
Wieder aufgelegt: Schöne
Musik von alten Spieluhren aus dem Kreismuseum Herzogtum Lauenburg (eingespielt auf
museumseigenen Spieluhren in der feingliedrigen Akustik unseres Rokokosaals).
Spielzeit: gut eine Stunde. Verpackt in einer Jewel-Box, mit erläuterndem Beiblatt. 8,-
Euro.
Ein Wiederhören mit Klassikern wie "Du, Du, liegst mir am Herzen",
"Torgauer Marsch", "Wiener Blut", "Am wunderschönen Rhein",
"Radetzky-Marsch", "In einem kühlen Grunde", "My Darling",
"The Lads in Navy Blue" und "Der flotte Student". Auf das Einspielen
von Weihnachtsmelodien wurde bewußt
verzichtet, um die Audio-CD das ganze Jahr hören zu können.
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Text des
CD-Booklets
Mechanische Musik aus
der Holzkiste:
Stücke für Polyphon und Symphonion
Anachronistische Klänge aus langvergangener Zeit? Spieluhrenwerke werfen auf
unaufdringliche Art akustische Lassos, fangen ein durch das Erklingen altvertrauter
Weisen. Damals ein willkommenes Hilfsmittel etwa für Menschen, die selbst kein Instrument
spielen konnten, ermöglichen sie heute auch die Verbindung mit einer Epoche, die uns im
Klangbereich originär kaum noch entgegentritt. Die auf dieser Compact Disc archivierten
Klänge zweier antiker Spieluhren aus dem Bestand des Kreismuseums Herzogtum Lauenburg
bieten Entspannung, verkürzen Wartezeiten, wollen unterhalten. Die dezenten Melodien
sollen aber auch daran erinnern, daß es der Anstrengung Vieler bedurfte, bis es gelang,
Musik auf mechanischem Wege zu reproduzieren und - im Gegensatz zu früheren Spieluhren
mit nur einer festgelegten Melodie auf der Walze - auch die Abwechslung zu ihrem Recht
kommen zu lassen.
Die Entwicklung der Spieluhr erfüllt einen alten Wunsch des Menschen: Musik zu hören,
ohne selbst Instrumente spielen zu können oder beherrschen zu müssen. Voraussetzung
hierfür war es, einen Programmträger mit Befehlen zu entwickeln, der
Musikstücke auf mechanischem Wege abrufbar macht.
Die Entwicklung beginnt Ende des 18. Jahrhunderts in der Schweiz. Die für die
Klangerzeugung unabdingbaren Metallzungen wurden zunächst einzeln angebracht, ab ca. 1825
zu einem Stahlkamm mit unterschiedlich langen Zinken vereinigt, den eine sich drehende
Walze mit halb eingelassenen Stiften anreißt. Die durch Federzug angetriebenen Musikwerke
waren ursprünglich oft in Taschenuhren eingebaut, was den heute gebräuchlichen Namen
Spieluhr einbürgerte.
Die Akzeptanz der Spieluhren nahm einen steilen Aufschwung, nachdem eine Erfindung
umgesetzt wurde: waren die Tonstücke früher auf der zumeist fest eingebauten Stiftwalze
gespeichert, bot die neuentwickelte Musikscheibe mit herausgedrückten
Zähnen die Chance reichhaltiger Abwechslung. Es entstand eine kompakte
Spieluhr, die viele verschiedene Stücke spielen konnte, das Polyphon (so auch
die Markenbezeichnung).
Die zur Entstehungszeit in großer Auswahl erhältlichen Stahlscheiben (zeitweilig waren
über 5.000 verschiedene Platten lieferbar) werden während der Drehbewegung beim
Abspielen über ein metallenes vierflügeliges Drehkreuz geführt. Der Kreuzflügel reißt
seinerseits die richtige Zunge des Metallkamms darunter an und bringt so den Ton zum
Klingen. Dieser gewinnt Volumen und wird sonor durch einen das Spielwerk umhüllenden
Holzbehälter mit Deckel. Er dient nicht nur zum Schutz des Spielwerks, sondern auch zur
Tonverstärkung.
Wegen ihrer kaum überbietbaren Vielseitigkeit bei günstigem Preis wurden Polyphone rasch
zur starken Konkurrenz für die traditionelle Spieluhrenindustrie der Schweiz. Geräte
fanden unter mancherlei Bezeichnungen (Symphonion usw.) viele Käufer. Die zugrundliegende
Idee, beim Befehlsträger nicht auf Pappscheiben zu setzen, sondern haltbarere
Stahlplatten zu verwenden, führte bald zu einem entscheidenden Erfolgskriterium
gegenüber den Konkurrenzprodukten. Die große Zeit der Spieluhren endete in den frühen
30er Jahren des 20. Jahrhunderts, denn die Übermacht von Radio- und
Schallplatten-Produktionen war nicht mehr aufzuhalten.
Die vorliegenden Spieluhr-Aufnahmen entstanden im Rokokosaal des Kreismuseums Herzogtum
Lauenburg, einem 1764-66 erbauten, reich mit Stuck geschmücktem Festsaal. Die Stücke
wurden nicht digital nachbearbeitet, um eine völlig unverfälschte Wiedergabe möglich
werden zu lassen. Ein leises Laufgeräusch, im Einzelfall auch ein kurzes hartes Knacken,
das entsteht, wenn eine unter Druck stehende Stahlplatte sich unter der Andruckrolle des
Polyphons plötzlich entspannt, gehört zur authentischen Aura einer Spieluhr und wurde
daher bewußt belassen. (Dr. Horst Otto Müller)
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