Jahresband 1903

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


LUDWIG NAUWERCK.

[Max Schmidt]
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In einem Aufsatze über die literarische Gesellschaft in Ratzeburg, den ich im 5. Bde. dieses Archivs S. 86 ff. veröffentlichte, fand als ein besonders tätiges Mitglied der dichterisch veranlagte Kammersekretär, spätere Rat Ludwig Nauwerck Erwähnung. Dieser muß ein reichbegabter Mann gewesen sein, denn aus einem Aufsatze von Dr. Alexander Tille „Goethe und die deutschen Bilder zu seinem Faust“ *) erfahren wir Folgendes:

„Im Juli 1810 sandte Goethe ein Freund sechs Bilder des Kammersekretärs Ludwig Nauwerck in Ratzeburg. Es waren Sepiazeichnungen, und sie sprachen den Altmeister so an, daß er sie einstweilen behielt, sie mit nach Weimar nahm und dort Schillers Gattin und Schwägerin und Frau von Stein zeigte. Ganz gegen seine Gewohnheit fragte er sogar bei dem Zeichner an, ob sie verkäuflich seien. Die zweihundert Taler, die dieser dafür verlangte, erstickten aber seinen Wunsch, sie zu besitzen. Er bat jedoch um die Erlaubnis, sie bis Neujahr 1811 behalten zu dürfen, und sprach den Wunsch aus, eine Auswahl auf die Kupferplatte übertragen zu sehen. Er schrieb an Cotta über die Blätter, die besonders in Anbetracht dessen, daß sie von einem Liebhaber herrührten, bewunderungswürdig seien und empfahl den Zeichner an eine kunstfreundliche Weimarer Fürstentochter, die Erbprinzessin Caroline von Mecklenburg-Schwerin. Es dauerte Jahre, bis die Veröffentlichung möglich
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*) Velhagen und Klasing’s Monatshefte, Juni 1901.

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wurde. Da der Zeichner selbst der Kupferstecherei fern stand, wählte er die Lithographie als Ausdrucksmittel und erhöhte die auf gelben Grund gedruckten Blätter weiß. Im Sommer 1823 erhielt Goethe die erste gedruckte Platte. 1827 folgte die erste Lieferung von vier Steindrucken und 1828 die zweite, von der Goethe fand, daß sie an Kraft, an malerischer Wirkung, an Deutlichkeit der Ausführung und an Lebendigkeit und Geist des Ausdrucks gewonnen habe. Das Schlußbild wurde erst 1830 auf den Stein übertragen.

Nauwercks Bilder sind ein eigentlicher Faustcyclus. Nicht nur, daß das Vorspiel auf dem Theater und der Prolog im Himmel in die Darstellung eingezogen sind: auch im folgenden werden die Hauptpunkte der Handlung gut herausgehoben. Während die Gretchentragödie sachlich ganz richtig auf drei Bilder beschränkt bleibt, tritt Faust allenthalben in den Vordergrund. Im einsamen Studiergemache erscheint ihn der Erdgeist, auf dem Osterspaziergange umwandelt ihn die Menge zwischen den noch winterlich kahlen Bäumen, hinter dem Ofen schwillt der Pudel auf, in Auerbachs Keller läßt er die Zecher das Messer an die eigne Nase setzen, in der Hexenküche trinkt er den Verjüngungstrank, zwischen Felsenklippen steigt er zum Blocksberg empor, und droben auf dem Gipfel mischt er sich kühnlich in das Getriebe der Walpurgisnacht. Selbst beim Blumenorakel und im Kerker bleibt er die beherrschende Gestalt, so daß er sich nur auf dem Bilde verliert, auf dem Gretchen vor ihrem sterbenden Bruder steht.“

Die dem angeführten Aufsatze beigegebenen zwei Proben aus den zwölf Bildern Nauwercks *) lassen erkennen, daß dieser seine Aufgabe klar erkannt und gut durchgeführt hat. Goethe mußte im großen Ganzen bekennen, daß die Blätter seine Vorstellung von der Idee
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*) Die Hexenküche und die Erscheinung des Erdgeistes.

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überträfen, hielt mit seiner Bewunderung keinen Augenblick zurück und brachte dieselbe wiederholt zum Ausdruck.

Der inzwischen verstorbene Dr. Friedrich Latendorf in Schönberg brachte in den „Wöchentlichen Anzeigen für das Fürstentum Ratzeburg“ 1897 N. 9 im Anschluß an meinen eingangs erwähnten Artikel einige hier folgende Angaben über Nauwerck, den er als geistig regen Achtziger noch persönlich kennen lernte.

Das Taufregister des Ratzeburger Domes (Album Baptizatorum in ecclesia cathedrali Ratzeburgensi volum. 1 berichtet: Ludwig Gottlieb Carl Nauwerck, Sohn des Probsten Carl Albert Nauwerck und dessen Ehefrau Eva Sophia Eggerten ist geboren zu Domhof Ratzeburg den 5. September 1772 und getauft d. 7. September 1772.

Patrini: 1) Herr Geh. Rath Anton Ludwig Seip zu Neustrelitz, dessen Stelle Herr Kammerrath Siemssen vertrat. 2) Herr Superintendent Andreas Gottlieb Masch aus Neustrelitz, für welchen Herr D. Lentin hierselbst gestanden. 3) Frau Anna Catharina Nauwerck, geb. Müllern, des Kindes Großmutter, zu Mirow, für welche Frau Pastorin Simonis aus Schlagsdorff gestanden. Die Taufe ist vollzogen von Herrn Pastor Simonis aus Schlagsdorff.

Ueber seine amtliche Laufbahn ergaben die Regierungsakten zu Neustrelitz, daß er, vorher Procurator, am 12. Aug. 1799 zum Secretär bei der Kammer in Ratzeburg ernannt wurde. Nach Verlegung der dortigen Regierung erfolgte seine Ernennung am 14. Juni 1814 zum Secretär bei der Kammer in Neustrelitz. Sein Landesherr ehrte ihn nachmals durch die Verleihung der Titel Rath, Hofrath, Geh. Hofrath. Unter dem 21. August 1849 erbat er seinen Abschied, der ihm gewährt wurde. Er starb zu Neustrelitz am 25. Juni 1855.

M. SCHMIDT.

 

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