt gedrängt, das Haupt einer ganzen Landeskirche zu sein, daß er vielmehr nur mit Widerstreben dem an ihn ergangenen Rufe gefolgt, bis er sich deß gewiß geworden, er sei von Gott, und daß, wenn irgend Einer, er von dem Herrn in dieses Amt gesetzet ward. Diese Gewißheit war der feste Grund, auf dem er hinfort mit seiner ganzen Wirksamkeit stand, und sie war's, die ihn fest und unerschütterlich machte, wo es nach seiner Ueberzeugung die Eine große Hauptsache galt, während er, wo es seine Person und wo es die Liebe galt, nur zu gerne nachgab. Diese Gewißheit aber war seinem liebebedürftigen Herzen darum auch ein reicher Trost, wenn er später vielfach mißverstanden und verkannt wurde - fiel sie ihm doch zusammen mit der Gewißheit seines persönlichen Glaubens, daß er wohl mit dem

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Apostel sagen konnte, und nicht nur wie bisher als Diener Einer Gemeinde, sondern vieler Gemeinden: dafür halte uns Jedermann, nämlich für Christi Diener - mir aber ist's ein Geringes, daß ich von Euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Tage! - Und so, als von Gott ihnen zugeführt, sahen ihn auch Viele, Viele in seiner Heimath an, so daß, was sein Freund ihm schrieb, gewiß die Sprache Vieler war: "Am vorigen Freitag, so heißt es in einem Briefe vom 25. August, ist hier die Nachricht eingelaufen, daß Deine Ernennung zum Superintendenten verfügt sei. Gewiß wirst Du auch jetzt schon die Nachricht haben. Ich aber schreibe hauptsächlich, weil ich nicht anders kann, als mit Dir Gott danken, Dir Segen von Gott für diesen schweren Beruf wünschen und Erleichterung der hohen damit verbundenen Verantwortung um seines Sohnes willen in seinem Gericht. Ja, er selbst, der treue Gott, mache Dich stark, um seines Namens willen durch Alles hindurch zu dringen, wohin er mit Dir gehn will, und eine Sache auszuführen, die in seinem Namen und nicht nach Menschenwillen und menschlicher Eitelkeit unternommen ist! Wie viele Herzen sind nicht hier, die diesen Tag gesegnet haben! Du solltest es nur wissen, wie man sich gegenseitig die Nachricht mittheilte, wie man sich Glück wünschte, einer dem Andern seine Freude bezeugte! O wie viele Hoffnungen sind auf Dich gerichtet!"

Und, dem Herrn sei dafür allein die Ehre, diese Hoffnungen sind nicht unerfüllt geblieben.

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4. Die kampf- und segensreiche Zeit des letzten Amtes. (1834-1853.)

Indem ich jetzt Catenhusen's letzte Lebensperiode und seine Wirksamkeit in seinem letzten Amte darzustellen habe, ist es sein Superintendentenamt, welches ich hauptsächlich ins Auge fasse. Deshalb habe ich, was sein Predigtamt und auch sein letztes betrifft, größtentheils schon vorweggenommen, und manche Anticipation hat darin ihren Grund. Es ist nicht sowohl der Pastor, als der Superintendent Catenhusen, den ich zeichnen will, und den ich in dem, was er als solcher für die Lauenburgische Kirche gewirkt, ihrem dankbaren Gedächtniß eindrücken möchte. Wenn ich nun so glücklich war, den größten Theil dieser seiner letzten Lebenszeit ihm persönlich nahe zu stehen, wie kein andrer seiner Amtsbrüder außer seinem vielgeliebten Jugendfreunde, so darf ich meine Darstellung um so getroster beginnen, als ich mehr als Andre Dolmetscher seiner Gedanken sein kann; ich verkenne aber auch nicht die in dieser Lebensperiode sich gerade mir darbietende Schwierigkeit rein objectiver Darstellung, und das um so weniger, als ihr Inhalt in die Gegenwart herein greift. Möchte denn der geneigte Leser mein Streben nach unparteiischer Berichterstattung nicht verkennen!

Am 12. October, den 21. Sonntag nach Trin. 1834 war es, als Catenhusen in der St. Petrikirche zu Ratzeburg von dem Consistorialassessor Wagner zu Schwarzenbeck eingeführt und der Gemeinde vorgestellt wurde, nachdem er über 2. Cor. 3, 4-6 gepredigt hatte, in welcher Predigt er das evangelische Lehramt als ein schweres, ein von Gott begnadigtes und ein segensreiches Amt darstellte. Diese mir vorliegende Predigt, mit der er sein Predigtamt in Ratzeburg begann, welches er nach Gottes Rathschluß 18 1/2 Jahre lang dort geführt hat,


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zeigt uns ihn in aller Hinsicht schon so, wie er oben als Prediger gezeichnet worden, und so hat er bis ans Ende in aller Treue, jede seiner Predigten bis aufs Wort concipirend, mit großem Ernst und dem ernstlichsten Fleiß sein Predigtamt verwaltet. Ganz Ratzeburg weiß es und wird es nicht vergessen, was es an ihm als Prediger und an seinen Predigten gehabt hat. Er hatte auch eine stets volle Kirche bis in die acht und vierziger Jahre hinein, wo auch er die allgemeine Erfahrung machen mußte, und das um so mehr, als er es mit Recht für die Aufgabe der Predigt hielt, die Zeitverhältnisse aus und mit Gottes Wort zu beleuchten und die Zeitsünden zu strafen. Darum trat er ohne Scheu und unbeirrt durch die Stimmen und Stimmungen jener irrthumsvollen Tage auch auf der Kanzel für die Sache christlicher Ordnung mit Entschiedenheit ein, und als Alles einzustürzen drohte, stand er auch als Prediger des Evangeliums, Vielen zum Trost und Halt, fest und unerschüttert da. Ratzeburg wird ihn, den treuen Prediger, nicht vergessen, und ebensowenig den treuen, gewissenhaften Lehrer der Kinder im Confirmationsunterricht, ebensowenig den treuen, liebevollen und gesegneten Beichtvater und Seelsorger. Die Grundsätze, die er in dieser Zeit über die Behandlung der Kranken ausgesprochen und die wir oben mitgetheilt, übte er selbst mit hoher christlicher Weisheit und mit treuem Fleiße, und wenn es ihm schmerzlich war, bei den vielen Arbeiten seiner Superintendentur so wenig Zeit zur eigentlichen Seelsorge gewinnen zu können, so müssen wir um so mehr das anerkennen, was er doch für sie und in ihr that. Gerade als Seelsorger und Tröster aller Leidenden wird er der Ratzeburger Gemeinde im dankbaren Gedächtniß bleiben, und es ist das auch ein Zeugniß ihrer dankbaren Liebe noch für künftige Zeiten, wenn auf dem von ihr auf seinem Grabe errichteten Kreuze die Worte stehn: die dankbare Gemeinde.

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Doch, wie gesagt, nicht den Prediger, sondern den Superintendenten Catenhusen habe ich jetzt zu zeichnen. Mit schwerem Herzen folgte er ja darum dem Rufe nach Ratzeburg, weil der Schwerpunkt seines dortigen Amtes die Superintendentur war. Und allerdings waren die damaligen kirchlichen Verhältnisse der Art, daß sie die Uebernahme eines solchen Amtes nicht leicht erscheinen lassen konnten. Werfen wir auf die Verhältnisse einen Rückblick!

Wie stand es mit den kirchlichen Verhältnissen damals, in dem Anfang der dreißiger Jahre, im Allgemeinen? Der alte Rationalismus war immer noch eine Macht, und das nicht bloß im Volksleben, dessen verschiedene Schichten er ja je länger desto mehr durchdrungen hat. Noch war er nicht durch seine eignen Consequenzen wissenschaftlich so gerichtet, wie er es jetzt ist, und thatsächlich war noch nicht vor aller Welt seine Schande so bloß gelegt, wie die Revolutionsjahre sie bloß gelegt haben. Er hatte so zu sagen noch immer etwas Ehrbares, daß er sich in anständiger Gesellschaft nicht bloß sehen lassen, sondern das große Wort führen konnte. Dagegen galt das evangelische Bekenntniß als das spezifisch christliche noch als ein Eindringling, dem das Recht der Existenz abgesprochen wurde. Wer jene Zeit mit Bewußtsein durchlebt, der weiß das aus eigner Erfahrung. Mit den Bannwörtern Mystizismus, Orthodoxie wies man den alten Glauben ab, ohne sich bei jenen irgend etwas Bestimmtes zu denken. Und war im Allgemeinen für das Christliche noch wenig Verständniß, so noch weniger für das eigentlich Kirchliche, dieses aber auch in den eigentlich christlichen und gläubigen Kreisen; gar anders als jetzt, da man von kirchlichen Leuten, kirchlichen Grundsätzen spricht, die man damals nur christliche nannte. Allerdings fing damals in dieser Beziehung schon ein Umschwung an, der auch auf weitere Kreise einwirkte. Die Un-


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geheuerlichkeiten der „milden und toleranten“ preußischen Union an den schlesischen Lutheranern riefen das Bekenntniß der lutherischen Kirche vielfach wieder ins Gedächtniß. daß Männer wie Steffens "wieder Lutheraner wurden." Und in noch weiteren Kreisen erwachte und weckte wieder der mehr und mehr sich lebendig zeigende Eifer für die Mission, zunächst von Basel aus angeregt, dem alten Rationalismus etwas ganz Unbegreifliches. Und so war auch ein Fortschritt gegen die oben geschilderte Zeit von 1816, wie im Allgemeinen, allerdings auch in unserem Lande nicht zu verkennen. Konnte doch die Wirksamkeit der obgedachten Männer, eines Claudius, Zurhelle, und auch die vieljährige Arbeit Catenhusen's nicht fruchtlos für das ganze Land geblieben sein, und fanden sich doch unter den jüngeren Predigern auch Einzelne, die jenen sich anschlossen. Gleichwohl aber war das evangelische Zeugniß auf der Kanzel auch bei uns damals noch eine Seltenheit. Es galt immer noch als eine Singularität. Alle aber, die sich dem alten Glauben wieder zugewandt, freuten sich über Catenhusen's Erwählung und sahen in ihr den Anfang einer neuen Zeit.

Und so dürfen auch wir sie ansehen. Wer eine Kirchengeschichte Lauenburgs schreiben will, der muß mit ihr eine neue Periode beginnen. Durch seinen Eintritt in die Superintendentur sollte er dem ganzen Lande das in noch größerem Maße werden, was er seinen beiden früheren Gemeinden gewesen war. Er war sich selbst seiner Aufgabe wohl bewußt und darum lag sie ihm so schwer auf seinem Gewissen. Er kannte recht gut den kirchlichen Zustand unseres Landes, und wußte, was ihm fehlte und Noth that. Er wußte aber auch, was unsere Landeskirche noch hatte und daß es darauf ankomme, derselben wieder zum Bewußtsein und zum wirklichen Besitz desselben zu verhelfen. Unsere Landeskirche hatte noch ihre alte treffliche Kirchenordnung, die s. g. Niedersächsische v. J. 1585, allge-


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mein als eine der besten aus der Reformationszeit anerkannt. "Niemals ausdrücklich - ich laß hier den Nekrolog reden - als rechtliche Grundlage unserer Kirche beseitigt, galt sie doch als antiquirt und hatte bei Behörden, Geistlichkeit und Volk ihre Auctorität verloren, die Meisten kannten sie nicht einmal. Zwar äußere Einrichtungen und Gebräuche erinnerten noch an ihre Geltung, aber die Hauptsache, Aufrechthaltung des Bekenntnisses und der reinen Lehre, war zur Nebensache geworden, das Consistorium selbst hatte, wie damals überall die Consistorien, mehr oder weniger das Bewußtsein verloren, daß es auf der Kirchenordnung ruhe und eine von weltlichen Behörden spezifisch verschiedene geistliche Stellung einnähme. Und das ist nun das große bleibende Verdienst Catenhusen's, daß er zunächst dem weltlichen Regimente gegenüber die Kirchenordnung wieder zur bewußten faktischen Geltung gebracht, daß er unserer Kirche und ihrer geistlichen Oberbehörde, dem Consistorium, die Freiheit und Selbstständigkeit wieder gewonnen hat, die ihr nach der Kirchenordnung zukommt. Hand in Hand hiermit ging bei ihm aber das Streben, sie auch nach Innen zur Geltung zu bringen; unerschütterlich bestand er darauf, daß Alles nach ihr in Kirchen und Schulen gehalten werden solle."

Was nun zunächst unsre auf der Kirchenordnung ruhende kirchliche Verfassung betrifft, so ließ Catenhusen es sogleich beim Antritt seines Amts sich angelegen sein, sie selbst und unsre gesammte kirchliche Gesetzgebung auf das Gründlichste und Genaueste kennen zu lernen - war er doch als Superintendent Mitglied und erstes geistliches Mitglied des Kirchenregiments. Und das mußte ihm Jeder, auch jeder eigentliche Rechtskundige bezeugen, daß er auf diesem Gebiete nicht weniger als auf dem eigentlich theologischen zu Hause war. Er hatte aber auch eine juristische Ader und einen juristischen Blick, daß er

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in den schwierigsten Fällen alsbald das Richtige zu treffen wußte. Legte ein Freund ihm doch noch in den letzten Tagen seiner Krankheit, da er an wenig mehr Theil nehmen konnte und meist stillschlummernd in seinem Bette lag, einen Fall vor, ihn um ein bloßes Ja oder Nein bittend, was er denn auch in richtiger Entscheidung gab. Es ist wohl kein Prediger, der seiner Zeit nicht gar oft bei ihm sich Rath erholt und allemal den rechten und allein zutreffenden von ihm empfangen, und das gewöhnlich in ausführlichen Schreiben. Solcher Superintendenturschreiben zählt z. B. die Möllner Pfarr-Registratur eine große Menge, und sie dürfen als ein Schatz derselben angesehen werden. Wie aber unsre Kirchenordnung, so war ihm auch unsre auf ihr ruhende kirchliche Verfassung lieb und theuer. War sie ihm doch eine Bürgschaft für die eine große Hauptsache, die er immer im Auge hatte, für die Predigt des reinen Bekenntnisses unsrer Kirche, und bewährte sie sich ihm doch in schweren Verhältnissen, namentlich in den Umsturzjahren als eine in und auf Gottes Wort ruhende. Und im Lichte dieser Ordnung und Verfassung sah er denn auch unser Land an und, mehr als manch Andrer den Abstand der Wirklichkeit von dem in ihr gesteckten Ziele wohl erkennend, hing er mit einer Vorliebe an "unserem Lande," die Manchem wohl oft zu groß erschien, aber doch ihren eben so gerechten als natürlichen Grund hatte. Und ich meine, wir haben auch wohl Ursache, für das, was wir haben und durch Gottes Gnade behalten haben, Gott zu danken im Hinblick auf die trostlosen Zustände andrer Landeskirchen, die ihre alten Ordnungen und Verfassungen längst über Bord geworfen und nun ohne alle kirchliche Ordnung oder mit ihren kläglichen modernen Machwerken willenlos von einem religionslosen und widerchristlichen Staat geknechtet werden. Daß es aber bei uns noch so steht, wie es steht, daß unsre kirchliche Verfassung

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die Sturmzeit der Revolution bestanden, daß heut noch unsre Kirchenordnung und darum Gottes Wort bei uns die höchste Instanz ist in allen kirchlichen Dingen, das verdanken wir vor Allen Catenhusen, der in jener Zeit keinen Finger breit nachgab, als der religionslose Staat mit großen Concessionen und glänzenden Anerbietungen ihm entgegentrat. "Aber wir verdanken es auch," so bekennen wir mit dem Nekrologe, "der väterlichen Weisheit und Gerechtigkeit unsres Königshauses, wenn dieses Streben Catenhusen's mit Erfolg gekrönt wurde, und wenn auch in späterer Zeit bei Aenderung der staatlichen Dinge die Regierung dem Drängen nach Aenderung der kirchlichen Verhältnisse zur Freude aller Freunde der Kirche nicht nachgegeben hat." Das aber sei uns Allen eine ernste Aufforderung, zu halten, was wir haben, und keinen Fußbreit des sicheren Besitzes fahren zu lassen. Catenhusen wußte es und lernte es immer besser, was wir an unserer Kirchenordnung haben. Und das erkannten auch Andere. Im Jahre 1843 theilte er einer theologischen Conferenz in Dresden, die sich dem Missionsfeste anschloß, in einem längeren Vortrage die Grundzüge unserer kirchlichen Verfassung mit, und es war nur Eine Stimme der Anerkennung, die laut ward. Er ging auch damit um, unsre Kirchenordnung, die nur in wenigen Exemplaren, welche den einzelnen Kirchen gehören, noch vorhanden ist, wieder abdrucken zu lassen, hatte auch schon die Einrichtungen dazu getroffen, als das Jahr 1848 kam. Ein Wiederabdruck dürfte aber wohl zu wünschen sein, damit auch unsre Gemeinden erfahren, was sie daran besitzen.

Was nun ferner sein Bestreben betrifft, die Kirchenordnung nach Innen zur Geltung zu bringen, so ist es lehrreich, dasselbe von dem Anfange seines Amts bis an sein Ende zu verfolgen. Immer und immer blieb das Eine ihm die große Hauptsache, daß Gottes Wort, und nur Gottes Wort, nach dem Bekennt-


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niß unsrer lutherischen Kirche in Kirche und Schule lauter und rein gelehret werde, denn darin allein sah er mit Recht die Bedingung alles Heils. Die Kirchenordnung war ihm nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel, diese Eine Hauptsache zu erreichen, und er war fern davon, sie oder irgend welche menschliche Ordnung zu einem papiernen Papst zu machen. Gottes Wort allein stand ihm über Allem - und nur weil sie auf ihm ruhte, war sie ihm die feste Norm beim Ausbau unsrer Kirche, wie ihm ja darum auch unser Bekenntniß nur Wahrheit war, weil er das Wort der Wahrheit in ihm fand. Und darum haben ihn in späteren Jahren alle die wenig verstanden und gar nicht gekannt, die bei seinem ernsten Dringen auf Halten unseres lutherischen Bekenntnisses ihn einer Hyperorthodoxie und eines Hyperlutheranismus beschuldigten, wie er ja freilich wohl sich findet, aber bei und in ihm sich niemals fand. War ihm aber jenes Eine immer die Hauptsache, daß Gottes Wort gelehret werde und durch dasselbe wieder lebendiger Glaube in die Herzen komme, so leitete ihn diese Eine Hauptsache auch in Allem, was er bei dem Wiederaufbau kirchlicher Ordnung erstrebte. So in Betreff der Liturgie, der Form des öffentlichen Gottesdienstes. Wir können es ja nicht in Abrede stellen, daß unsre Gottesdienste darin einen Mangel haben, denn die ursprüngliche, in der Kirchenordnung gegebene Liturgie ist längst nicht mehr die unsrige, und auch wie sie später gesetzlich verändert wurde (in der s. g. Verbesserung des öffentlichen Gottesdienstes v. J. 1770, welche bekanntlich auch unsre Vorlesungen einführte), findet sie sich lange nicht in allen Kirchen unsres Landes. Diese s. g. Verbesserung hat aber so manche Schwächen der damaligen Zeit, daß eine möglichste Rückkehr zu der ursprünglichen Ordnung wohl zu wünschen wäre. Vor Allem aber ist es doch mißlich, wenn in unsrem Lande die Gottesdienstordnung kaum in zwei Gemein-

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den eine ganz gleichmäßige ist, und auch in der Form der einzelnen heiligen Handlungen bei aller Uebereinstimmung im Wesentlichen sich die mannichfaltigsten Verschiedenheiten finden. Es wäre also wohl gut, wenn eine gleichmäßige Form sich überall fände und wenn überall zu der ursprünglich gegebnen zurückgekehrt würde. Das Alles erkannte und wußte auch Niemand besser, als Catenhusen. Aber doch legte er auf die liturgische Form nur einen untergeordneten Werth, und konnte es nicht billigen, wenn auf sie ein zu einseitiger Werth und Nachdruck gelegt wurde, wie das in etlichen anderen Landeskirchen geschah. Ihm konnte es nicht entgehen, daß mit der correctesten Liturgie der Gemeinde so gut wie gar nicht gedient werde, so lange es ihr an der Hauptsache, dem lebendigen Glauben, fehlt, von welchem jene der Ausdruck sein soll, und daß überhaupt mit solch äußerem Werk die Gemeinde nicht erbaut und gebaut werden könne. „Sie fangen den Kirchenbau beim Dache an," meinte er, als das Kirchenregiment einer anderen lutherischen Landeskirche die liturgische Wiederherstellung mit einem Eifer betrieb, als hinge Alles davon ab. Catenhusen war und blieb das die Eine große Hauptsache, daß Gottes Wort lauter und rein und mit Beweisung des Geistes und der Kraft wieder gepredigt werde; dann, das war seine Ueberzeugung, werde auch alles Andre und auch die angemessene Form sich von selbst wieder finden. Und so ist es auch schon hie und da geschehen, und so wird es immer mehr geschehen, je mehr die Gemeinden erst wieder in den Glauben hinein wachsen.

Und in derselben ächt evangelischen Weise beurtheilte er die Wiederherstellung der Kirchendisciplin und die Handhabung der öffentlichen Kirchenbuße. Es sind ja in unserm Lande von ihr noch Ueberreste vorhanden, wie wohl in wenigen anderen lutherischen Landeskirchen. Waren und sind das auch nur Ueber-


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reste, und finden sie sich auch nicht einmal in allen Gemeinden, namentlich nicht in den Stadtgemeinden, so verkannte Catenhusen doch nicht ihren Werth und ihren Segen, und es war sein Bestreben, sie dort wo sie sich fanden zu conserviren, nach dem Worte: Verderbe es nicht, es ist ein Segen darin. Aber er erkannte es auch, daß eine plötzliche Repristination der alten Kirchendisciplin eine Unmöglichkeit sei und "daß man sie in ihrer ganzen Strenge den Gemeinden in jetziger Zeit, wo sie keineswegs zur Erbauung und Förderung dienen würde, nicht aufdringen, sondern in geduldiger Hoffnung zu Gott warten müsse, bis die Gemeinden durch neues Glaubensleben wieder zum christlichen Mannesalter gereift wären. Denn nicht aus äußeren Mitteln und Institutionen, sondern allein aus dem Worte Gottes erwartete er Heilung unsrer Schäden und bessere Zeiten für die Kirche." Dahingegen war es sein Wunsch, daß eine Kirchendisciplin sich in den einzelnen Gemeinden, namentlich in denen, wo sie ganz hingefallen, in einer ihnen entsprechenden Weise wieder anbahne, und wie er gleich Anfangs den Vorsatz hatte, eine solche für die Städte auf Grund unsrer Kirchenordnung zu entwerfen, zu dessen Ausführung er aber nicht gekommen, weil noch wichtigere Pflichten ihn in Anspruch nahmen, so sah er es gern, wenn z. B. in der Gemeinde zu Möllen sich im Laufe der Jahre die Kirchendisciplin wieder anbahnte. Als daher die dortigen Prediger im März des Jahres 1853 zum Berichte darüber aufgefordert wurden und für die von ihnen geübte Praxis die Bestätigung des Consistoriums erbaten, da antwortete dasselbe - es war das letzte Reskript an sie, an dem Catenhusen Theil nahm - daß es mit ihnen einverstanden sei, eine rechte und lebendige Kirchenzucht müsse nicht blos durch obrigkeitliche Verordnung vorgeschrieben werden, sondern wesentlich aus dem christlichen Bewußtsein und Bedürfnisse der Gemeinde hervorgehen, und daß

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es daher ihr Verfahren zum Zweck der Wiederanbahnung einer evangelischen Kirchenzucht billige, auch die Erwartung ausspreche, daß künftig in diesem Sinne werde weiter verfahren werden.

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Nachdem ich nun die Grundsätze und Grundzüge der Wirksamkeit Catenhusen's als Superintendenten im Allgemeinen gezeichnet habe ist es meine Aufgabe, sie im Einzelnen zu verfolgen und darzustellen, ohne damit auf mehr Anspruch zu machen, als auf die Zeichnung eines Umrisses derselben, da es zu einem Mehr eines reicheren Materials bedürfen würde, als mir zu Gebote steht. Ich muß dabei die Folge der Zeit berücksichtigen, werde mich aber in Einzelnen hie und da durch sie nicht beengen lassen. Eine kampf- und segensreiche Zeit habe ich diese letzte Zeit genannt. Es wird sich zeigen, daß sie es gewesen.

Die Kirchenordnung wieder zu faktischer Geltung nach Oben und nach Unten so wie nach Außen und nach Innen zu bringen, das war also die Aufgabe, welche Catenhusen von Anfang an sich nicht sowohl selbst stellte, als sich gestellt sah. Es war vorauszusehen und er mußte es sich selbst sagen, daß es da an Opposition nicht fehlen könne und werde. Und diese Opposition zeigte sich auch sogleich in den ersten Jahren, und wurde ihm dadurch seine Stellung erschwert, daß nach Abgang des Gouverneurs von Levetzau das Präsidium der Regierung wie des Consistoriums bis zu der erst im Jahre 1838 erfolgenden Wiederernennung eines neuen Gouverneurs von dem ersten Regierungsrathe Gottschalck geführt wurde, einem eben so energischen, als in Kenntniß unsrer Zustände wohlerfahrnen, aber in seiner kirchlichen Denk- und Anschauungsweise von Catenhusen grundverschiednem Manne. Es war nun aber die Diakonatswahl in Möllen, bei der die Opposition gegen die

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mit dem neuen Superintendenten angefangne Neugestaltung oder vielmehr Wiederherstellung kirchlicher Verhältnisse sich besonders aussprach, aber auch für die Folgezeit in den bestimmenden Regionen gebrochen wurde. Wenn man es mir nun nicht verargen wird, daß ich in diese Angelegenheit, welche erst nach zwei Jahren ihre Erledigung fand (1836 bis 1838), nicht ins Einzelne eingehe, weil es sich dabei um meine eigne Wahl handelte, so darf ich sie doch um ihrer Bedeutung willen für Catenhusen's spätere Wirksamkeit nicht ganz übergehen, und muß so viel davon berühren, als nöthig ist, sie selbst und seine Stellung zu ihr recht zu beurtheilen.

In Möllen war am 4. März 1836 der vor Kurzem als Pastor primarius eingeführte Pastor Rohrdantz gestorben, und in seine Stelle der im Jahr zuvor erwählte Diaconus Genzken eingerückt. Nach altherkömmlicher Observanz hatte der Pastor das Recht, drei Candidaten von denen, die Wahlpredigten gehalten, zu denominiren, so daß aus ihnen das Patronat Einen zu wählen hatte. Dieses Recht war freilich schon früher, namentlich Dräseke gegenüber, der bekanntlich von 1795 bis 1804 erst Diaconus, dann Pastor daselbst war, bei der Wahl des Diaconus, später Pastor Focke, Seitens des Patronats beanstandet, aber es galt doch faktisch. Als daher aus den betreffenden Candidaten, zu denen auch der Verfasser gehörte, drei, unter denen er sich nicht befand, denominirt wurden, erwählte die Majorität des Wahlcollegiums gleichwohl diesen zum Diaconus. Der Pastor, mit der Minorität sich auf das Denominationsrecht berufend, protestirte mit ihr gegen diese Wahl, und das Consistorium cassirte sie, doch mit diffentirendem Voto des Superintendenten, und befahl eine neue Wahl aus der Zahl der Denominirten. Hieraus entspannen sich nun die verwickeltsten Verhandlungen, die, wie bemerkt, sich bis in das zweite Jahr hineinzogen, und in denen Schriften für und gegen


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erschienen, in welche sich auch, wie es ja zu gehen pflegt, mancherlei Leidenschaftliches mit einmengte. Das Ende war, daß der König als oberster Bischof das s. g. Denominationsrecht als ein ausschließendes aufhob, und daß nach Ansetzung eines neuen Wahltermins der zuerst gewählte Diaconus von der Majorität des Patronats wieder erwählt (28. August 1837) und nach erfolgter Bestätigung im Jahr darauf in Möllen eingeführt wurde (1. April 1838). Dieses der äußere Verlauf der betreffenden Sache. Aeußerlich betrachtet handelte es sich hier nur um eine herkömmliche Observanz, und dem damaligen Pastor darf man es nicht verargen, wenn er daran fest hielt. Aber die Sache hatte auch eine andere Seite, und von dieser sah Catenhusen sie mit Recht an. Es handelte sich hier darum, ob die Kirchenordnung in einer so entscheidend wichtigen Angelegenheit, wie die Wahl eines Predigers ist, maßgebend sein solle oder nicht, und ob ein von einem Patronus beanspruchtes, aber in ihr nicht begründetes Recht dazu gebraucht werden dürfe, eine mit ihren Bestimmungen streitende Wahl zu erzwingen. So sah Catenhusen diese Sache an, und als eine solche stellte sie sich auch immer mehr heraus, so daß es sich weniger um die Person des Gewählten, als um diese Hauptsache handelte. Und darum nahm sie auch das Interesse unseres ganzen Landes in Anspruch, und Catenhusen durfte ihre endliche Entscheidung als einen Sieg der evangelischen Wahrheit ansehen. Und als einen solchen hat sie sich auch bewiesen und bewährt, sowohl für die betreffende Gemeinde und deren beide Prediger, die in Jahrelanger herzlicher Liebe und Gemeinschaft verbunden waren, wie sie noch auf das Innigste verbunden sind, als auch für unser ganzes Land und Catenhusen's Wirksamkeit, indem jetzt die Kirchenordnung als in kirchlichen Dingen allein maßgebend und bestimmend gelten durfte, und die Opposition in den betreffenden Regionen ge-

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brochen war. Catenhusen aber, dem übrigens der Gewählte persönlich ganz unbekannt war, außer daß er ihn im Jahre 1831 einmal gesehen, hat in dieser Sache, wie es ja nicht anders sein konnte, viel gelitten, und war oft nahe daran, um seine Entlassung zu bitten. Um so wohlthuender war es ihm daher, wenn Freunde von nah und fern ihm ermunternd und ermuthigend zusprachen, wie z. B. der ihm engbefreundete CLAUS HARMS in Kiel, der unter dem 13. October 1837 noch schrieb: "Nicht antworten will ich Dir, mein theurer und theurer gewordner Catenhusen, sondern antiworten. Du steckst also noch als in einem Nessushemde; wirf's ab, spring heraus, welches geschieht in dem, daß Du die Maxime ergreiffst: Was ich nicht kann, das laß ich und leg's Gott in die Hand - mit mir selbst. - Ich bitte Dich, vergiß meine Vermahnungen nicht. Du hast Dich zu erhalten als Pastor, hast Dich zu erhalten als GEISTLICHER Superintendent - und Frau und Kinder stehen sich auch nicht übel dabei, wenn Vater so viel in der Schmiede ist. - Komm bald einmal wieder zu Deinem Cl. Harms." Und wenn Catenhusen nach der Entscheidung dieser Sache von seinem mit tiefster Pietät geliebten König Friedrich VI. das Ritterkreuz des Dannebrogordens erhielt, so galt ihm das als äußere Ehre, auf die es ihm niemals ankam, wenig, aber als Beweis des königlichen Wohlwollens viel, und er durfte darin auch ein Zeichen sehen, daß er diese Angelegenheit nach dem Willen des allerhöchsten Königs hinausgeführt habe.

Es ließ sich nun auch erwarten, daß aus der Mitte der Prediger selbst sich eine Opposition bilden werde, wie Catenhusen das auch früher schon als Befürchtung gegen seinen Freund ausgesprochen hatte. Wenn dieses aber wenig oder gar nicht der Fall war, so hatte das offenbar seinen Grund in seiner liebenswürdigen und gewinnenden Persönlichkeit und in der ächt evangelischen Weise seines Auftretens und Wirkens.


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Auch die Mehrzahl der Prediger, die doch in der Hauptsache von ihm abwichen, wußte er durch seine herzliche und demüthige Liebe zu gewinnen, daß auch die älteren ihm, dem noch jüngeren Manne, mit Liebe und Vertrauen entgegen kamen. War sein Verhältniß zu seinen früheren Amtsbrüdern doch auch ein sehr freundliches geblieben, nachdem er aus ihrer Mitte geschieden. So heißt es in einem Briefe, den sein Vorgänger der Superintendent Block im Jahre 1831 an ihn schrieb und in dem er ihm zugleich den Tod seiner ersten Frau anzeigt: "Gott segne Sie in der neuen Berufssphäre, in die Sie jetzt eintreten, und lasse Sie Heil und Segen schaffen an den Erlösten Jesu Christi zu Seinem ewigen Preise. Amen. Leben Sie denn wohl, geliebter Bruder, und gönnen Sie mir Ihre Fürbitte, daß Gott dem jetzt Einsamen und Verlassenen sein Kreuz tragen helfe! Meine Segenswünsche werden Sie überall hin begleiten!"

Diese herzliche Liebe, mit der er seinen Amtsbrüdern zuvorkam und mit welcher sie ihm entgegenkamen, erleichterte ihm die an sich schwierige Aufgabe, so manchem älteren Manne entgegentreten zu müssen, und das um so mehr, als er es ja wußte, daß mit einem gesetzlichen Eifern nur das Gegentheil des Gewollten könne bewirkt werden, und daß es hier galt, mit zarter, schonender, zuwartender Liebe und Geduld zu verfahren. Und so bildete sich von Anfang an ein Verhältniß inniger und vertrauensvoller Liebe zwischen ihm und seinen Predigern, das um so schöner wurde, je größer die Zahl der neueintretenden ward, die ihm auch innerlich nahe standen, das aber auch auf manchen der älteren Männer segensreich einwirkte. Catenhusen gewann auch unter ihnen manches Herz nicht bloß für sich. Und diese Liebe sprach sich namentlich deutlich und erfreulich aus, als er am 10. November 1841 sein fünf und zwanzigstes Amtsjahr feierte. Sämmtliche Prediger


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versammelten sich in seiner Wohnung und überreichten ihm als ein Zeichen ihrer Liebe die Werke Augustin's. Der alte HARMS aber schrieb ihm bald hernach: "Du gratulirst mir, und ich hatte Dir noch nicht gratulirt, um so herzlicher dank' ich Dir. Uebrigens muß ich mir das doch arrogiren nach dem jus gratiae - schlag auf Du Philolog! daß ich wirklich im Geist Mitfreuden über Dein Jubiliren zu Dir hinübergeflößt habe. - Du jubilirst dießmal früher als ich; allein das zweite Mal, paß auf! 1856 paß auf! jubilire ich nicht einige Wochen, sondern einige Jahre früher als Du. Aber, mein lieber Bruder, wie der Herr will! Er lehr' uns und er helf' uns abtreten, wenn wir nur wenig mehr taugen, damit Tauglichere unsre Plätze einnehmen. Und auch für jetzt schon lehr' und helf er uns aus seiner Höhe. Was so von der Seite kommt, dient wenig oder gar nicht." Dieses Verhältniß herzlicher Liebe verband aber Catenhusen bis ans Ende mit allen seinen Amtsbrüdern und blieb auch trotz der inzwischen eingetretnen Sturmjahre und ungeachtet einzelner Differenzen. Noch einmal waren, wie am Tage seines Jubiläi, alle Prediger in seinem Hause versammelt, damals in einmüthiger Freude, jetzt in einmüthiger Trauer - als er sein letztes Jubiläum feierte, und das früher, als Vater HARMS es gemeint. *)

Ich habe von der Pietät gesprochen, mit der Catenhusen König Friedrich VI. geliebt. Auch der König hielt von ihm und hatte ihm sein Wohlwollen mehrfach kundgethan. Catenhusen aber war voll tiefster Ehrerbietung vor der königlichen Majestät, in der er gleichsam einen irdischen Widerschein der göttlichen erblickte, und dieses Gefühl ehrerbietiger Pietät galt nicht nur der Person des Königs, sondern seinem hohen Amte
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*) Claus Harms starb bereits den 1. Febr. 1855 im Alter von 77 Jahren; da war ihm aber Catenhusen schon zwei Jahre vorangegangen.


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als solchem, weshalb es auch in späteren Zeiten ungeschwächt dasselbe blieb. Dazu kam, daß er dankbar anerkannte, was unser Königshaus je und je an unsrer Landeskirche gethan und was es ihr gewesen, wie es namentlich die Rechte derselben gewahrt und ihn selbst in seinem Amte vielfach wesentlich unterstützt hatte. Als nun König Friedrich VI. Ende des Jahres 1839 mit Tode abging, war gewiß Niemand mit tieferer Trauer erfüllt, als er, und er sprach aus der Fülle seines Herzens in der am Begräbnißtage des Königs den 16. Januar über den vorgeschriebenen Text Spr. Salom. 20, 28 gehaltenen Trauerpredigt seine Trauer und seine dankbare Liebe aus, indem er „unsern entschlafnen König Frederik VI. wie er im Leben war" darstellte: "er war fromm, er war wahrhaftig, durch Frömmigkeit stützte und schützte er seinen Thron." Und als nun König Christian VIII. mit der Königinn Caroline Amalie in demselben Jahre noch auch unser Land besuchte, da war Niemand höher über diesen Besuch erfreut, als Catenhusen; der König aber kannte und erkannte seinen Werth gar wohl, wie er denn, als er ihn gehört und gesehn, das treffende Urtheil über ihn fällte: "Das ist ein aus dem sechszehnten Jahrhundert auferstandner Mann!" Diese persönliche Berührung mag aber auch eine Ursache gewesen sein, wenn Catenhusen später in manchem wichtigen Unternehmen so willige Unterstützung von Oben fand.

Verfolgen wir jetzt weiter, was Catenhusen für die Geltendmachung der Kirchenordnung nach Innen und zunächst im geistlichen Ministerium gethan. Hätte er hier damit angefangen, entweder in gesetzlicher Rigorosität von jedem Einzelnen, den er im Amte fand, die rechte Predigt zu erzwingen, oder die straffen kirchlichen Formen der Kirchenordnung zu repristiniren, so wäre schwerlich so bald erreicht, was durch Gottes Gnade erreicht ist, daß bei seinem Tode das Mini-


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sterium mit wenigen Ausnahmen im rechten, und das freiwilligen, ungezwungnen Glauben und Bekenntniß der Kirche stand. "Damit, so sagen wir allerdings mit dem Nekrologe, soll dieses keineswegs seinem Verdienste allein zugeschrieben werden; wir wissen es ja, daß wir es der Barmherzigkeit und den Führungen Gottes zu verdanken haben, daß unser Land jetzt mit vielen treuen Predigern gesegnet und daß Gottes Wort reichlich in ihm vorhanden ist; doch ist ohne Zweifel Catenhusen's Zeugniß, und setzen wir hinzu, die evangelische Weise seiner Amtsführung eins der wichtigsten Mittel göttlicher Führung gewesen." Während er in aufrichtiger und gewinnender Liebe allen Predigern gegenüberstand und sie alle betend auf dem Herzen trug, sorgte er dafür, daß die neu eintretenden Prediger den rechten Glauben und das rechte Bekenntniß schon mit ins Amt brächten und fand dazu in dem Tentamen und dem Examen der Candidaten die rechte, weil gewiesene Gelegenheit. Unser theologisches Examen weicht von dem Holsteinischen in mancher Hinsicht ab. Catenhusen, der dieses selbst bestanden und daher seine Einrichtung wohl kannte, hielt an der herkömmlichen Einrichtung des unsrigen fest. "Für ihn war es die Hauptsache, die Reinheit des Bekenntnisses, das Verständniß der Kirchenlehre zu prüfen, dann erst das Wissen der Examinanden. Da konnte der sonst so milde und weiche Mann hart und eisern sein, wenn Jemand ein Kirchenamt begehrte und doch dem Kirchenglauben widersprach. Doch war es fern von ihm, sich zum Gewissensrichter und Inquisitor über den Einzelnen aufzuwerfen: mit großartigem Vertrauen, allezeit das Beste hoffend, hielt er sich nur an das offene, unmißverständliche Bekenntniß, das Jemand über seinen Glauben von sich gab." (Nekrolog.) Mehr als einmal sind aber Candidaten, namentlich ausländische von Patronen präsentirte, zurückgewiesen, weil es ihnen an dem, was die Hauptsache, mangelte.

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Wie Catenhusen das bei seinem weichen Herzen wehe that, hab' ich selbst einmal gesehn, als ein solcher Candidat sich bei ihm verabschiedete. Aber in diesem Punkte war er fest und unerschütterlich. Wie sorgfältig und genau er es aber von Anfang an mit dem Examen nahm, zeigen die ausführlichen Entwürfe, die er in der ersten Zeit zu jedem Examen für sich ausarbeitete, was er bei seinem theologischen Wissen und seiner glänzenden Gabe Latein zu sprechen doch gar nicht nöthig gehabt hätte. Und wie er es verstand, die jungen Leute zur Darlegung ihres theologischen Wissens und Bekennens auf die sicherste Weise zu veranlassen, zeigten die Arbeiten, welche er zum Tentamen sowohl als zum Examen aufgab, und die immer so recht in den Mittelpunkt der Theologie trafen. Dabei legte er aber auch einen großen Werth auf Formale und gelehrte Bildung, und hielt namentlich das Lateinischsprechen beim Examen fest, wenn er auch davon keineswegs den Ausfall der Prüfung abhängig machte. In solcher Bildung leuchtete er uns Allen vor und es war auch seine Ueberzeugung, was wir kürzlich in der Evangelischen Kirchenzeitung lasen: "Eine Ilias von Uebeln ist eine ungelehrte Theologie. Das ist ein Ausspruch Melanchthon's, den sich jetzt jeder Theologe tief ins Herz schreiben, der namentlich von allen Seiten den Theologie Studirenden zugerufen werden sollte. Eins der wichtigsten Mittel des Siegs der Reformation war, daß sie auf der Höhe der Bildung ihrer Zeit stand, daß sie sich aller Mittel dieser Bildung bemächtigte, nicht bloß in der eigentlichen Theologie, sondern auch in der Geschichte, Sprachwissenschaft, Philosophie." Und daß von Catenhusen das Alles auch galt, das machte ihn zu dem, was er als Theologe und als Superintendent war und wirkte.

Wie im Examen und durch dasselbe, so suchte er auf den andern von seinem Amte gewiesenen und von diesem bestimmten


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Wegen wissenschaftlich und praktisch auf seine Geistlichkeit einzuwirken und sie in der reinen, lauteren Lehre unsrer lutherischen Kirche zu gründen, so wie in rechter Predigt und Amtsführung zu fördern; denn er wußte es ja wohl, daß nur durch sie die Gemeinden könnten weiter geführt werden, und daß er selbst ohne sie ein General ohne Officiere sei. Er sorgte dafür und es wurde ausdrücklich vorgeschrieben, daß, der Kirchenordnung gemäß, jede Kirche Luther's sämmtliche Werke besitze, und daß, wo sie nicht mehr wären, die Erlanger Gesammtausgabe auf Kirchenkosten angeschafft werde. Er veranlaßte im Jahre 1836 eine Currende, in welcher den Predigern eingeschärft wurde, ihre Predigten nicht abzulesen, sondern frei zu halten, und das Wort Gottes und nur dieses zu predigen in aller Einfalt und Lauterkeit, in der sie aber auch darauf hingewiesen wurden, daß keine Lehre Frucht bringen könne, die nicht durch das Leben der Lehrer bestätigt werde, und "daß es in Beziehung auf die Prediger nicht bloß auf die allgemeinen für Jedermann geltenden Sittengesetze, sondern auch auf die aus dem Standesverhältnisse sich ergebende besondere Verbindlichkeit ankomme, den gebührlichen äußern Anstand (die jetzige Amtstracht z. B. führte er ein, während bisher sich Jeder ad libitum gekleidet hatte) auch in solchen Dingen streng zu beobachten, die für andere Stände gleichgültig sind, in welchen aber von den Predigern leicht Anstoß und Aergerniß gegeben werden kann." Er veranlaßte eine Reihe andrer Currenden über Confirmandenunterricht, über Kirchengesang, über die Kirchenkatechesen u. dgl; theilte einzelnen Predigern ausführlich seine Ansichten über amtliche Gegenstände mit, wie z. B. die oben angeführte treffliche Anweisung zum Krankenbesuche, und benutzte namentlich die Kirchenvisitationen, nicht bloß auf die Gemeinden, sondern auch auf die Prediger einzuwirken, sowohl in den vortrefflichen Visitationsreden, die er

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allemal wörtlich zuvor concipirte und deren viele ich selbst gehört, als in den Unterredungen mit den Kindern, darin er Meister war. Er hatte aber auch vor Allem seine Prediger im Auge, wenn er bei gegebner Gelegenheit mit einer theologischen Arbeit öffentlich hervortrat und einem einzelnen wohlverdienten Amtsbruder Ehre erwies. So schrieb er in lateinischer Sprache im Jahre 1840 bei der 50jährigen Jubelfeier des Pastor Baumann in Lütau: de duplici vi ac significatione verbi ...

(Textseitenausschnitt mit griechischen Buchstaben)

So im Jahre 1842 bei der 50jährigen Jubelfeier des Assessors und Pastors Wagener in Schwarzenbeck: "Luther's Verhalten im Sakramentsstreite, gerechtfertigt durch das Grundprincip der evangelisch-lutherischen Kirche,“ eine vortreffliche Abhandlung, welche die weiteste Verbreitung verdiente, und aus welcher hervorgeht, wie Catenhusen, ich will nicht sagen mit der Zeit fortschritt, sondern in dem vom Herrn gewollten und gewirkten kirchlichen Fortschritt in die alte Wahrheit unsres Bekenntnisses hinein auch selbst immer tiefer in sie hineingeführt wurde und auch das Wort zu finden und zu reden wußte, das gerade zu der Zeit Noth war. Und dieses Wort finden wir auch in seinen Predigten jener und der folgenden Zeit, in denen er offen und frei für das herrliche Bekenntniß unsrer Kirche auftrat, alle Unionsmengerei herzlich verabscheuend, dabei aber an der rechten Union festhaltend, die über den verschiednen Confessionen nicht die Einheit der Kirche und aller Gläubigen hintansetzt. Ich werde auf dieses sein lautes und lauteres lutherisches Bekenntniß noch zurückkommen, wenn ich darauf hinzuweisen habe, daß er dadurch für unsre ganze Kirche eine Bedeutung gewonnen hat. Zunächst wollte er seiner Landeskirche und seinen Predigern auch dadurch zur Förderung helfen. Darum aber wünschte er auch ihre wissenschaftliche Förderung,

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und es war ihm nur lieb, wenn sich, wie früher schon bei dem lieben Claudius in Sahms eine Conferenz (seit 1827) Statt gefunden, an der er Jahre lang Theil nahm, eine größere Predigerconferenz bildete, an der im Laufe der Jahre immer mehr Prediger Theil nahmen und der er selbst in den ersten Jahren gern beiwohnte, und wenn außerdem mehrere kleinere Kreise der Prediger zu theologischen Besprechungen Statt fanden. Er hatte aber Bedenken, die in der Kirchenordnung bestimmte Synode schon wieder ins Leben zu rufen, bevor unter den Predigern eine vollstimmige Einigkeit in der Hauptsache sei, und blieb dieses seinem Nachfolger vorbehalten.

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So suchte Catenhusen auf alle Weise seiner Geistlichkeit als Superintendent zu dienen, und hielt es auch für seine Aufgabe, in außeramtlichen Thätigkeiten, wie namentlich im Werke der Mission, dahin zu wirken, daß sie in den Schranken des kirchlichen Bekenntnisses seien und blieben. Es ist hier der Ort, sein Verhältniß zur Missionssache und seine Grundsätze in dieser Beziehung darzustellen.

Während die Bibelgesellschaft seit ihrer Stiftung ihren stillen und gesegneten Fortgang hatte und in den Amtsjahren Catenhusen's, der als Superintendent ihrem Verwaltungsausschusse angehörte, so viel ich weiß nur die eine Aenderung geschah, daß die Collecte vom Trinitatissonntag auf den 20. nach Trinitatis, als das hiesige Reformationsfest, verlegt wurde, und während der Gustav-Adolph-Verein bei uns gar keine Geschichte hat, weil er nicht auf dem lutherischen Bekenntniß ruht, hat die Missionssache unter uns eine Geschichte, die noch nicht zum Abschluß gekommen ist.

Catenhusen war lange schon ein Freund der Mission, bevor es zu einer gemeinsamen Missionsthätigkeit in unserem Lande kam. Diese veranlaßte in Lauenburg nach seinem Fort-

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gange der Candidat, jetzige Pastor Harms zu Hermannsburg, der damals Hauslehrer bei dem dortigen Amtmann und Kammerherrn von Linstow war. Damals aber standen die Sachen noch so, daß man vor nichts größere Angst hatte als vor Conventikeln und darunter wer weiß was Alles witterte. Deshalb mußte der Lauenburgische Missionsverein Jahre lang um das Recht der Existenz kämpfen, bis er endlich durch Catenhusen's Vermittelung von König Christian VIII. nach dessen Besuche bei uns förmlich, unter Voraussetzung der Beaufsichtigung des Consistorii, bestätigt wurde. In seiner Comité befanden sich, außer dem Kammerherrn und Amtmann von Linstow in Lauenburg als Präses, der dortige Pastor Berlin, Candidat Harms und mit mehreren andern Predigern auch der Verfasser. Der Verein hatte sich der Norddeutschen Missionsgesellschaft angeschlossen, der in Hamburg seinen Mittelpunkt und seine Generalversammlungen abwechselnd in verschiedenen Städten, einmal auch in Lauenburg hatte. Jährlich fand nach Pfingsten eine Missionsfeier auf dem Amte daselbst Statt und erschien ein Bericht im Druck mit den Namen und Gaben der Mitglieder des Vereins. Ich muß sagen, denn es ist die Wahrheit, es war ein reges, lebendiges Streben in demselben und viele in der Gemeinde schenkten ihm ihre Theilnahme. Je länger je mehr erkannten aber anfangs nur Einzelne, bald Mehrere, daß es nicht zulässig sei, wenn Lutheraner und lutherische Pastoren sich unmittelbar an einer Misstonsgesellschaft betheiligten, die, wie die Norddeutsche, aus Lutheranern und Reformirten bestand, und in der darum das lutherische Bekenntniß nicht zu seinem vollen Rechte kommen konnte. Dieser Ansicht war auch Catenhusen, und es war nur in seinem wie des Consistorii Sinne, wenn sich zuerst nur einzelne Prediger, und nach und nach die übrigen von dem Lauenburger Verein zurückzogen und für lutherische Mission in ihren Gemeinden wirkten. So kam es,

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daß der Lauenburgische Missionsverein nach einigen Jahren sich ganz von selbst auflöste. Viele Freunde in der Ferne konnten das gar nicht begreifen, auch lutherische Freunde nicht, die erst nach und nach zu der Ueberzeugung kamen, die Catenhusen auf das Entschiedenste aussprach, daß lutherische Pastoren auch lutherisch missioniren müßten. Namentlich aber konnten's die lieben Bremer Freunde nicht begreifen, und das trug auch dazu bei, daß Catenhusen vielerwärts als exclusiver Hyperlutheraner, freilich mit großem Unrecht, galt. Es war das aber auch ein öffentliches Bekenntniß, das mit ihm die Lauenburgische Kirche ablegte, und was sie einerseits an Freunden verlor, gewann sie andrerseits so reicher wieder. Die sächsische, damals noch einzige deutsche lutherische Missionsgesellschaft, die in Dresden ihr Collegium hatte, gewann immer mehr Freunde, und auch andre Vereine, die mit uns der Norddeutschen Gesellschaft angehört hatten, schlossen jener sich an. Unser Consistorium aber genehmigte (im Nov. 1844) den Antrag einer Anzahl von Predigern, eine Missionscollecte zum Zweck einer gemeinsamen Missionsthätigkeit halten zu dürfen, jedoch in der Voraussetzung und unter der Bedingung, daß sie sich damit in den Schranken der Kirchenordnung und denen des Bekenntnisses der lutherischen Kirche hielten, wie denn auch selbstverständlich unter Oberaufsicht und Inspection der kirchlichen Behörden. An dem kirchlichen Princip wollte Catenhusen in der Mission entschieden und unumwunden festgehalten haben, am Bekenntniß der Kirche, "weil, wie er an seinen Freund schreibt, sonst zerstreut wird, was zusammengehalten werden soll, und weil, wenn ein Princip der Willkür erst einmal autorisirt ist, das Consistorium die Zügel der Leitung aus den Händen gegeben hat und nicht mehr halten kann, was es losgelassen hat." Daneben aber, und das konnte ja wohl bestehen, ohne jenes Princip zu verletzen, wollte Catenhusen die Freiheit, sich dieser Missions-

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thätigkeit anzuschließen oder nicht, keinem der Prediger beschränkt und auch die fernere Gestaltung derselben ihnen überlassen wissen, nur daß sie nach obigen Grundsätzen geschehe. Ueber diese fernere Gestaltung beriethen sich nun eine Anzahl (13) Prediger in Gemeinschaft mit ihrem Superintendenten in brüderlichster Weise am 19. Febr. 1845 in Möllen. Einige wollten die Brüdergemeinde, Andre auch die Lutheraner in Nord-Amerika aus den Collectengeldern unterstützt wissen; die Majorität aber beschloß mit ihm, der damals noch einzigen deutsch-lutherischen Missionsgesellschaft in Dresden die Gelder zu senden. Zugleich wurde beschlossen, im Anschluß an die Predigerconferenzen auch Missionsconferenzen zu halten, einen jährlichen Bericht herauszugeben und sobald thunlich auch auf die Feier eines Missionsfestes Bedacht zu nehmen. Hiezu kam es aber erst im Jahre 1832, wo am 15. Juli (dem Ansverustage) das erste allgemeine Lauenburgische Missionsfest in der Stadt Lauenburg Statt fand, welchem Catenhusen mit hoher Freude - war's doch in seiner vielgeliebten ersten Gemeinde! - beiwohnte; - dem ersten und für ihn zugleich dem letzten! So gestaltete sich das Missionswerk auf das Erfreulichste. Das allgemeine Interesse aber konnte nur gewinnen, als im Jahre 1846 der Missionar Mylius und 1848 der Missionar Glasell in Ratzeburg ordinirt wurden. Die bei der Ordination des Ersteren gehaltne Ordinationsrede Catenhusen's über Apostg. 26, 18. 19: "Von den Boten und Zeugen, die der Herr unter die Heiden sendet," erschien gedruckt mit Mylius' Predigt. Im Jahre 1844, 1845 und 1847 war Catenhusen in Dresden bei der Misstonsfeier und in Leipzig bei der großen Predigerconferenz, die in den damaligen lichtfreundlichen Bewegungen, gegen welche auch die Mehrzahl der hiesigen Geistlichkeit ihren Protest veröffentlicht hatte, von Bedeutung war. Ich war 1843 mit ihm in Dresden bei der Jahresfeier der Mission, bei welcher

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ich die Predigt hielt. Mit allgemeiner Verehrung kam man ihm dort überall entgegen; sein Name war auch außerhalb unsres Landes schon ein wohlbekannter und anerkannter, und mit seiner herzlichen Liebe gewann er sich Vieler Herzen. Das waren schöne Tage, und manch kleiner Zug ist mir erinnerlich, der ihn charakterisirt. Als wir z. B. eines Abends einen Spaziergang machten und die wunderschöne Aussicht nach der sächsischen Schweiz, vom Abendroth vergoldet, sich uns darbot, und er gefragt wurde: Ist es hier nicht schön, Herr Superintendent? antwortete er: "Ja, - aber Sie sollten einmal Ratzeburg sehn!" Im Jahre 1847 hielt er dort die, auch im Druck erschienene Predigt über Matth. 8, 11. 12: "Unsre Missionsfreude." Bald darauf siedelte das Missionscollegium von Dresden nach Leipzig über, wo ein großes Missionshaus gebaut wurde. Dieser Schritt erschien ihm bedenklich. Er fürchtete, daß er der Mission nicht die Vortheile bringen werde, die man sich von ihm versprach. Die späteren Differenzen mit den bei uns ordinirten Missionaren Mylius und Glasell, welche beide nach kurzer Arbeit zurückkehrten, waren ihm sehr schmerzlich. Und als nun eine engere Verbindung mit der Leipziger Missionsgesellschaft in der Weise geschah, daß wir als ein stimmberechtigtes Glied uns der Generalversammlung anschlossen, da hatte er uns ernstlich davon abgerathen und verhehlte seine Unzufriedenheit nicht. Seine Abneigung vor dem Anschluß an eine andre Missionsgesellschaft rührte aus dem Bestreben her, uns unsre Selbstständigkeit zu sichern. Er fürchtete (und dieselbe Scheu hatte er auch vor jeder Verbindung mit einem fremden Kirchenregiment, wie z. B. bei dem Entstehen der Eisenacher Conferenz), wir könnten dann später zu Schritten genöthigt werden, die wir nicht billigen dürften.

Wenn nun auf diese Weise Catenhusen dafür sorgte, daß


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das Missionswerk dem Bekenntniß gemäß geschehe, im Uebrigen dasselbe seiner freien Gestaltung überlassend, und wenn er deshalb dem nicht auf dem Bekenntniß ruhenden Gustav-Adolph-Verein seine Hülfe nicht konnte werden lassen, so versäumte er doch nicht, ähnliche Zwecke innerhalb der lutherischen Kirche zu verfolgen, nnd veranlaßte eine allgemeine Collecte für die Gemeinde Saatzke bei Wittstock zur Erbauung einer Kirche in Jabel. Dies geschah freilich erst im Jahre 1851, ich bemerke es aber schon hier. Er hatte dabei die Absicht, zunächst bedrängten Glaubensgenossen zu helfen, dann aber auch, das Bewußtsein der Gemeinschaft mit ihnen zu beleben, und es ist ganz in seinem Sinn, was jetzt unter uns theils für die böhmischen Lutheraner, theils für die ausgewanderten deutschen Lutheraner in Nordamerika geschieht. In diesem Allen ging Catenhusen seiner Geistlichkeit voran und führte sie mit sich, ihnen selbst und durch sie den Gemeinden dienend. Er half und diente ihnen aber auch in ihren persönlichen amtlichen Verhältnissen, wo und wie er konnte. So ließ er sich die Predigerwittwenkasse sehr angelegen sein und veranlaßte eine zu gewissen Zeiten wiederkehrende allgemeine Predigerversammlung zur Berathung über sie, auch die Mittheilung eines Auszugs aus der jährlichen Rechnung derselben. So führte er 1844 eine Verhandlung mit der betreffenden Oberbehörde herbei wegen Freiheit der Prediger vom Landzoll, die in einem einzelnen Falle beanstandet war, und erwirkte eine Anerkennung derselben für die Prediger als solche. Und so zeigte er, wo sich ihm nur die Gelegenheit bot, daß ihm auch das persönliche Wohl seiner Prediger auf dem Herzen lag und daß er zu Allem bereit war, was er vermochte, ihnen zu dienen. Darum hatten sie denn auch in dieser Hinsicht ein freudiges Vertrauen zu ihm und kamen oft, sich Raths zu erholen auch in persönlichen Angelegenheiten und gingen nie

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unberathen von ihm. Er vertrat sie aber auch, wo es Noth war, ihren Gemeinden und Einzelnen ihrer Gemeindeglieder gegenüber, und schonte auch in solchen Fällen, wo er in einer Sache ihnen nicht beistimmen konnte, auf die zarteste Weise ihre Autorität, denn er wußte es wohl, daß von derselben ihre Wirksamkeit sehr abhänge. Er nahm sich aber in gleichem Maaße der Gemeinden an und trachtete dahin, nach beiden Seiten gerecht zu sein. Das erkannten denn auch sie gar wohl, und ich weiß es ja, wie sein Haus fast keinen Tag leer war von Leuten, die in allen möglichen Angelegenheiten seinen Rath und seine Hülfe sich erbaten. Vor Allem aber war es sein Hauptbestreben, jeder einzelnen Gemeinde das zu sein, was sein Amt ihm auferlegte. Und wie er ja in Allem, womit er den Predigern diente, auch ihnen seinen Dienst erwies, so unterließ er es nicht, auch für die Erhaltung ihrer Rechte einzutreten. Er sah dahin, daß den Gemeinden kein Prediger zum Verdruß aufgezwungen werde, und es war ihm nicht eine leere Form, wenn ein ernannter Prediger seiner Gemeinde aufgestellt und diese gefragt wurde, ob sie gegen Lehre, Gaben und Wandel desselben etwas zu erinnern habe. Er erwies dem Rechte der Patronen alle gebührende Ehre, aber mehr als einmal nahm er auch die Gemeinde gegen sie in Schutz, namentlich bei Zurückweisung solcher Candidaten und Prediger, die im Punkte des Bekenntnisses von der Kirchenordnung abwichen. Es war ihm aber auch Grundsatz, weder Predigern noch Gemeinden vorzugreifen; wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter - und daher sah und wußte er wohl Manches, was sein Herz beschwerte, dem er aber nicht sofort abhelfen konnte. Darum aber benutzte er die Visitationen, auf beide Theile geistlich einzuwirken und entstandne Differenzen in Liebe zu erledigen, was ihm bei seiner freundlichen Milde auch meist gelang. Wie schonend und zögernd er oft vorging, das

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ist mir namentlich bei einem betrübenden Fall erinnerlich, der endlich mit der Entlassung eines Mannes endigte, mir, dem damals jungen Prediger, viel zu zögernd. Hernach aber erkannte ich es, daß so nur die rechte Weise getroffen war. Weil er aber so auch für die Gemeinde in väterlicher Liebe sorgte, so hatten sie auch eine herzliche Liebe zu ihm, und wenn ein Bauer den Herrn Superintendenten einmal sah, da glänzte sein Angesicht vor Freude! Catenhusen aber verstand es auch, mit den Leuten sich einzulassen und mit Jedem so zu sprechen, wie mit ihm gesprochen werden mußte. Was nun aber von seinem Verhältniß zu Predigern und Gemeinden gesagt ist, das galt in aller Hinsicht auch von den LEHRERN. Wenn Einer ihren Beruf als einen hochwichtigen, aber auch schweren und so vielfach mühseligen anerkannte, so war er es. Wie ging es ihm so tief zu Herzen, wenn mancher seiner Lehrer mit Sorgen zu kämpfen hatte, und wie war er bei jeder Gelegenheit bereit, ihnen zu helfen! Wir war er stets bemüht, ihre Lage zu verbessern, und wie war es ihm so schmerzlich, wenn er oft seine Absicht so wenig oder so gar nicht erreichen konnte! Das wußten sie auch Alle, und die ihn gekannt, wissen es noch, daß sie keinen treueren Freund gehabt, als ihn. Darum waren sie es auch vor Allem, die fortwährend bei ihm aus- und eingingen. Und wie schwer wurde es ihm, abschlagen und verweigern zu müssen, wo er so gern gegeben und zugestanden hätte. Es waren ja aber unter den Lehrern seiner Zeit, und namentlich den Landschullehrern, die hier insonderheit gemeint sind, manche nicht bloß hülfsbedürftige, sondern alte und geistig sehr schwache, wenn auch ein großer Theil derselben im Lauf der Jahre erneuert und im Ganzen ein tüchtigerer Lehrerstand hergestellt war. Dazu half namentlich die neueingerichtete Präparandenanstalt, von der ich noch reden werde, wenn ich Catenhusen's Sorge für die Schule

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darstelle. Aber es waren doch noch Manche untüchtige Lehrer da. Catenhusen trug, was er nur konnte, und es war rührend, wie er so manchen alten, schwachen Mann schonte und seine Blößen bedeckte. Mit zarter Hand suchte er hie und da nachzuhelfen und namentlich durch die Prediger auf die Lehrer einzuwirken. Und in den oft so schwierigen Verhältnissen entstandener Differenzen zwischen Prediger und Lehrer suchte er mit Liebe und Geduld ein besseres Verhältniß anzubahnen, ohne sogleich mit dem Gesetz darein zu fahren und größeren Zorn anzurichten. Das war sein Verhältniß zu den Lehrern, und von diesem gilt es vorzugsweise, was der Nekrolog sagt: „Wie er alle Verhältnisse des Landes auf's Genauste kannte, durch die Kirchenvisitationen allen Gemeinden persönlich bekannt wurde, und durch sein treues Gedächtniß auch über das Specielle genaue Uebersicht hatte, so suchten und fanden auch Alle bei ihm väterlichen Rath und Trost. Trotzdem, daß er von Vielen täglich angelaufen wurde, fanden doch Alle bei ihm allezeit Zugang und williges Gehör - und was ihm zum Vorwurf gemacht wird, das geht meistens darauf hinaus, daß er zu weich und zu milde gewesen, und daß er es zu wenig verstanden, harte und abschlägige Antworten auf Bitten und Fragen geben zu können.“

Bevor ich jetzt zu dem übergehe, was Catenhusen für die Schulen unsres Landes gethan, muß ich noch der neuen Auftage des GESANGBUCHES gedenken, mit der er der ganzen Landeskirche gedient hat. Allerdings hätte eine noch durchgreifendere Revision desselben stattfinden können, als im Jahre 1841 geschah, aber es sollte ja nicht ein neues und andres Gesangbuch werden, und wenn wir bedenken, wie mißlich es ist, ein vielfach den Gemeinden lieb gewordnes Buch großen Aenderungen zu unterwerfen, so müssen wir auch zugestehen, daß viel mehr nicht geschehen konnte. Wer aber die schöne Vorrede


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zu der neuen Ausgabe noch einmal liest und beherzigt, der muß auch Gott dafür danken, daß wir ein solches Gesangbuch haben, und das um so mehr, wenn er die Gesangbücher manch andrer Landeskirche kennt, und wenn er weiß, welche Wirren anderswo durch ein unbedachtsames Vorgehen auf diesem Gebiete verursacht sind. Ein besondres, wenn auch unscheinbares Verdienst erwarb sich Catenhusen auch noch dadurch, daß er den lutherischen Katechismus und die Augsburgische Confession der neuesten Auflage hinzufügte - und das war die letzte Arbeit seines Lebens.

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Ich komme nun zu dem, was Catenhusen für unser SCHULWESEN, das niedere und das höhere, gethan hat. Der ihn leitende Grundsatz war in Allem, was er für die Schulen that, die enge Verbindung derselben mit der Kirche, eine Verbindung, die so selbstverständlich ist, daß nur unsre verworrene und verwirrende Zeit das Gegentheil als selbstverständlich ansehen kann. Ueberdieß spricht unsre Kirchenordnung diese Verbindung auf das Entschiedenste aus. Catenhusen sah also alle Schulen des Landes seiner Aufsicht und Fürsorge zugewiesen, und für alle zu sorgen ließ er sich angelegen sein. Zunächst für die LANDSCHULEN. Er wußte, woran es ihnen gebrach, erkannte namentlich auch den Uebelstand der fehlenden Sommerschule an; aber er konnte es sich ja nicht verbergen, daß nur ein Zwiefaches hier Wandel schaffen könne: bessere Vorbereitung und bessere Besoldung der Lehrer. Darum sorgte er zunächst für jene durch die von ihm veranlaßte Präparandenanstalt in Ratzeburg. Bisher hatten die jungen Leute bei ihren Predigern und bei Lehrern nothdürftigen Unterricht erhalten, jetzt aber wurde die Einrichtung getroffen, daß sie in Ratzeburg von dem zweiten Prediger ordentlich in Unterricht genommen wurden und die praktische Unterweisung

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von einem der Lehrer der Stadtschule empfingen. Catenhusen war der Ansicht, daß ein eigentlich seminaristischer Cursus, wie er auf Seminaren Statt findet, für die künftigen Landschullehrer nicht passend sei, und daß eine solche Vorbereitung, wie er sie veranlaßte, für sie genüge, und darin muß ihm beistimmen, wer die nöthigen Erfahrungen auf diesem Gebiete gemacht hat. Auch für die Elementar- und unteren Lehrer der Stadtschulen hat sich jene Vorbereitung als im Ganzen genügend erwiesen; für die oberen Lehrerstellen bedarf es freilich einer weitergehenden Vorbildung. Was die bessere Besoldung der Landschullehrer betrifft, so ist sie nicht nur an sich wünschenswerth, sondern für die Sommerschule unerläßlich. Nach der Landschulordnung v. J. 1757, welche im Jahre 1842 wieder abgedruckt wurde, soll nun allerdings der Regel nach täglich, mit Ausnahme der Erndtezeit, unterrichtet werden, und nur ausnahmsweise für dürftige Kinder ein ein- oder zweitägiger Unterricht in der Woche gelten. Aus der Ausnahme war aber im Laufe der Zeit bis auf zwei Schulen eine Regel geworden, und fand sich daher das Consistorium bewogen, in demselben Jahre die Nothwendigkeit der täglichen Sommerschule einzuschärfen. Wenn nun aber die Prediger aufgefordert wurden, die Hindernisse dieser gesetzlichen Ordnung namhaft zu machen, so ergab sich, daß die Lehrer in ihrer Einnahme meist so gestellt seien, daß ohne deren Verbesserung der tägliche Unterricht schwerlich allgemein wieder hergestellt werden konnte. Deshalb war es auch Catenhusen's lebhafter Wunsch, daß die Lehrer besser gestellt würden, und es war ihm sehr schmerzlich, wenn er die Erfüllung desselben nicht erleben konnte. Es kann hier ja aber mit Befehlen und Vorschriften von Oben nicht geholfen werden, so lange die betreffenden Stellen und namentlich die Commünen selbst nicht dazu willig sind. Später ist das von ihm Beabsichtigte wieder aufgenommen, und steht

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zu hoffen, daß, was allgemein als wünschenswerth und nothwendig erkannt wird, seiner Verwirklichung nicht mehr fern sei.

Wie Catenhusen für das Landschulwesen sorgte, so war es auch sein ernstlicher Wunsch, den STADTSCHULEN seine Dienste zu erweisen, so weit ihm dieses möglich war. Die Stellung des Superintendenten zu ihnen ist aber insofern eine andere, als hier die Stadtmagistrate die Schulpatrone sind; doch ist ja das Consistorium die Oberschulbehörde und der Superintendent der wie den Predigern auch den Lehrern Vorgesetzte, der mit jener das städtische Schulwesen zu überwachen und zu leiten hat. Auf Einzelnheiten kann ich hier nicht eingehen, weil sie nur ein örtliches Interesse haben. Sonst könnte ich Catenhusen's treue und umsichtige Fürsorge für die Möllner Schule rühmen, durch welche er allen Ständen, den unteren wie den höheren gedient wissen wollte. Vor Allem aber war es seine Hauptsorge, daß in allen Schulen den namentlich die Lehre betreffenden Bestimmungen der Kirchenordnung entsprochen werde, und er sah es als eine der wichtigsten Amtspflichten seiner Prediger an, sie in dieser Hinsicht zu überwachen. Es sind auch Fälle vorgekommen, daß unwürdige Lehrer entfernt sind und ein präsentirter Lehrer wegen Abweichung von der rechten Lehre göttlichen Worts zurückgewiesen wurde.

Ein bleibendes Verdienst hat Catenhusen sich um die GELEHRTENSCHULE unsres Landes erworben, als deren eigentlicher Gründer er angesehen werden darf, wenn er sich auch selbst freilich nur als Helfer oder Mitbegründer betrachtet sehen wollte. Die Domschule in Ratzeburg, die in den altehrwürdigen Räumen des Doms Jahrhunderte bestanden, wurde im Jahre 1845 Seitens der Mecklenburgisch-Strelitzischen Regierung, welcher sie mit dem Dom bekanntlich gehörte, aufgehoben und in Folge dessen von König Christian VIII. die Errichtung einer Gelehrtenschule für das Herzogthum Lauenburg in der


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Stadt Ratzeburg beschlossen. Sie stand Anfangs noch sehr in Zweifel, und es darf gesagt werden, daß ohne Catenhusen aus der Sache nie etwas geworden wäre. Ihre Verwirklichung danken wir seiner Ausdauer, seiner Begeisterung und Wärme, mit der er diese ihm so wichtige Angelegenheit betrieb und wie bei dem Consistorio, der Regierung und den Ständen, so nach Oben hin befürwortete. Deshalb war es auch für ihn, wie für Alle, welche die Bedeutung einer eigenen Gelehrtenschule für unser Land zu würdigen wußten, eine große Freude, als dieselbe endlich beschlossen wurde und bereits am 20. Oct. 1845 im ehemaligen Lokale der Domschule von ihm eröffnet werden konnte. Er lud dazu ein durch eine als Schulprogramm gedruckte Ansprache: "Dr. M. Luther's, des deutschen Propheten und Apostels, lehrreiche Aussprüche über die hohen Schulen." Aus derselben und namentlich aus den einleitenden Worten erkennen wir die ächt-lutherischen Grundsätze, welche Catenhusen bei dieser wichtigen Angelegenheit leiteten, und welche in dem das Jahr darauf erfolgenden Regulativ ihren Ausdruck fanden. Ich darf mir es nicht versagen, einige Stellen der Ansprache auszuheben, welche Catenhusen's tiefe Verehrung Luther's und sein eignes deutsch-lutherisches Herz kund thun, aber auch sein nur zu bald bestätigtes Urtheil über die damalige Zeit aussprechen. "Luther's Name ist groß und unsterblich. Aber ob er dem Namen nach Allen bekannt ist, so ist er doch nach seinem Geist und inneren Wesen nur von Wenigen gekannt. Die kennen ihn nicht, die seine Schriften nicht ernst gelesen und gründlich erwogen haben, und deren ist in unsrer Zeit eine große Zahl. So urtheilt man über Luther, ohne ihn zu kennen, und der Ruhm des Fortschrittes, den unsre Zeit sich vor Luther in geistlichen Dingen anmaßt, beruht auf einem dünkelhaften Vorurtheil der Unwissenheit, hat seine Quelle in unsrer Unkenntniß seiner und unser selbst. Doch

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von Luther ist nie ab- und wegzukommen, und darum müssen auch wir wieder zu ihm hinan. Liebes Deutschland, du wirft deinen edelsten und hochherzigsten Sohn, liebes deutsches Volk, du wirfst den deutschesten unter allen deutschen Männern, den treusten Knecht Gottes, deinen Propheten und Apostel, durch den Gott die Nacht und Macht des Papstthums über dir zerstreut und zerbrochen hat, - du wirst deinen Luther, dessen Name der reinste Juwel und der edelste Demant in der Krone deines Ruhmes ist, bald näher, bald besser kennen lernen, als du ihn jetzt kennst. Ich will nicht rechten und hadern mit deinen Lichtfreunden, die klüger sind als Gott und darum Gottes Wort weit von sich weisen. Dazu hab' ich nicht Zeit, Auch verlohnt es sich der Mühe nicht. Aber das will ich sagen: Soll Deutschland Deutschland bleiben, und in ihm ein deutsches Volk, nicht bloß dem Namen, sondern auch dem Wesen und der Wahrheit nach erhalten bleiben, so können wir von Luther nicht ab und weg, sondern müssen wieder zu ihm hinan. Denn Luther ist der allerdeutscheste Mann, den es je gegeben hat und geben wird. In ihm hat sich deutsches Wesen, deutscher Sinn, deutsche Kraft und deutscher Muth, der ganze deutsche Charakter, am reinsten und völligsten ausgeprägt. Was in Hermann, der den Varus schlug, rohe heidnische Naturkraft war, das ist in Luther christlich verklärt. Hermann war ein deutscher Heide, Luther ein deutscher Christ. Und wir wollen doch wohl nicht wieder zu den stummen Götzen unsrer Väter zurück? Deutsches Volk, du willst doch wohl ein christlich Volk bleiben? So sieh, so ist und bleibt Luther dein Mann, der deutsche Mann, an dem und nach dem, was deutsches Wesen, deutscher Muth, deutscher Sinn ist, ermessen werden kann und ermessen werden muß. Da schaue ihn an, diesen theuren deutschen Gottesmann, wie er leibt und lebt im Werk und Kampf der Reformation. Ein Herz von Stahl und Eisen, so fest, so undurchdringlich, so

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unbezwinglich, wo es die edelsten theuersten Güter galt, im Kampf für Gottes Wort, für den evangelischen Glauben; ein Herz, das nicht anficht Menschengunst und Menschenhaß, das sich vor der Welt und Hölle nicht fürchtet, das nicht fragt nach Lust und Leid, das Gut und Blut nicht achtet, das hinweg ist über Leben und Sterben, wo das Heil deiner Seelen, deutsches Volk, auf dem Spiele stand, und dein edelstes Kleinod, der Glaube an Christum den Gekreuzigten, bedroht war. Gab ihm doch ein ergrauter Kriegsheld unter Thränen Zeugniß: daß er einen schwereren und heißeren Gang gehe, als der Krieger in die Schlacht. Und dies Herz von Eisen und Stahl im Kampfe, so voll Demuth gegen Gott, so voll Furcht vor Gott, so unterwürfig und unterthan aller menschlichen und göttlichen Ordnung, so voll Liebe und Inbrunst, so voll Treue und Güte, so voll Hingebung und Aufopferung, so ernst und doch so fröhlich, so eifrig und doch so besonnen, so thätig und nie verdrossen, so männlich und doch so kindlich in allen Verhältnissen und Beziehungen seines amtlichen und häuslichen Lebens. Seht, das sind die Hauptzüge in Luther's Charakter, und die Grundzüge eines wahrhaft deutschen Charakters. Gottes Wort und der Glaube sind die Hauptsache darin, denn sie sind der Grund, auf dem sich das christlich deutsche Wesen entwickelt, die Quelle alles wahrhaft deutschen Sinnes, Muths und Lebens. Gottes Wort und der Glaube gehören nothwendig zum deutschen Charakter. Und darum müssen wir zu Luther wieder hinan. Denn Gottes Wort und Glaube sind aus unserem deutschen Vaterlande gewichen, und dadurch deutscher Sinn und deutscher Muth gefährdet und bedroht. Deutschland, Deutschland, willst du deutsch bleiben? Ohne Gottes Wort und den Glauben kannst du es nicht! Denn ohne Gottes Wort und den Glauben stehen deine Kinder im schreiendsten und schneidendsten Contraste mit Luther, sind Luther's Gegen-

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bild, und Luther war und bleibt doch ohne Widerrede und Widerspruch der allerdeutscheste Mann, den es gegeben hat und noch giebt." Nachdem hierauf auf mehrere merkwürdige prophetische Aussprüche Luthers hingewiesen, heißt es: "So Luther! Und daß er scharf gesehen hat, das können wir in unsrer Zeit nachgerade mit Händen greifen. So wie es jetzt ist (1845), kann es unmöglich bleiben. Die babylonische Verwirrung muß zu einem Ende hinaus. Und weil man Gottes Wort heut zu Tage verachtet und nichts davon wissen und hören will, sondern seinem eignen Lichte folgen und nach eignem Rathe gehen will, so geht es den schlimmsten Weg und zum schlimmsten Ende hinaus. Wir können es wohl merken und spüren, daß eine Zeit großer Noth und großer Trübsal vor der Thür ist. Verachtung des göttlichen Wortes geht allem Unglück voran. Wir werden's sehen, wohin der Fortschritt gedeiht. Dahin, daß guter Rath theuer wird, daß man fragen wird, wie einst zu Josaphat's Zeit: Ist denn kein Prophet des Herrn hier, daß wir den Herrn durch ihn rathfragen? Und dann wird der deutsche Prophet, unser Luther, wieder zu Ehren kommen, der jetzt vergessen und verachtet ist im deutschen Volk, und wird Deutschland wieder in Gottes Wort zeigen, das jetzt verworfen ist!" - Darauf wird, mit Hinweisung auf den wörtlich aufgeführten 2. Artikel des Principallandesrecesses, "des allerwichtigsten Artikels in unsrer Landesverfassung," es mit Dank gegen Gott ausgesprochen, daß unser Land noch ein evangelisch-lutherisches ist, und "daß in ihm auch unser Luther noch gilt als der er ist, als der deutsche Prophet, dessen Rath wir in unsern Kirchen und Schulen gern hören, denn, ob er wohl ein Mensch war, so ist er doch ein theurer Gottesmann, durch Gottes Wort und Geist so hoch erleuchtet, wie nach ihm Keiner, am wenigsten in unsrer Zeit. Und all sein Rath ist in Gottes Wort gegründet. Das ist die Sache, darauf es

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ankommt." Endlich wird dann die erfreuliche Kunde von dem neuen Segen gegeben, womit Gott uns beglückt habe in der von dem König Christian VIII. in seiner landesväterlichen Fürsorge für das Wohl unsres Landes und unsrer Jugend, unter dem Beitritt der Lauenburgischen Ritter- und Landschaft beschlossenen Stiftung einer Lauenburgischen Gelehrtenschule. "Die Stiftung dieser Schule ist eine Angelegenheit, die das ganze Land angeht und darum auch das ganze Land bewegen und erfreuen muß, indem nämlich des Landes Hoffnung für die Zukunft und unsre Nachkommen zu einem großen Theile wesentlich auf dieser Schule beruht. Denn auf dieser Schule soll die Lauenburgische Jugend ohne Ausnahme und Unterschied, in der ein Antrieb und Begabung zur Wissenschaft verspürt wird, gezogen und gebildet werden, und du siehst, liebes Land, in deinen Söhnen, die diese Schule besuchen, deine künftigen Prediger, Räthe, Richter, Aerzte, deine gebildeten Bürger und Landleute aufblühn. Sollte dir das denn nicht eine herzliche Freude sein, daß deine Söhne, die einst die geistlichen und weltlichen Aemter im Vaterland bekleiden, in unserem lieben gesegneten Lande selbst und unter unsren Augen gezogen werden, und nicht erst auszuwandern brauchen, um sich auf ihren künftigen Beruf, so weit das die Schule vermag, zu bilden und vorzubereiten? - Damit aber auch dem ganzen Lande kund und offenbar werde, daß bei der Stiftung dieser Gelehrtenschule unsre Landesverfassung im Auge behalten sei und daß sie auf evangelisch-lutherischem Grunde stehe, so folgen hieneben des deutschen Propheten, unsers theuren Dr. M. Luther's lehrreiche Sprüche und goldene Worte über die hohen Schulen." - So wurde also am 20. October 1845 die Gelehrtenschule im Lokale der Domschule eröffnet, das Regulativ derselben erschien aber im folgenden Jahre. Nach demselben hat der König das Patronat und Ritter- und Landschaft das Compatronat, und

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übt das Consistorium dieses gemeinsame Patronat, wie es auch die Lehrer, bis auf den, der zugleich Rector der Stadtschule ist, dem Könige präsentirt. Das Consistorium hat die Oberaufsicht über die Schule, und der Superintendent ist Ephorus derselben. Sämmtliche Lehrer werden auf die Lauenburgische Kirchenordnung verpflichtet und beeidigt. Ich hebe bloß diese Bestimmungen des Regulativs hervor, weil aus ihnen die kirchliche Grundlage der Schule erhellt, die sich Catenhusen vor Allem angelegen sein ließ. Nicht weniger aber war er unausgesetzt darauf bedacht, in wissenschaftlicher Hinsicht für sie zu sorgen und suchte und fand bei seinem Freunde, der ja selbst lange Jahre Lehrer an der alten Domschule gewesen, den besten Rath, namentlich bei Besetzung vakant gewordener Lehrerstellen. Von einem so gründlich gelehrten und wissenschaftlich tüchtigen Manne wie Catenhusen durfte das Land ja mit vollem Rechte erwarten, daß auch in dieser Hinsicht für die Schule auf's Beste gesorgt werde. Sehr wichtig war ihm auch der Bau des neuen Schulhauses, und er gab sich die größte Mühe, zunächst den rechten Platz für dasselbe zu wählen, wozu denn auch unter seiner Beihülfe der offenbar geeignetste bestimmt ist. Auch die Einrichtung des Hauses selbst hatte er bis ins Speziellste bedacht und erwogen, und es war ihm eine große, reine Freude, als das schöne Haus vollendet da stand. Inzwischen waren die Tage hereingebrochen, die das Haus, darin wir Alle so lange unter Gottes Segen in Frieden gewohnt, in seinem Grunde erschütterten; Catenhusen aber weihte unerschüttert in seinem Glauben und getrost in Hoffnung am 8. October 1849 das neue Schulhaus ein, wozu er durch ein Programm: "Vom göttlichen Segen, oder: Kurze göttliche Segensordnung nach der heil. Schrift" einlud. - "Was könnte wohl mehr an der Zeit sein, als das Wort vom göttlichen Segen? Denn der Segen Gottes ist ja fast überall im

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Wanken, ja im Weichen begriffen. Mehr noch, ist er nicht schon gewichen mit wenigen Ausnahmen aus fast allen Ländern des christlichen Europa's? Nicht gewichen aus unserem, lieben christlichen Deutschland? Sind nicht alle Zustände erschüttert, zerrissen, in Unordnung gerathen, in Auflösung begriffen? Nichts ist fest. Nichts ist sicher. Nichts, was Bürgschaft für ein längeres als ephemeres Dasein hätte und gäbe. Es steht Alles in der Schwebe. Das Wohl und Heil ganzer Völker und Nationen, wie der Familien und Individuen. Sind diese Zustände von Gott? Unmöglich! Denn Gott ist ein Gott des Friedens und nicht der Unordnung. Und darum, weil sie nicht von Gott sind, kann auch der Segen Gottes nicht mit ihnen sein, nicht auf ihnen ruhn. Vielmehr es steht etwas Anderes vor der Thür. Die Zeit ist da, von der Luther, den das christliche Deutschland einst seinen Propheten und Apostel nannte, mit schwerem Herzen geweissagt hat. Luther's, durch Gottes Wort erleuchteter und durch den Reichthum christlicher Erfahrung geschärfter Seherblick spiegelt sich in den Zuständen und Ereignissen unsrer Zeit ab. Das Wetterleuchten des heiligen Ernstes Gottes, der Vorbote seines verzehrenden Feuereifers, durchzuckt schon die sichere Welt, und von fernher und in der Nähe lassen sich die Plagen schon sehen, die von den Propheten des alten Bundes geweissagt sind, als die Gerichte Gottes in der Zeit. - Wohl also dürfte es an der Zeit sein, vom Segen Gottes zu reden und zu schreiben und durch das Wort von ihm die Herzen und Blicke auf das zu lenken, was das Erste, Wichtigste und Nothwendigste, zur gemeinsamen Wohlfahrt unsres lieben Vaterlandes ist, womit Alles angefangen, fortgesetzt und vollführt werden muß, was Dauer und Bestand, was Gelingen und Gedeihen haben soll, und ohne welches Alles, Weisheit, Rath und Verstand, Mühe, Arbeit und Fleiß vergebens und verloren ist, nichts schafft und keinen Gewinn, keine Frucht bringt und davon trägt."

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Soweit über Catenhusen's Verdienste um unser Schulwesen. Aber dazu gehört auch sein entschiedenes Auftreten für die innige Verbindung der Schule mit der Kirche, als der "religionslose" Staat sie von dieser trennen und sich selber zueignen wollte. Das werde ich nun hervorheben müssen, wenn ich jetzt von seinem Verhalten in den Wirren der Revolutionszeit und von der Stellung rede, welche er zu ihnen einnahm und festhielt.

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In Zeiten, wie die achtundvierziger Jahre, wird man schnell alt; ein Tag wiegt da oft so viel als sonst Jahre! Auch Catenhusen alterte in den Jahren schnell. Konnte man's an ihm auch sobald nicht merken, blieb er, als die Wogen hoch und höher gingen, in der gehobnen Stimmung des Glaubens: daß er so bald aus unsrer Mitte schied, ist doch eine Folge jener aufreibenden Zeit gewesen. Der von Allen, die ihn gekannt, geliebte Gouverneur v. Rantzau sprach es selbst aus, er sei alt geworden in jenen Tagen; er ist nun auch schon drüben und droben! Es war doch eine wunderbare Zeit. Sie ganz unparteiisch und ganz objectiv zu beurtheilen vermag erst die Zukunft; wir fühlen den Boden unter uns noch zittern, und "die rhythmische Bewegung der Revolutionen, die eine steigende Progression zeigt, ist in ihren schrecklichen Schwingungen noch nicht zu Ende," müssen wir mit Wolfgang Menzel (Geschichte der letzten vierzig Jahre) bekennen. Aber doch darf jetzt schon ein unparteiisches Urtheil über jene Zeit fällen, wer sie verstanden hat und versteht, und solch ein Urheil finden wir von Menzel in seinem lesenswerthen Buche ausgesprochen. Die Ursachen und Faktoren des Jahres 48 lagen ja längst jedem Sehenden offen da; wie klar haben Männer wie Catenhusen sie gesehen und ausgesprochen! Und als nun alle finstern Gewalten und die Mächte der Finsterniß durch einander wog-

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ten, nein! sie selber waren ja nicht von Gott, aber doch war sein Weg im Meere und sein Pfad in großen Wassern, und man spürte doch seinen Fuß nicht. Und sein Volk hat Er auch da geführt wie eine Heerde Schaafe durch Mose und Aaron. Es war eine Zeit großer und tiefer Demüthigung für Alle, die Gott noch fürchteten, und darum schon eine Zeit des verborgnen Segens für sie. Es waren Tage, in denen vieler Herzen Gedanken offenbar wurden, auch in unserem Lande. Ein lutherisches Land nannten wir uns, und Catenhusen hatte sich oft unsres Landes als eines solchen gerühmt; jetzt wählte es einen, immerhin sonst achtbaren, Juden zu seinem Vertreter! Ein Contrast, schneidender als der, war nicht zu denken; das war eine wohlverdiente Demüthigung für uns Alle und machte alle hohe Gedanken zu Schanden. Aber wir spüren Gottes Fuß, und in allen ferneren Demüthigungen, die wie über unser großes deutsches Vaterland, so in besondrer Weise über unser Land kamen, die Hand unseres Gottes. Ich will hier aber keine Geschichte jener Zeit schreiben, auch nicht alles deß, was bei uns geschehen. Ich will nur hervorheben, wie ohne alle Widerrede Catenhusen es gewesen ist, durch den bei uns die hochgehenden Wasser in ihr Bette zurückgeleitet wurden; - aber er war ja nur das Werkzeug einer höheren Hand.

Die schleswig-holsteinische Sache konnte bei unsrer Bevölkerung keine Sympathie haben, und hatte sie um so weniger, als unser Land von der Krone Dänemark keine Unbill erfahren hatte, und seine staatliche wie kirchliche Verfassung je und je unangetastet geblieben war. Darum blieb auch der Kern unsres Volks von jenen Wirren unberührt, und jeder Besonnene mußte sich es sagen, daß unsre Theilnahme an ihnen eine ungerechtfertigte gewesen wäre. Das aber


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ist und bleibt Catenhusen's Verdienst, daß seine Festigkeit den schwankenden Gemüthern eine Stütze war, und daß seine Nüchternheit in dem allgemeinen Rausche jener Tage Vielen zur Besonnenheit half. "Gestern," so schreibt er am 26. August 1848 seinem Freunde, "waren mehrere Landleute bei mir und forderten von mir einen Gewissensrath und seelsorgerliches Bedenken über die Frage: ob ihre Söhne durch ihren dem Könige geleisteten Eid der Huldigung und Treue noch gebunden seien oder nicht? Sie ständen in Rendsburg und äußerten sich dahin, daß es wider ihr Gewissen sei, gegen den König zu fechten. Was ist hierauf zu antworten? Man kann doch nach Gottes Wort - und das hat allein zu entscheiden - den geleisteten Eid nicht verachten und wegwerfen, noch den Leuten zumuthen oder rathen, irgend etwas wider ihr Gewissen zu thun!" - Wir wissen, was er geantwortet hat, und mag ihm das damals auch von vielen Seiten Schmähung und Verkennung zugezogen haben, wir kennen sein deutsches Herz, seine innige Liebe zu seinem deutschen Vaterlande, und erblicken darin nichts weniger als eine Verläugnung derselben, vielmehr seine christlich-deutsche Treue, die mit Luther sprach: es ist weder sicher noch gerathen, etwas wider das Gewissen zu thun! Und ob damals über unser Land viel Spott und Verachtung kam, der Kern unsrer Bevölkerung ließ sich das nicht anfechten, und Alle, die es mit unserem Volke wahrhaft wohl meinten und meinen, dankten Gott dafür. Ich sage es aber noch einmal, und sage nicht zu viel: Gott hat sich Catenhusen's als eines Werkzeuges bedient, die damals auch bei uns hochgehenden Wasser in ihr Bette zurückzuweisen. Das haben namentlich wir Prediger erfahren. Wer war denn in jenen Tagen ganz ohne Aufregung, und nicht auch in Gefahr, mit fortgerissen zu werden? Da haben wir's denn zunächst gelernt, was es doch sei, wenn eine bestimmte und bestimmende Persönlichkeit, die da aus


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Gottes Wort weiß, was sie soll und will, an der Spitze steht. Und auch darum segnen wir Catenhusen's Gedächtniß! Als nun später unser Land seine eigne Statthalterschaft erhielt und auch wir Prediger jenen Revers unterschreiben mußten, welcher der augenblicklichen Obrigkeit Gehorsam gelobte, ohne daß den beschwornen Rechten des Königs dadurch solle etwas vergeben sein, da ward es Catenhusen nicht leicht, sich dazu herbeizulassen. Er wäre bereit gewesen, sein Amt niederzulegen, wenn er etwas gegen Gottes Wort und sein Gewissen hätte thun sollen. Er hat auch hierüber viel mit seinem Freunde verhandelt, und erst als er es klar erkannte, daß mit jenem Revers weder Gottes Wort noch sein Gewissen verletzt werde, entschloß er sich dazu, und entschlossen wir uns dazu. Viel, viel hat er gelitten, als die wilden Wogen der Revolution ihre Brandungen auch in unser Land schleuderten, aber, wie gesagt, nicht so, daß wir's hätten gemerkt - blieb er doch stets nüchtern, ruhig und besonnen. Wie oft hat er mich in dieser Zeit getröstet, wenn ich beinah verzagend zu ihm kam! Als aber nun die s. g. Grundrechte in's Land kamen, sofort auch bei uns angenommen und publicirt im "Staatsgrundgesetze," und als in Folge derselben die Ungeheuerlichkeit auch in unserem Lande sollte eine Wirklichkeit werden - - eine Wahrheit war sie nie! - daß der Staat, der sich selbst als einen religionslosen proklamirt hatte, die Schulen, die der Kirche gehören, sich ohne Weiteres zueignen wollte, da war es Catenhusen, der mit aller Entschiedenheit sich gegen diese selbst nach den Grundrechten widerrechtliche Anmaßung, die unsre ganze Kirchenordnung umgestoßen hätte, aussprach. Willst du, Staat, ohne Religion sein, wohlan, so sei es auf deine eigne Gefahr hin. Aber dann halt' auch dein eignes Versprechen, daß du die Religionsgesellschaften ihre Angelegenheiten selbstständig ordnen und verwalten läßt! Unsre Schulen sind aber die

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unsren, gehören wenn irgend etwas zu unsern Angelegenheiten, und keine Gewalt der Erde darf und kann sie uns nehmen. Die Gerechtigkeit und Billigkeit dieser Forderung wird jetzt schwerlich Jemand, der überall ein Urtheil hat, in Abrede stellen; aber wie war das damals so anders! Damals schrieb ich zwei kleine Brochüren über diese Frage, die nur eine ephemere Bedeutung hatten. Ich schrieb sie selbstständig und allein, aber es waren auch Catenhusen's Gedanken, die ich in ihnen aussprach, und wenn ich sie jetzt noch ansehe, nimmt es mich Wunder, wie man Dinge, die sich eigentlich von selbst verstehen, damals erst weitläufig beweisen mußte und dennoch von den Meisten nicht verstanden wurde! So groß war die Verwirrung der Begriffe. Diese Verwirrung legte später der Pastor in Lauenburg, jetzt Bischof in Holstein, Koopmann in einem Schriftchen dar: "die grundrechtliche Confusion," welches mehr als ephemere Bedeutung hatte und von Catenhusen sehr anerkannt wurde. Damals aber hatten sich die wilden Wasser schon bedeutend verlaufen, und als nun im Anfang des Jahres 1851 die königliche Auctorität bei uns wieder hergestellt wurde, da waren auch jene grundrechtlichen Projecte alsbald bei uns wie Spreu zerstoben. Catenhusen aber danken wir's, wenn sie bei uns nicht den Anfang eines Anfangs genommen, sondern nur Theorieen geblieben sind, die das Gebiet der Wirklichkeit gar nicht berührt haben. Er aber gab dem die Ehre, dem sie allein gebührt! In einem Schreiben an die Prediger vom 6. April 1851, in dem er eine Collecte für die lutherische Gemeinde zu Saatzke befürwortete, heißt es: "Seien wir unsern bedrängten Brüdern warme Fürsprecher bei unsern Gemeinden, aus herzlicher Liebe, aber auch aus innigem Danke gegen Gott, der sein Zion in unserem Lande gnadenreich behütet, und das Schwerdt, das über unserem Haupte hing, nicht hat auf uns fallen lassen. Was unsre lutherischen Brüder

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in Preußen seit Jahren so hart betroffen, das stand auch uns während der drei letzten Jahre in Aussicht. Der Herr hat's in Gnaden von uns abgewandt!"

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Das also war Catenhusen's politische und kirchliche Stellung in den Wirren der Revolutionszeit. Er hat viel in ihr gelitten, und sie war in vollem Sinne eine Zeit des Kampfes für ihn. Viele sehr schmerzliche Erfahrungen hat er in ihr gemacht, und von Vielen wurde er verkannt und mißverstanden. Was aber Gott zu unser Aller Demüthigung geschehen ließ, das hat er auch zu der seinigen dienen lassen, und darum war diese schwere Zeit seinem inneren Leben eine gesegnete. Und als nun seine Warnungen und seine Vorherverkündigungen, wie seine Urtheile und Rathschläge durch die Thatsachen bekräftigt und als die richtigen erwiesen wurden, da wandte auch das allgemeine Vertrauen und die dankbare Liebe sich dem Manne wieder zu, der in schwerer Zeit durch Gottes Gnade unerschüttert dagestanden und so unserem ganzen Lande zu einem Segen geworden war. Und das soll unser Land ihm nie vergessen! Welches aber seine politischen Grundsätze gewesen, das mögen uns noch folgende Aeußerungen zeigen, die ich unter seinen Papieren gefunden. In einem, vielleicht für ein öffentliches Blatt bestimmten Aufsatz: "Christliche Gedanken über Staatsverfassungen" heißt es: - "Eine Staatsverfassung, deren letztes Ziel und höchster Zweck die Ehre Gottes sein soll, muß nothwendig eine christliche sein. Jede andre, der nicht das christliche Princip, sondern ein indifferentes zum Grunde liegt, ist ein Angriff auf und ein Eingriff in die Ehre Gottes, und daß man's grade heraussagt, eine Gotteslästerung, und trägt das Urtheil ihrer Nichtigkeit und darum auch das ihrer Verwerfung in sich. Die kann und wird nicht stehn und bestehn, so gewiß nicht, als Gott seine Ehre keinem Andern

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geben will. Und darum die Staatsmänner, die religionslose, indifferente Verfassungen aufstellen, die gleichen sammt und sonders jenem thörichten Manne, der sein Haus auf Sand baute. Es bedarf nicht einmal des Platzregens, nicht der Gewässer, nicht der Winde, um ein solch Machwerk umzustoßen; ja, wie Luther sagt, der liebe Gott streckt nicht einmal den kleinsten Finger dagegen aus, sondern er lacht bloß (Psalm 2, 4), so fällt die ganze Geschichte über einander und aus einander. Das haben unsre Augen wohl in den letzten Jahren gesehn. Die Frankfurter Nationalversammlung war hin, sobald sie das Christenthum aus der Verfassung Deutschlands auswies. Da lachte ihrer, der im Himmel wohnet, und der Herr spottete ihrer. Da sie Gott seine Ehre rauben wollte, verlor sie ihre Ehre, und die Grundrechte der Deutschen sind ein laut redendes Zeugniß von dem Wahnsinn, in den die Weisheit dieser Welt verfällt, sobald sie durch Verwerfung des Christenthums Gott die Ehre nehmen will, die ihm gebührt. Soll und muß daher jede gedeihliche Staatsverfassung eine christliche sein, so darf sie auch die christliche Kirche nicht bloß nicht ignoriren, sondern muß sie den Grund sein lassen, die den Staat trägt. Der Staat darf sich nicht von der christlichen Kirche trennen, sonst verliert er Alles, was die unabweisliche Bedingung seiner glücklichen und dauerhaften Existenz ist, verliert Geist, Wahrheit, Leben und Kraft, und geht in sittliche Fäulniß und Verwesung über. Die christliche Kirche ist das Herz des Staats, von dem seine Lebensadern ausgehn. In ihr wird einzig und allein durch die Predigt des göttlichen Worts das reine gesunde Blut des bürgerlichen Lebens erzeugt, und in den Staatskörper und alle seine Glieder ausgeströmt. - Der Staat ruinirt sich selbst und begeht einen Selbstmord an sich, der nicht mit allem Fleiß und mit der schärfsten Wachsamkeit auf die christliche Kirche und die reine lautere Lehre des göttlichen Worts in ihr hält.

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Denn wo Gottes Wort nicht rein und lauter gepredigt wird, da gewinnt Menschenlehre und Menschensatzung Raum und Macht, und das ist die Weisheit, die Jacobus zeichnet als eine solche, die nicht von Oben herab kommt, sondern irdisch, menschlich und in ihrem letzten Grunde teuflisch ist. Jac. 3, 15. Nun, mit solcher Weisheit sind die Völker lange gefüttert. Man hat nicht bloß ruhig und still in der letzten Hälfte des vorigen und in den ersten Decennien dieses Jahrhunderts zugesehen, als die Lehre des göttlichen Worts durch die menschlich diabolische Weisheit dieser Welt verdrängt ward, und der Zeitgeist statt des heiligen Geistes seinen Lehrstuhl auf den Kanzeln aufschlug, sondern dies Unwesen in vollem Maaße begünstigt und gefördert. Man ließ statt des Waizens Unkraut säen! Nun ist die Frucht da, und die Welt ist voll Verbrechen. O welche Greuel sind seit 1848 in allen Staaten und Ländern Deutschlands gehäuft! Wie ist Gottes Ehre geschmäht und entehrt! Wird darauf keine strafende Heimsuchung, kein Gericht erfolgen? Ach, wir sind so sicher, so sicher, während doch ganz ersichtlich der Boden unter unsern Füßen unterminirt ist." -- Und in einem andern Aufsatze: "Louis Napoleon, Kaiser der Franzosen" heißt es u. A: - "Ach, daß wir Ohren hätten zu hören, und Augen zu sehen! Dann würde das neue in Frankreich entstandne Kaiserthum uns eine gewaltige, Mark und Bein durchdringende Bußpredigt werden, und wir würden es im Voraus merken, was der Kaiser Louis Napoleon in Gottes allmächtiger Hand für Deutschland werden kann, wenn wir uns nicht von ganzem Herzen zu dem Herrn unserem Gott bekehren. Welch ein unzählbares Heer großer und schwerer Sünden und Missethaten ruhet und lastet nicht, besonders seit den vier letzten Jahren, auf Deutschland! Unsre Väter hatten gesündigt, und sie wurden deshalb hart und schwer viele Jahre heimgesucht und gezüchtigt von der gewaltigen Hand

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unsers Gottes. Aber wir, wir haben viel mehr und weit schwerer gesündigt, als unsre Väter. Denken wir denn frei auszugehen und der Heimsuchung und Züchtigung des Herrn zu entrinnen? - - - Wo aber ist Erkenntniß der Sünden? Wo Bereuung der Schuld? Wo die Buße, die mit zerschlagnem Herzen vor Gott sich beugt im demüthigen und aufrichtigen Bekenntniß? Wo der Glaube, der das Sühnopfer Christi ergreift und vor Gott bringt? Wo die Umkehr von den alten Wegen des Verderbens zu dem guten Wege Gottes? Davon kann man in der That nur wenig, fast gar nichts merken!"

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Dieses die politischen Grundsätze Catenhusen's. Sie hingen auf das Engste mit den theologischen zusammen, die er als lutherischer Theologe und als ein ächt lutherischer Pastor und Superintendent die seinen nannte. Und als solcher, nicht als theologischer Schriftsteller, als muthiger Vertreter des lutherischen Bekenntnisses einer widerchristlichen und widerkirchlichen Zeitströmung gegenüber hat er auch in weiteren Kreisen Anerkennung gefunden. Durfte ihn doch der Herausgeber des Sächsischen Kirchen- und Schulblattes, in welchem der oftgedachte Nekrolog erschien, Dr. Kahnis in Leipzig, einen Mann nennen, welcher der ganzen lutherischen Kirche angehörte. Und wie andre bedeutende Männer unsrer Kirche ihn hochgeehrt, ein Rudelbach, ein Harleß, ist ja bekannt und geht namentlich aus den Briefen des Letzteren an ihn hervor. Bei den zu ihrer Zeit sehr gewichtigen lutherischen Conferenzen in Leipzig war Catenhusen, der sie mehrmals besuchte, eine sehr willkommene Erscheinung, und vielen Mitgliedern derselben wird er durch sein bei aller Anspruchslosigkeit imponirendes Auftreten unvergessen geblieben sein. Noch bei der im Jahre 1851 abgehaltnen Conferenz war er zum Referenten über das Thema: "Landeskirchenthum und Separation" bestimmt, und sandte er sein Referat, da er nicht persönlich kommen konnte,

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schriftlich ein. Es ist abgedruckt in der Zeitschrift für Lutherische Theologie und Kirche v. J. 1852, erstes Heft, S. 144-151. So wurde er auch mehrfach um seinen Rath und um sein Gutachten namentlich von Solchen angegangen, die der Union gegenüber ihr lutherisches Bekenntniß festhalten wollten, und denen doch eine Separation schwere Gewissensbedenken verursachte, und auch in eigentlich theologischen Dingen wandte man sich gern an ihn. Unter seinen nachgelassenen Papieren finde ich ein ausführliches "theologisches Bedenken über die Frage, ob nach den Grundsätzen der lutherischen Kirche bei der Confirmation die Prüfung von der Einsegnung zu trennen und letztere für den eigentlichen Act der Confirmation zu halten sei?" was er auf Grund unsrer Kirchenordnung und unsrer Bekenntnißschriften verneint. Was ihm aber eine solche Bedeutung erwarb, das war, so sprechen wir mit dem Nekrologe, "daß er, was heutzutage eine Seltenheit ist, eine Persönlichkeit, und zwar, was noch seltner, eine christliche und eine lutherische Persönlichkeit war; fast konnte man ihn einen Fremdling in unsrer Zeit nennen. Er war ja auch ein Kind seiner Zeit, aber er gehörte zu denen, die dem giftigen, entnervenden Anhauche des Zeitgeistes am kräftigsten widerstanden. Wenn bei irgend Einem, so waren bei ihm die eigenthümlichen Schäden und Schwächen unsrer Zeit nur in den leisesten Spuren zu erkennen; wenn irgend Einer, so war er im Stande, durch sein ganzes Lebensbild den Augen der jetzigen Generation die Gestalt eines treuen, rechtgläubigen Dieners des Worts zu vergegenwärtigen, wie sie unsre Kirche in ihren früheren Zeiten viele gesehen hat. Wenn man die verschiedenen Schattirungen christlichen Glaubens und Lebens überblickt, die an den Gläubigen unsrer Zeit bemerklich sind, die pietistische Richtung, die herrnhutisirende, die methodistische, die katholisirende und wie viele es noch geben mag (und wir wissen es ja, wie schwierig

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es für einen Jeden ist, zu vermeiden, daß er nicht einer oder der andern dieser Richtungen, bewußt oder unbewußt, mehr oder minder anheimfalle), so müssen Alle, die den Verstorbenen kannten, bezeugen, daß an ihm keinerlei Hinneigung zu einer dieser Schwächen moderner Gläubigkeit zu erkennen war. Er hielt die Mitte zwischen ihnen und ging unbeirrt durch sie Alle hindurch den einfältigen, längst erprobten Weg altlutherischer Frömmigkeit. Ja, er gehörte zu den Wenigen, die zuerst und am klarsten in unsern Tagen wieder zum alten Kirchenton in Glauben und Bekennen hinangekommen, an denen viele Andere sich wieder zurecht finden und zur alten gesunden Christenweise unsrer Väter zurückkehren lernten." Catenhusen war ein lutherischer Theologe von altem Schrot und Korn, das seine Bedeutung. Es hat ja unser lutherisches Bekenntniß vor allen anderen das als Signatur seiner Wahrheit, daß es in allen eigentlichen Bekenntnißpunkten auf dem klaren Schriftgrund ruht. Gottes Wort und Luther's Lehr - jeder Lutheraner weiß, was das sagen will und daß damit der alleinigen Auctorität und der Superiorität des göttlichen Worts nicht das Mindeste derogirt, daß damit aber unser lutherisches Bekenntniß als der genuine Ausdruck desselben bezeichnet werden soll. Und so hatte Catenhusen von Anfang an die seligmachende Wahrheit in Luther's Lehre gefunden und wieder gefunden, wie ja Luther ihm, wie wir sahen, der menschliche Führer zum Evangelium war. Daher die tiefe Verehrung, die er bis ans Ende vor diesem Manne Gottes hatte, und daher sein Hochhalten der Schriften Luther's. Höher aber und über Alles hoch war ihm Gottes Wort. Darum war ihm Luther und darum Luther's Wort so theuer, weil, wie er in der trefflichen Abhandlung: "Luther's Verhalten im Sakramentstreit" sagt, "ihm wie die Schrift überhaupt, so jedes Wort des Herrn in der Schrift ein unantastbares Heiligthum war. Willkürlich

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mit einem Wort des Herrn zu schalten und zu walten, ohne die zwingendste und dringendste Noth und ohne anderweitige Berechtigung aus der Schrift selbst vom buchstäblichen Sinne des Worts abzugehn, und dem Worte einen Sinn nach menschlicher Vernunft unterzuschieben, das war ihm der größte und ruchloseste Frevel, der an der Schrift und an dem Worte des Herrn begangen werden konnte." Und damit hat Catenhusen sich auch selbst gezeichnet. So war er Lutheraner je und je und schon in seiner ersten Gemeinde. *) Wenn er aber erst

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*) In der kürzlich erschienenen Lebensbeschreibung SPITTA's, dessen "Psalter und Harfe“ in so weiten Kreisen bekannt ist (
als Superintendent in Burgdorf 28. Sept. 1859), von K. K. MÜNKEL, wird S. 102 f. eines Besuches gedacht, den Spitta von Lüne aus, wo er damals Hauslehrer war, bei Catenhusen im Jahre 1825 machte. „Ich war zwei Tage bei ihm, so berichtete Spitta. Es sind viele Gaben, aber nur Ein Geist! So ist grade bei ihm jene Milde und wohlthuende Freundlichkeit das hervorstechende Merkmal seiner Glaubensgerechtigkeit. Es waren herrliche Stunden, die ich bei ihm verlebte; wir konnten unsern Gesprächen gar kein Ende machen, denn sie dreheten sich immer um das alte, nie ausgeredete: Liebe und Leid! um das große, wunderbare, liebevolle: Also hat Gott die Welt geliebt! und das leidige, betrübte: Er kam in sein Eigenthum und die Seinen nahmen ihn nicht auf!" Dabei bemerkt Münkel: "Wichtig wurde ihm aber dieser Besuch dadurch, daß er zum ersten Male mit einem Lutheraner zusammentraf, der es mit Bewußtsein war und darüber mit Ernst hielt. C. hatte damals schon mehrfach seine Stimme über Luther hören lassen und war eben damit beschäftigt, eine Schrift über das h. Abendmahl herauszugeben." Dazu muß es nicht gekommen sein, auch finde ich in seinen Papieren darüber nichts aus jener Zeit. Dabei bemerkt aber Münkel, wie damals für den s. g. Confessionalismus die Zeit noch nicht angebrochen war und Catenhusen's Kämpfe sich damals auch eigentlich nur gegen den Rationalismus richteten. Beiläufig noch die Bemerkung, daß von den dort weiter genannten Predigern, deren Bekanntschaft Spitta gemacht, nur ZURHELLE, CLAUDIUS und

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später den confessionellen Gegensatz mehr accentuirte, so war das eben der Entwicklungsgang der Kirche, dem auch er folgte. Und wenn er namentlich die lutherische Abendmahlslehre mit so großer Entschiedenheit verfocht, so hat er von Anfang an nicht anders geglaubt und gelehrt; er hielt es aber für nöthig, mit allem Ernst es auszusprechen, daß durch die kleinste Abirrung von diesem Artikel die ganze Glaubenslehre in ihrer schriftgemäßen Reinheit leide, wie er das namentlich in gedachter Abhandlung mit Darlegung des Grundprincips unserer Kirche gethan. Und darum konnte er nicht anders, als bei allem Festhalten an dem ökumenischen Charakter der Kirche jede Union abweisen, welche die Reinheit dieses Artikels verletzte, das aber um so mehr, als die Ueberzeugung, die er sogleich von Anfang an, wie wir gesehn, über die Union aussprach, durch die Erfahrung nur zu sehr gerechtfertigt wurde, und als die neuesten Ereignisse auf ihrem Gebiete so laut gegen sie zeugten. Was war es doch für ein Armuthszeugniß, welches sie in jener preußischen Generalsynode (August 1846) über sich selbst ausstellte! Naiver hat sie nie ihre eigentliche Tendenz ausgesprochen, als eben damals. Und ob es dieser Generalsynode erging wie dem Thurmbau zu Babel, und trotz der folgenden Sturmjahre, die auch die Union mit hatte vorbereitet - hatte sie doch Wind genug gesäet! - ist sie selbst doch nicht klüger geworden und hat ihre Pläne keineswegs aufgegeben. Alles das rechtfertigte Catenhusen's Position, in der er ihr nicht die geringste Concession gemacht wissen wollte, und wenn sie auch unter uns gar keinen Raum haben konnte, so müssen doch auch wir ihm das Dank wissen. Daß wir zu allen neuen Maßregeln auf dem Gebiet der Kirche so gar kein Vertraun haben und uns von

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HENNINGS unserem Lande angehörten. Letzterer, seit 1826 Pastor in Siebeneichen, jetzt zu St. Georg, gehört auch zu den ersten Wahrheitszeugen der damaligen Zeit.

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vorn herein an ihnen nicht betheiligen, das verdanken wir ihm. Deshalb hatte er auch gegen den Kirchentag seine großen Bedenken. Es ist ihm das oft verdacht, aber jetzt liegt es am Tage, wie sehr diese Bedenken gerechtfertigt waren. Bei allem dem aber war er in seinem innersten Herzen frei von jener doch wirklich hyperlutherischen Richtung, die allein in der lutherischen Kirche die Kirche findet, und bei aller Accentuirung der reinen Lehre war er fern von jener einseitigen Accentuirung derselben, die uns in manchen Erscheinungen unsrer Tage mit gerechtem Bedenken erfüllen muß. Das zeigte sich namentlich bei der in seine letzten Jahre fallenden Controvers über die Amtsfrage. Luther's und unsrer Bekenntnißschriften Lehre und Anschauung von der Kirche und dem Amte waren auch die seinen, woran er unbeirrt festhielt.


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Es bleibt mir jetzt noch übrig, das Wichtigste aus Catenhusen's letzten Lebens- und Amtsjahren zu berühren. Mit neuem Muth und neuer Hoffnung hatte er die wieder geordneten Verhältnisse unsres Landes und unsrer Landeskirche begrüßt, und gab dem die Ehre, der das Schifflein, so nahe dem Zerscheitern und Untergehen, mit seiner allmächtigen Hand behütet hatte. Wir haben ja durch Gottes Gnade behalten, was wir durch sie gehabt, und schwerlich ist der Gewittersturm der Revolution so gnädig an einem Lande vorübergegangen, als an dem unsrigen. In wiefern Catenhusen an seinem Theile dazu mitgeholfen, ist oben angedeutet, und so suchte er auch bei der sich vorbereitenden Neugestaltung staatlicher Verhältnisse auf dem altbewährten Grunde unsrer Verfassung, die Selbstständigkeit unsrer auf der Kirchenordnung ruhenden kirchlichen Stellung zu wahren, wo er es vermochte. Von dem, was er für den weiteren inneren Ausbau der Kirche

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unter uns in dieser Zeit gethan, ist Manches schon zuvor erwähnt. Ich bemerke namentlich noch die durch ihn veranlaßte und von ihm geordnete definitive Theilung unsrer größten Landgemeinde, der Sandesnebener, in ein Pastorat und Compastorat. Catenhusen's ältester Sohn war bisher Adjunct des alten Pastor Beer zu Sandesneben gewesen, und wurde nach dessen Tode zum Compastor gewählt. Wie das dem Vater eine große Freude war, seinen Sohn im Amte zu sehn, und diese Freude seine letzten Jahre versüßte, so war es seinem weichen Herzen ein Balsam, wenn in alter Liebe auch die Herzen derer sich ihm wieder zuwandten, die in den an Mißverständnissen so reichen Jahren auch ihn mißverstanden hatten, und wenn auch seine von ihm so treu geliebte Gemeinde ihm unzweideutige Beweise ihrer Verehrung und Liebe gab. Und auch das war ihm billig eine Freude, wenn seine Treue an höchster Stelle anerkannt wurde. Früher schon mit dem Ritterkreuze des Danebrogordens beschenkt, später zum Danebrogsmann erhoben, empfing er nun auch das Commandeurkreuz dieses Ordens. Niemand war weniger eitler Ehre geizig, als er, und man hat ihn auch mit dieser Ehre niemals prunken sehn. Aber er nahm sie aus der Hand seines Königs als aus Gottes Hand an und darum freute er sich derselben in demüthiger und kindlicher Freude.

Fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, anhaltend am Gebet, so war Catenhusen, wie er's je und je gewesen, auch seine letzten Lebensjahre. Seine Hoffnung stand ja nach Oben, aber er glaubte doch, nachdem die wilden Wasser der Revolution sich verlaufen, auch noch ein Wiederaufblühen der Kirche auf Erden hoffen, wenn auch nicht selbst mehr erleben zu dürfen. Deß war ihm aber einzige Bedingung das Festhalten an der reinen Lehre des Worts, wie unsrer Kirche sie vertraut ist. Daß aber auf der andern Seite das Fehlen und das Nicht-


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wollen dieser Bedingung ihn mit eben so tiefem Schmerz, als wohlberechtigter Besorgniß erfüllte, haben wir ihn ja oft bezeugen hören. Geduldig in Trübsal - hatte er diese Geduld doch auch wie zuvor noch nicht in seinem letzten Amte, zumal in der letztvergangenen Zeit gelernt. Und er hat auch sonst sie lernen müssen in manch herbem Lebensschmerz. Er hat sie aber von dem und bei dem gelernt, dessen Geduld unsre Seligkeit ist, in anhaltendem Gebet. Catenhusen's inneres Leben war mit Christus verborgen in Gott, und von ihm galt das schöne Wort, das er in seiner letzten Osterpredigt sprach: "Die Erfahrungen der Nähe des Herrn nehmen nicht ab, sondern zu, daß die Seinen es wissen und immer mehr erkennen, an wen ihr Glaube sich hält, und täglich bekennen müssen: so lange Jesus bleibt der Herr, wird's alle Tage herrlicher! Doch aber bleiben diese Erfahrungen als ein heiliges, stilles Geheimniß bewahrt in den Seelen, die sie machen, und treten selten offenkundig vor der Menschen Augen!" Das Wort galt so ganz von ihm, auch von seinem Gebetsleben. Oben in seinem Studirzimmer der Arbeitsstuhl vor seinem Schreibtisch das war sein Gebetsstuhl, auf dem er manchen Gebetskampf gerungen und manchen Gebetssieg errungen hat. Es war seit vielen Jahren seine liebe Gewohnheit, aus den Loosungen der Brüdergemeinde ein Wort seines Gottes mit sich hineinzunehmen in den Kampf jedes Tages, und dieses Wort ins Gebet fassend es seine tägliche Speise sein zu lassen auf seiner Pilgerreise. So fand man denn auch allezeit dieses ihm so liebe Büchlein aufgeschlagen auf seinem Arbeitstische. Und gewiß, das Beste, das Fruchtbarste in seinem Amte hat er dort vollbracht - auf seinem Gebetsstuhle, hat da sich hindurchgeglaubt und hindurchgebetet durch manche schwere dunkle Stunde, wie er in einer seiner letzten Predigten sprach: "O da müssen wir lernen, uns hindurchzuglauben, müssen es lernen im dunkeln Thale, damit


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wir's einst in der Nacht des Todes können. Da, wenn unser Leben in die Nacht des Todes eingeht, da findest du kein Licht, wenn du nicht gelernt hast, es in Gottes Wort zu sehn und darauf von ganzem Herzen zu trauen und zu bauen." Und dort in seinem Kämmerlein hat er, zurückschauend auf sein ganzes Leben und alle seine Führungen, auch an dem täglichen Dankopfer es nicht fehlen lassen. Von so Vielem, was Gott gethan, und er hatte oft wohl nicht gewußt warum, war ihm ja nun schon das Warum? aufgegangen, und mehr und mehr erkannte er in allen Wegen den Plan dessen, "der das Leben seiner Christen zu einem System, einem Schauplatz wie seiner göttlichen Langmuth und Geduld, so seiner anbetungswürdigen Weisheit und Erkenntniß macht." Nach einem seiner letzten Geburtstage (1850), an welchem ich nicht hatte bei ihm sein können, schrieb er: "Gott hat mich den gestrigen Tag in Ruhe, Frieden und Freude erleben und verleben lassen, und mich die zurückgelegten 58 Jahre meines Lebens so väterlich, so wunderbar, so treu und liebreich geführt, daß ich ihm gestern mit dankbarem Herzen ein Ebenezer in der Stille gesetzt, seine Freundlichkeit angeschaut und mich an ihr erquickt habe. Hilf ferner weit, du treuer Hort, hilf du zu allen Stunden!" Catenhusen's letzte Lebensjahre waren, wenn auch bei manch herbem Schmerz, doch stille Friedensjahre. In der Gemeinschaft lieber Freunde und Brüder, unter denen sein geliebter Jugendfreund seinem Herzen ja der Nächste blieb, und mit den nahen Amtsbrüdern gern auch wissenschaftlich verkehrend und ihre Versammlungen gern besuchend, fühlte er sich glücklich und froh, und fand er Erquickung und Stärkung, wenn er unter der Last der Amtssorgen und Amtsarbeit oft schwer seufzte. Denn - verbergen konnte man sich's ja nicht, und auch er empfand es - seine Kraft war doch und wurde immer mehr eine gebrochene, und was er in den vorhergehenden Jahren gelitten, das zeigte sich


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mehr und mehr in dem Abnehmen seines äußeren Menschen. Manches Auge hat damals mit Wehmuth auf ihm geruht, denn uns ergreift ja ein tiefwehmüthiges Gefühl, wenn wir einen geliebten Menschen altern sehn. Aber wenn wir's denn wissen - und bei ihm wußten wir es ja! - daß sein innerer Mensch nicht gealtert ist, vielmehr sich täglich erneuert, so ist's doch nur die Wehmuth bei'm sinkenden Strahl der Abendsonne, deren Wiederaufgang wir getrost hoffen. ,Sieh, die Sonne geht zur Ruh, kommt doch Morgen wieder!" Die vielen und schweren Arbeiten seines zwiefachen Amts drückten Catenhusen je länger je mehr. Wie gern hätte man ihm Erleichterung verschafft! Aber davon wollte er nie etwas wissen. Mit der pünktlichsten und oft ängstlichsten Genauigkeit besorgte er Alles selbst, und es hätte ihm auch Niemand darin genügen können. Deshalb wollte er auch keinen Schreiber haben. Er schrieb Alles selbst und ebenso ausführlich und gründlich wie immer. Zu einer nöthigen Erholung rieth man ihm im Sommer 1852 einen Aufenthalt in Travemünde. Dort gebrauchte er auch das Seebad, welches ihm wie es schien sehr wohlthat, so daß er neu gestärkt wiederkehrte und mit neuer Kraft sich seinen Arbeiten wieder hingab. Wie Vieles trug er noch in seinen Gedanken und hat auch wohl gehofft, es hinausführen zu können! Aber Gottes Gedanken waren andere. Nachdem er den Winter in gewohnter Weise und im Ganzen neu gestärkt verbracht, und seine allerletzte Arbeit, wie schon bemerkt, die neuste und zwar eine stereotypirte Auflage unseres Gesangbuches, dessen mühsame Correctur er selbst besorgte, gewesen, kam das Osterfest 1853 heran, welches sein letztes hienieden sein sollte. Es ist, als habe er eine Vorahnung des baldigen Scheidens gehabt - so klingen uns seine letzten Worte. Sie tönen uns wie Abschiedsworte an Uns Alle. In der Ansprache an die Confirmanden, deren Confirmation am

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grünen Donnerstage geschah, heißt es: „Endlich mein letztes Wort an Euch. Sehet, mein Tagewerk, mein Dienst an Euren Seelen in Eurem Unterricht ist nun vollbracht, und so wie bisher werde ich nicht mehr fortan in Eurem Kreise sein. Ob aber unsre Wege auseinander gehen, wenn sie dort nur sich wieder zusammenfinden und wir uns dort wiederfinden vor dem Richterstuhle Christi als solche, die nicht gerichtet werden, weil sie Vergebung der Sünden haben. Nun meine letzte Bitte, die ich Euch ans Herz lege, die fass' ich zusammen in das Wort: seid getreu, getreu Eurem Gott, getreu Eurem Erlöser, getreu bis an den Tod, so wird Er Euch die Krone des Lebens geben. Und nun befehle ich Euch Gott, meine Lieben, und dem Wort seiner Gnade, das mächtig ist, Euch zu erbauen und das Erbe zu geben unter Allen, die geheiligt worden. Ich habe Euch nichts verhalten, was Euch zum Heil nöthig ist, daß ich es Euch nicht verkündigt hätte, und Euch gelehrt öffentlich und sonderlich, und habe Euch bezeuget die Buße zu Gott und den Glauben an unsern Herrn Jesum Christum. Gedenket daran, wie ich nicht abgelassen habe, Euch zu ermahnen. Und nun die Gnade unsers Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft seines heiligen Geistes sei und bleibe mit Euch. Amen." Und in seiner letzten Predigt, am zweiten Ostertage: "O welch eine Wonne, welch eine Herrlichkeit wird das sein, wenn das, was wir hier in der Welt die lange, bange Nacht des Todes nennen, wie ein kurzer Schlummer und Traum weggeweht sein wird, und was unter Thränen der Liebe ins Grab getragen und gesenkt ward, unter dem Freudenjubel der Liebe wieder aufersteht, und das Lebewohl, das du einem gebrochenen Herzen in die Nacht des Grabes hast mitgegeben, nun ein fröhlicher Gruß des Willkommens wird! Ja, ihr Theuren, es giebt eine Auferstehung des Lebens. O das ist uns ein seliger Trost, der allein die

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Liebe aufrecht erhält und erhalten kann, wenn sie mit ihren bangen, heißen Thränen am Grabe steht. Diesen Trost, diese Hoffnung halte fest und stärke sie in dir; du hast sie nöthig!" - Schon vor dem Feste zeigte sich ein Geschwür an der Hand und bald ein andres im Nacken, das er anfangs nicht beachtete, welches aber in Kurzem um sich griff und endlich so schlimm ward, daß trotz aller ärztlichen Hülfe - auch sein Schwager aus Uetersen war anwesend - keine Heilung mehr möglich war. Ostern war der 27. März gewesen; der 24. April war bereits sein Todestag. So Jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich! Dieses Wort, vor Kurzem noch von ihm verkündigt, hat sich auch darin an ihm bewährt, daß er die Schmerzen des Todes nicht empfunden hat. Im Anfange seines Krankseins ahnte er so wenig als die Seinen sein so nahes Ende, im Fortgange desselben lag er je länger je mehr in einem soporösen Schlummer, der ihm nur einzelne und immer seltner werdende lichte Augenblicke ließ. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag vor seinem Ende, da die Tochter, welche sich mit der Mutter in seine Pflege theilte, und der älteste Sohn an seinem Lager weilten, sprach er in einem solchen Augenblicke, als der Sohn ihn auf das Psalmwort hinwies: Und ob ich schon wanderte im finstern Thale -: "Mein Kind, das Thal, darin ich wandle, ist nicht finster; o nein, es ist ganz hell!" Und ein andermal hob er an seine Beichte zu beten, worauf der Sohn, der ja auch sein Bruder im Amte, dem geliebten Vater mit weinender Stimme die Absolution ertheilte. Dann lag er wieder stillschlummernd da, und als sein Bewußtsein einmal wiederkehrte, hob er den ihm so lieben Gesang (Nr. 712) an: "Auf meinen lieben Gott trau ich in Angst und Noth," den darauf die Tochter zu Ende betete. Immer seltner kamen die Augenblicke des Bewußtseins, und während wir, die Seinen, Alle um sein

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Sterbelager versammelt waren, Gottes Wort ihm zurufend - wer weiß, wie Vieles Sterbende noch hören! - und nicht ablassend, für ihn zu beten, schlief er unter unserm Gebet und unter unsern Thränen, "den Thränen der Liebe," still und sanft wie ein Kindlein ein! Es war die Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag Cantate.

Der darauf folgende Mittwoch, der 27. April, war der Tag seines Begräbnisses, welches unter allgemeiner Theilnahme und Bewegung stattfand; war das doch ein Tag der Trauer für unser ganzes Land! Nachdem sämmtliche, vom Consistorio dazu entbotene Prediger des Herzogthums sich im Trauerhause versammelt hatten, und nachdem am Sarge ein kurzes Gebet gesprochen worden, ward er in die Stadtkirche getragen und vor den Altar gesetzt, um welchen sich die Prediger nieder ließen. Darauf hielt ich als Schwiegersohn die Trauerpredigt über Ebr. 13, 7. 8.: "Unsre Trauer, unsre Pflicht, unser Trost an unseres theuren Vaters Grabe." Diese Predigt ist hernach zum Besten der Lehrerwittwenkasse im Druck erschienen. Unter zahlreicher Begleitung der Ratzeburger Gemeinde und Vieler aus anderen Gemeinden, so wie der höchsten Landesbehörden, des damaligen Herrn Gouverneurs von Pechlin, dem der Heimgegangne und der diesem sehr theuer gewesen, der Mitglieder der Regierung, des Consistorii, des Hofgerichts, der Stadtmagistrate, Aemter und andrer Landesbehörden, auch des Officiercorps und zweier Compagnien der in Ratzeburg garnisonirenden Truppen, und selbstverständlich der Prediger, der Gymnasiallehrer, Stadt- und Landschullehrer und der Schulen, die mit Gesang vorangingen, wurde darauf der Sarg, welchem die Familie des Verstorbnen zunächst folgte, nach dem Gottesacker gefahren und dort von dem Musikcorps mit der Melodie: Jesus, meine Zuversicht! empfangen, Nach der Einsenkung hielt der Compastor Caten-


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husen aus Sandesneben als ältester Sohn die Grabrede, und nach dem Gesange einiger Verse des schönen Liedes: Mein ganzer Geist, Gott! wird entzückt! (1200a.) und nach der Schlußliturgie sprach ich das Schlußgebet und den Segen.

Die Gemeinde zu Ratzeburg, die den Vollendeten ja vor Allen den ihrigen nannte, hat ihm auf seinem Grabe ein eisernes Kreuz errichtet. Darauf stehet der Spruch Joh. 8, 51: So Jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich! und: Ihrem geliebten Superintendenten Catenhusen die dankbare Gemeinde.

Diese Darstellung seines Lebens habe ich ihm auch als ein Denkmal der Liebe setzen wollen, und ich darf getrost darauf schreiben:

Seinem geliebten Superintendenten Catenhusen das dankbare Lauenburg!

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Zum Schlusse aber kann ich mir es nicht versagen, aus dem schönen Nekrologe, dem ich so Manches schon entnommen, die Charakteristik des Vollendeten mitzutheilen, in der Jeder, der ihn gekannt, sein treues Bild erkennen wird:

„Was das Wesen altlutherischer Frömmigkeit charakterisirt: vor Allem unbedingtes, felsenfestes Halten am Worte Gottes, ein Stehen auf dem Worte, das alle Höhen und Tiefen menschlicher Weisheit dagegen für Nichts achtet und kein höheres Gut auf der Welt kennt, als dieses Wort; - ein brennender Eifer für die reine Lehre und das schriftgemäße Bekenntniß der Kirche, der im Kampfe für das Heiligthum Gottes keinen Fuß breit weicht und Alles für dasselbe hinzugeben bereit ist, der es mit Schmerz zwar, aber mit Standhaftigkeit und Freudigkeit zu Gott trägt, wenn er von sonst liebenden irrenden Brüdern nur um des Bekenntnisses willen


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verkannt und geschmäht wird; - tiefer Ernst der Buße und Sündenerkenntniß, und fröhlicher, allezeit getroster Glaube an die zugerechnete Gerechtigkeit Christi; - kindlich frohe Zuversicht in die Gewißheit der Rechtfertigung und ein von allem sauren gesetzlichen Wesen weit entfernter, aber deshalb nicht minder gründlicher Ernst der Heiligung; - Innerlichkeit des Seelenverkehrs mit Gott, die am liebsten vor der Welt verborgen mit Christo ein Leben in Gott führt, aber dabei jener priesterliche Sinn und jener Bekennermuth, der auch in die Welt ausgehen will mit dem Zeugniß von Christo zur Rettung der Seelen und zur Mehrung des Reiches Gottes, verbunden mit der ächten altprotestantischen Nüchternheit, die sich weder auf die Wege sentimentaler Askese, noch auf die selbstgemachter Dienste verlocken läßt, sondern vor Allem in treuer Erfüllung des göttlich angewiesenen Berufes Gott dienen und Seelen gewinnen will; - ja, was wir von den Vätern unsrer Kirche rühmen, die männliche Stärke und Tapferkeit, vereint mit Weichheit und Milde, der hohe Ernst des Streiters Christi, vereint mit kindlicher Fröhlichkeit und Hingebung, die allezeit tragende und hoffende Liebe, die Treue und Güte gegen Jedermann, die Unterwürfigkeit unter göttliche und menschliche Ordnung, der Eifer und der eiserne Fleiß, die Standhaftigkeit unter dem Kreuz, die Demuth gegen Gott und auch gegen Menschen - das Alles fand sich auch an ihm, und hat ihn uns als einen treuen Sohn unsrer Kirche charakterisirt, in dem der Geist Luther's und der Reformatoren lebte, es fand in sich in ihm in einem so hohen Maße, daß wir es seinen Neidern und Widersachern gern freilassen können, wenn sie die menschlichen Gebrechen und Mängel, die ja auch ihm nicht fehlten, geflissentlich hervorsuchen wollen: die Naturwüchsigkeit, die christliche Gesundheit und Ganzheit seiner Persönlichkeit, die harmonische Durchdringung aller in ihn gelegten Kräfte von

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geistlichem Leben, die um so heller leuchtete, weil hier ungewöhnliche natürliche Gaben in den Dienst des göttlichen Worts genommen wurden, die Treue endlich, in der diese Gaben verwaltet wurden, und der Gehorsam, in dem dieses Leben geführt und zwar ohne Wanken bis an's Ende geführt wurde, lassen uns die volle ungestörte Freude und den ungestörten Trost, daß wir hier ein ganzes volles Christenleben, einen getreuen Knecht Gottes gesehen haben, der Glauben gehalten und seinen Lauf mit Ehren vollendet hat. Und das ist in unsrer Zeit etwas Großes!"
 


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[Heft 2: 1861]
 

 

 



 

 

 

 



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