"Radfahren im Kreis Herzogtum Lauenburg
um und nach 1900"


Radfahren im Kreis


 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich die Fahrradproduktion zu einem der erfolgreichsten Zweige der Massenindustrie. Die Fahrradfabrikanten führen einen erbarmungslosen Konkurrenzkampf, die Preise verfallen zusehends, und so wird das Rad allmählich zum unverzichtbaren Transportmittel.

 

Ein in Form von Vereinen/Clubs organisiertes Radfahren läßt sich im Kreis Herzogtum Lauenburg für das Jahr 1894 in Mölln und in Schwarzenbek nachweisen, allerdings gibt es keine ausgiebigen historische Quellen. Für den Möllner Verein haben sich im Möllner Stadtarchiv lediglich die Statuten erhalten, die aber immerhin den Gründungstag ausweisen (1. Juni 1893). Erst vier Jahre später etabliert sich in der Kreisstadt ein bürgerlicher Radfahr-Verein. Über die Clubverhältnisse in Ratzeburg gibt es viele Zeitungsnotizen, sich nicht zuletzt deshalb, weil ein Clubmitglied Mitherausgeber der "Lauenburgischen Zeitung" war.




 

Den Mitglieder des Ratzeburger Radfahrerclubs von 1897 kam ihr relativ spätes Gründungsdatum zugute, denn sie konnten sich - was Veranstaltungen, aber auch, was Club-Interna angeht, an den älteren Vorbildern im Kreis (Schwarzenbek, Mölln) orientieren. Das gilt zum Beispiel für eine Wettfahrt, die der Schwarzenbeker Club austrägt und entsprechend in der Lauenburger Zeitung bewirbt.
 




 

Auch die Fahne des Schwarzenbeker Fahrradclubs setzte Maßstäbe, sowohl im Hinblick auf die Größe als auch auf die qualitätvolle Ausschmückung. In jener Zeit waren Tuch- und Fahnenfabriken auf ganz spezielle Kundenwünsche eingerichtet. Sie lieferten vorzugsweise ein Grundmodell, das anschließend den Bedürfnissen der jeweiligen Vereine angepaßt werden konnte (Fransenapplikation, Aussticken).
 




 

Die ungewohnten neuen Fahrräder sorgten für Irritation und Ablehnung, nicht nur bei vielen Mitmenschen, sondern auch bei vierbeinigen Hausgenossen. Der Ratzeburger Anzeiger berichtet am Donnerstag, 26. 10. 1899: "Hunde und Radfahrer können sich selten vertragen. Die größeren Hunde suchen mit Vorliebe den Fahrern den Weg zu verlegen und in die Speichen oder Pedale der Maschine einzubeißen. Auch sonst treiben große Hunde mancherlei Allotria, durch die den Betreffenden mehr oder minder erheblicher Schaden geschieht.

Die Herren Hundebesitzer machten sich bisher wenig aus den Passionen ihrer Hunde, da sie nach dem bestehenden Recht für den Schaden nur dann haften, wenn ihnen ein Versehen (verabsäumte Aufsicht) nachgewiesen werden kann. Das wird am 1. Januar, an welchem Termine bekanntlich das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft tritt, anders. Dieses gewährt in seinem § 33 nämlich einen hinreichenden Schutz gegen derartige Attentate, indem es den Besitzer ohne weiteres verpflichtet, den durch seinen Hund angerichteten Schaden zu ersetzen.

Als Reaktion der Radler auf diese problematischen Begegnungen wurde - besonders bei Überland-Fahrten - oft eine spezielle Hundepeitsche oder die sogenannte 'Hundepistole' mitgeführt, um sich der vielen Kläffer zu erwehren. - Die untenstehende Abbildung zeigt dagegen eine
- so wurde sie um 1898 angepriesen - "Sensationelle Neuheit - Radfahrer-Petarden", also kleine Sprengkörper, die die Velozipedisten während der Radtour zünden konnten, um durch die Explosion die lästigen Kläffer und Wadenbeißer zu vertreiben.
 


 

Auch die Landkarten-Verlage gehen bereits Ende des 19. Jahrhunderts - wie die Modeproduzenten - auf die speziellen Wünsche und Bedürfnisse der Radfahrer ein, was auch den Radfahrern im Kreis Herzogtum Lauenburg entgegenkommt. Vom Mittelbach-Verlag in Leipzig werden 1899 - wie die Lauenburgische Zeitung berichtet - "soeben in ganz neuer, wirklich prächtiger Ausgabe" die Blätter Nr. 4 (Kiel, Lübeck) und 14 (Schwerin) der "anerkannt vorzüglichen "Deutschen Straßenprofilkarte für Radfahrer" herausgebracht, die mittlerweile für jeden Radfahrer geradezu unentbehrlich sind, enthalten "sie doch alles, was für den Radtouristen wissenswert ist. Auf den uns vorliegenden, die hiesige Gegend behandelnden Kartenblättern sind nicht nur alle fahrbaren Wege, alle Steigungen (in Metern), alle Entfernungen (in ganzen und Bruchteilkilometern), alle nur irgendwie nennenswerten Orte, die Eisenbahnen, Flüsse usw. angegeben, sondern sie zeigen auch auf den ersten Blick das für den Radfahrer wichtigste: die Beschaffenheit der Straßen, sowie gefährliche Stellen.

Als eine wichtige Neuerung, die den Wert der Karten noch wesentlich erhöht, wird es jeder Radfahrer begrüßen, daß jetzt allen Sektionen für ihren Bezirk ein kurzer, interessanter Reiseführer gratis beigelegt wird." Der Rezensent erwähnt nicht, daß die Landkarte in langrechteckigen Zuschnitten auf Leinen geklebt wurde, so daß selbst ein vielfältiges Benutzen der Lebensdauer der Radfahrerkarte kaum abträglich war.

 




 

Neben den reinen Landkarten setzten einige Verleger zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf die Kombination aus eingebundenen kleinteiligen Detail-Faltkarten und Streckenvorschlägen bzw. Streckenbeschreibungen. Die folgende Abbildung steht stellvertretend für vergleichbare radtouristische Produktionen jener Zeit.
 











 

Das Militär erkannte rasch den Nutzen des Fahrrades bei Erkundungs- und Truppenverlegungs-Aktionen. 1894 erlaubte das Preußische Kriegsministerium nach längerem Abwägen das Radfahren in Uniform - die Wendigkeit, Schnelligkeit der Soldatenverlegung und die geringe Geräuschentwicklung bei der Fortbewegung sind die Hauptursachen für diese Akzeptanz in der Truppe gewesen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besaßen offenbar sehr viele Soldaten einer Radfahr-Einheit ein eigenes Rad, das sie bei Manövern mitbrachten, um anschließend die Abnutzungskosten in Rechnung stellen zu können. Als dieser Trend überhand nimmt, veröffentlich das "Armee-Verordnungsblatt" eine "Cabinetsordre, die bestimmt, daß bei der Verwendung von Radfahrern für alle dienstlichen Zwecke während der Manöver nur die etatsmäßigen Dienstfahrräder benutzt werden sollen. Das Mitbringen eigner Räder und die Zahlung von 20 Mark Abnutzungskosten für deren Verwendung ist in Zukunft ausgeschlossen."

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, bilden Fahrräder bereits eine ernstzunehmende Größe bei den Landstreitkräften. So verwundert es nicht, daß das Lauenburgische Jägerbatallion No. 9 auch über eine Radfahrer-Kompanie verfügt.

 



(Klicken ins Bild vergrößert die Darstellung!)
 

Als während des Ersten Weltkrieges eine Knappheit an Kautschuk herrschte, wurden „Notmäntel“ als Nachrüstsatz entwickelt und in Serie hergestellt, bei denen das Rad auf Schraubenfedern lief. Das war alles Andere als komfortabel, aber doch ein sinnvoller Behelf.

 


 

Das Kriegsministerium hatte - aus wehrwirtschaftlichen Gründen - die Produktion von Privatfahrrädern während des Ersten Weltkriegs streng limitiert. Viele Firmen durften pro Kriegsjahr nur 1.000 Räder für Bürgerinnen und Bürger produzieren, das restliche Material mußte Kriegszwecken zur Verfügung stehen. Aus diesem Grund stagniert - auch im Kreis Herzogtum Lauenburg - die Weiterentwicklung des Fahrradsports erkennbar. Die Aktivitäten der Clubs sind auf ein Minimum (meist ein sogenanntes "Wintervergnügen") beschränkt, gegen Kriegsende fehlen sie gänzlich.

 

Die Tatsache, daß Arbeitern nur in Ausnahmefällen erlaubt wurde, in bürgerliche Fahrradclubs einzutreten, führte in Großstädten schon lange vor 1900, im Kreis erst um 1920 zur Gründung spezieller Arbeiter-Radfahrvereine. Diese wollten nicht nur Radsportbegeisterte zusammenführen, sondern verfolgten auch politische Ziele. In einem Aufruf von 1893 an die sozialdemokratischen Radfahrer Deutschlands heißt es: "Sportgenossen! Auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens sondern sich die Arbeiter und Parteigenossen von ihren Gegnern ab und schließen sich zu eigenen, selbstständigen Organisationen zusammen. Auch wir Radfahrer wollen nicht zurückbleiben, auch wir wollen dem Beispiel der Arbeiter-, Gesang-, Turn- und Vergnügungsvereine folgen und einen Verband über ganz Deutschland bilden. Unser Ziel soll sein, neben der Hebung des Radfahrsports, uns auch der Partei und der Arbeiterbewegung soviel als möglich nützlich zu machen."

 Die "Solidaritäts"-Vereine förderten mehr den Breitensport, weniger die Spitzensportler, außer in ihrer Paradedisziplin, dem Hallensport. So verwundert es nicht, daß der Radsport in den so genannten goldenen zwanziger Jahren zum vollgültigen Volkssport avancierte. Näheres zum Arbeiter-Radfahrclub "Solidarität" (sowohl allgemein als auch in Beziehung auf die Ortsgruppe Ratzeburg) finden Sie auf den folgenden Seiten.

 

 



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