Jahresband 1893

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg


BEITRÄGE

zu einer
Chronik des Domhofes bei Ratzeburg.

[Hellwig, Dr.]
 

Im Jahre 1814 ward die mecklenburgische Regierung und Kammer des Fürstentums Ratzeburg, welche bis dahin auf dem Domhofe bei Ratzeburg bestanden hatte, aufgehoben. Dagegen blieb das Consistorium in vereinfachter Form unter dem Namen einer Consistorialkommission für das Fürstentum Ratzeburg vorläufig noch bestehen. Diesem Umstande ist es zu danken, daß die Aktenschätze dieser Behörde noch heutigen Tages in einem der Domgebäude aufbewahrt werden. Nicht unbedeutend sind ferner die Akten der dortigen Propstei. Beide Archive zusammen geben über die Zustände des Fürstentums und insbesondere des Domhofs in der 2ten Hälfte des 17ten, im 18ten und der ersten Hälfte des 19ten Jahrhunderts eine Fülle von Aufschlüssen, die allerdings noch der Ergänzung aus dem nunmehr in Neustrelitz befindlichen Regierungsarchiv bedürfen würden, um eine vollständige Chronik zu ergeben; immerhin reichen sie aus, um schätzenswerte Beiträge zu einer solchen zusammenzustellen. Eine gute Hülfe zur Aneignung der nötigen Personalkenntnis gewähren die vom Superintendenten Hector Mithobius und dem Diakonus am Dom, späteren Generalsuperintendenten von Lauenburg, Zacharias Vogel im Jahre 1640 begonnenen und nach einheitlichem Plane bis 1801 fortgesetzten Kirchenbücher. Es sind drei in Schweinsleder

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gebundene Quartbücher, betitelt: Catalogus babtizatorum, catalogus in matrimonium copulatorum und catalogus defunctorum. Eine weitere Hülfe bietet das Kirchen-Visitationsprotokoll von 1640. Von Wichtigkeit sind auch die Rechnungsbücher der Struktur, d. h. des Bauwesens, welche nach Absterben des letzten canonicus et structuarius, Heinrich Hoinkhusen, der jedesmalige Domprediger zu führen hatte. Außerdem haben sich in den Archiven durch Zufall allerlei Antiquitäten erhalten, wie z. B. ein Türkensteuerregister von 1620, alte Salvagardien aus dem dreißigjährigen Kriege, Bestallungen, Ehecontrakte, Privilegiendocumente und anderes, das der Vergessenheit entrissen zu werden verdient.

Ich gebe zunächst als einen ersten Abriß dasjenige, was ich über die Kirchenhäuser und andere Gebäude auf dem Dom mit Ausnahme der Kirche selbst, gesammelt habe, um daran zugleich einiges geschichtlich oder kulturgeschichtlich Merkwürdige anzuknüpfen. Einige der besonders merkwürdigen Antiqutäten findet man in den Miscellen dieses Hefts.

Gleich am südöstlichen Eingang zum Palmberg steht die Domapotheke. In dem Umschlage der Strukturrechnung von 1647 fand sich ein Zettel, auf welchem unter anderen Einnahmen eines Domherrn auch eine geringe Summe beiläufig 2 Mark 8 ßl. wegen des Apothekers verzeichnet war. Daraus ist wohl zu schließen, daß bereits 1647 die Domapotheke existierte. Als Domapotheker wirklich erwähnt findet sich zuerst ein Herr Ernst Renner und zwar im Taufbuch zum Jahre 1664. Gleichzeitig, und zwar bereits seit 1639 (siehe ältestes Kirchenbuch der Stadt Ratzeburg p. 1), war Apotheker in der Stadt Ratzeburg Martinus Renner (auch Rennert und Rönner geschrieben), der indessen mit dem ersteren weder identisch ist noch in nächster Blutsverwandtschaft gestanden hat. 1678 war Domapotheker Peter Sund, der daselbst im Juli 1682 starb. Seine Witwe verheiratete sich 1684 mit dem Apotheker Heinrich Hatcke, der die Apotheke 40 Jahre lang inne hatte. Die genannten und die

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nächstfolgenden Apotheker waren Eigentümer der Offizin, aber nur Pächter des Hauses. 1724 trat in dasselbe Verhältnis ein der Hofapotheker Joh. Peter Finger in Celle, der gleichzeitig auch Besitzer der Stadtapotheke in Ratzeburg war. Wie er letztere durch einen Herrn Paul Krüger verwalten ließ, so setzte er in erstere seinen Sohn Johann Ludwig Finger ein. Dieser gab die Apotheke schon im Jahre 1726 in die Hände eines Herrn Jul. Werner Müller aus Lüneburg, dem aber bereits 1729 Christian Holtmann folgte. Letzterer behielt sie bis 1741. Darauf war Hermann Friedrich Müller bis 1768 Domapotheker. 1769 brachte Hermann Gottfried Siedenburg aus Lüneburg die Apotheke käuflich an sich, und in seiner Familie blieb sie bis 1864. Das Kaufgeld betrug 1200 Rthlr. und 10 Mark jährliche Recognition. Siedenburg sen. siedelte 1793 in die von ihm erworbene Stadtapotheke über, wurde aber verpflichtet in der Domapotheke stets einen tüchtigen Provisor zu halten; 1821 ward dasselbe seinem Sohne verstattet. 1845 übernahm die Domapotheke Jul. Hermann Friedrich Siedenburg. Seit 1864 wechselten die Besitzer der Domapotheke häufig; jetzt ist sie bereits in 6ter Hand und hat einen Verkaufswert von circa 150 000 Mark.

Das nächste Haus an der Ostseite des Palmbergs wurde bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts das Falkenbergsche genannt. Darin wohnte bis 1720 die Witwe des ehemaligen Kommandanten der Festung Ratzeburg, des Majors Christian Wilhelm Salvort von Falkenberg. Die fast 80jährige Dame war die Tochter eines der letzten canonici des Stifts, des als mecklenburgischer Geheimrat 1667 verstorbenen Ernst Bünsow, und die Schwester des Direktors des Fürstentums, Nicolaus Heinrich Bünsow. Die Rüstung des Majors von Falkenberg hing bis zur Restauration des Domes an einem Pfeiler der Kirche und ist auch jetzt noch vorhanden. Falkenbergs Sohn war Landdrost des Fürstentums Ratzeburg und starb 1722. 1773 ging das Haus in andre Hände über.

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Der Garten des Falkenbergschen Hauses stößt mit dem Garten des hochfürstlichen Hauses, wie es im vorigen Jahrhundert genannt wurde, zusammen. Um 1640 hieß es das Neovinische Haus oder auch das Syndicatshaus, weil es bei der Gelegenheit der Kirchenvisitation von 1620 erwähnte Stiftssyndicus Michael Neovinus bewohnt hatte. 1656 erwarb es die mecklenburgische Regierung von der Kirche für 1500 Mark, welche indessen nicht ausgezahlt, sondern mit 5 % verzinst wurden. Bei der Belagerung Ratzeburgs (1693) war es mit den beiden nördlich belegenen Nachbarhäusern das einzige, welches unter dem Bombardement nicht erheblich litt. Gleichwohl muß es um die Mitte des vorigen Jahrhunderts umgebaut, wenn nicht völlig neu errichtet sein, um seiner Bestimmung als fürstliches Absteigequartier besser dienen zu können. 1840 ward es zur interimistischen Wohnung des Dompredigers (Propsten) hergegeben und dienst noch dazu.

Das Nachbargebäude ist die sogenannte Caplanei, welche bis 1660 zur Wohnung des Diakonus am Dom diente. Im dreißigjährigen Kriege war die Wohnung zerstört worden und war 1641 noch nicht wieder zum Einzug fertig. 1670 hatte man die Kanzlei hineingelegt. Später wohnten Regierungsbeamte darin, so am Anfange des vorigen Jahrhunderts Secretär Riecke, dann Rat Hildebrand, darauf der zweite Lehrer an der Domschule und seit 1800 gar der Rektor der Domschule. 1848 wurde das Haus zur Offizialwohnung des Domorganisten bestimmt. Das Nebengebäude, welches jetzt als Stall dient, war das ehemalige Predigerwitwenhaus. Es ist 1750 umgebaut worden.

Das Doppelgebäude der Domapotheke gegenüber war bis 1830 Kircheneigentum. Damals wurde es für 845 Rthlr. an einen Privatmann verkauft.

An der Südseite des Palmbergs und zwar an der Westecke steht ein einzelnes Haus. Bis 1781 gehörte es dem Vicepräsidenten von Wallmoden in Celle, von dessen Wittwe E. geb. von Werpup es der lauenburgische Physicus

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Dr. Rust kaufte. Nach dessen 1790 erfolgtem Tode mußte es auf Befehl Serenissimi die Kirche für 1450 Rthr. erwerben. Von 1790-94 wohnte darin zur Miete der Major von Schrader, von 1794-1817 der Hofmedicus Dr. Münch und nachher bis 1831 dessen Witwe. Hierauf ward das Haus der Domschule als Eigentum zugewiesen, während die Kirche ein anderes kleineres Grundstück zur Entschädigung erhielt. Seit 1831 war es dann die Offizialwohnung des Prorektors und späteren Direktors Becker, dessen Wittwe noch in den 50er Jahren daselbst wohnte. Südwärts nach der Stadtgrenze zu schließt sich daran das 1700 erbaute Predigerwitwenhaus mit seinen beiden Nebengebäuden. In letzterem hatten seit dem 17ten Jahrhundert der jedesmalige Dommaurermeister und der privilegierte Schornsteinfeger gewohnt. 1830 gingen sie für 420 und 430 Rthr. nebst dem üblichen Grundgeld und Zahlschilling in Privathände über.

Die Westseite dieser Gasse nimmt jetzt die Domkaserne ein; 1703 wohnte in dem großen Gebäude der Regierungspräsident des Fürstentums von Petkum. 1729 kaufte es die geheime Kammerrätin von Laffert, geb. Fabrice für 2300 Rthr., dann hat es die Kirche annehmen müsse, aber bereits am Ende des Jahrhunderts es wieder Offizialwohnung des Geheimen Regierungsrats Seip. 1830 wohnte dort zur Miete der Steuerkommissar Rumpf. Später ist es in Privathände übergegangen. Der Militärfiscus benutzt es nur mietweise.

An das Grundstück stößt die sog. große Bleiche, und jenseits derselben stand ehemals die Kurie des letzten, 1683 verstorbenen, canonicus Heinrich Hoinkhusen. Darauf wohnte dort der Hofrat Gramann. Beim Bombardement wurde sie eingeäschert, und die wüste Stelle blieb unbenutzt bis 1704. Im Garten war ein kleiner Hügel, der auf dem Plane des Grundstücks als Parnaß bezeichnet wird. 1704 kaufte der lüneburgische Premierminister Excellenz Andreas von Bernstorff (Wotersen) die Stelle, um darauf ein Haus für seinen Schwiegersohn, den lauenburgischen Landdrosten

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von Werpup, zu erbauen. Letzterer starb 1722 und seine Witwe um 1740. Später, und zwar bis 1814, wohnte dort der mecklenburgische Regierungsrat von Bülow, darauf der Landbaumeister Lohmeyer. Um 1850 ging das Haus wieder in Privatbesitz über, nachdem es inzwischen Eigentum der fürstlichen Regierung gewesen. Den Raum von da bis zum steinernen Thore nimmt jetzt das Küsterhaus ein. Im 17ten Jahrhundert wohnte der Küster noch gegenüber im Unterstock des Bischofshauses. Um 1630 war der Schuster Sebastian Panring Küster. Der Calcant und Bälgetreter war ein Tischeler und wohnte unter dem Steinthor. Um 1640 war es Heinrich Roggenbauch, aus Zieten gebürtig. Das Bischofshaus diente in der That ehemals dem Bischof zum Absteigequartier. Dort wurde zum Beispiel der Bischof Heinrich Bergmeier von Herzog Magnus I. drangsaliert. 1540-97 wohnte dort der erste lutherische Superintendent des Stifts Dr. Conrad Schlüsselburg. Im 18ten Jahrhundert, und zwar bis 1770, diente es zur Kanzlei. Dann wohnte eine Zeitlang der Oberamtmann von Wickede dort.

1663 wurde die jetzige Kirchhofsmauer erbaut, wie eine Inschrift in der südwestlichen Ecke bezeugt. Das Thor wurde 1807 erneuert. Der Gang zwischen der östlichen Kirchhofsmauer und dem Abhange des Seeufers scheint ebenfalls 1663 angelegt zu sein. Bis 1665 wohnte nämlich am nördlichen Ende desselben der Consistorialrat und Schulinspektor Jahnnes Patsche. Nach ihm wird der Gang noch heute Patschengang genannt. An dem erwähnten Abhange liegt das 1596 zu bauen begonnene, aber erst 1609 vollendete Armenhaus. Im 30jährigen Kriege starben die Insassen an der Pest aus. Beim Bombardement zerstörten es die Lüneburger, denen es im Wege stand; sie legten dort eine Batterie an. 1694 wurde es wieder aufgebaut, und der Herzog gab aus den lüneburgischen Satisfaktionsgeldern (beiläufig 20 000 Rthr.) 500 Rthr. dazu her. Die Bude, die ehemals dabei lag, wurde 1710 mit Witwen belegt; eine Stube darin ward als Krankenstube eingerichtet. Im Armen-

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hause selbst, das sieben Kammern und eine gemeinschaftliche Wohnstube enthielt (s. Visitationsprotokoll von 1641) wohnte außer den Armen ein Pfleger, bisweilen auch eine Pflegerin, Leser und Leserin genannt, außerdem der Kirchenvogt oder Kuhlengräber. Einer der alten Armen versah den Dienst des Hundepeitschens, d. h. er hatte die Hunde aus der Kirche und vom Kirchhof zu jagen. Dafür bezog er jährlich 6 Mark. Das Haus des Visitationsrats Patsche wurde um 1730 von einem Consistorialsekretär Suckow bewohnt. Von 1819 an wohnte darin Prorektor Becker, der, wie erwähnt 1831 das Rustsche Haus bezog. Darauf ward das Haus Kircheneigentum und wurde für Rechnung der Kirche für 855 Rthr. an den Forstjunker von Wickede verkauft, dessen Erben es kürzlich weiter veräußert haben.

Durch das steinerne Thor gelangt man vom Palmberge nach dem inneren Domhof. Dasselbe ist 1656 umgebaut, scheint aber nach dem Bilde von Ratzeburg, welches Gerd Kone 1588 zeichnete, ganz in der alten Gestalt wieder errichtet zu sein. Im Erdgeschoß wohnte außer dem Kalkanten in der Regel noch ein Freischneider. Die beiden Obergeschosse bestehen aus je einem Zimmer und einer Kammer. Trotz der Beschränktheit der Wohnräume begnügten sich mit dieser Wohnung im vorigen Jahrhundert noch ganz ansehnliche Leute. Bis 1780 wohnte dort der Steuerkommissär Schröder, dann der Regierungssecretär Röper, dann der Subrektor Harnack, endlich von 1800-1814 der Regierungssecretär Dufft. Von 1816-1848 war es Offizialwohnung des Organisten. Darauf wohnte ein Privatlehrer Willers bis 1851 da, derselbe, der von da ab als Elementarlehrer an die neu begründete Elementarschule auf dem Dom berufen wurde.

In der südwestlichen Ecke des inneren Domhofs steht die alte Propstei, welche von 1566 an bis 1841 allen Dompredigern außer dem Superintendenten Schlüsselburg zur Wohnung gedient hat. Beim Bombardement wurde das Haus eingeäschert, aber während des Winters 1693 und

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des Frühjahres 1694 in aller Hast wieder auferbaut. Währenddem mußte sich der damalige Domprediger Gutzmer mit seiner Familie behelfen, wie er konnte; Kirche und Kreuzgang wurden als Wohnräume benutzt und, wie er versichert, hat er oft genug auf der bloßen Erde schlafen müssen. Die Hast des Aufbaus ist der Solidität des Baues hinderlich gewesen. Es erforderte im Laufe der Zeit wiederholt kostspielige Reparaturen, und seit 1830 war man entschlossen dem Propsten eine andere Wohnung zuzuweisen. Das ist dann, wie erwähnt, 1840 geschehen. Darauf ging das Haus in Privatbesitz über.

Das Nachbarhaus wird im vorigen Jahrhundert das königliche Haus genannt und hat dem lauenburgischen Fiscus gehört. 1710 wohnte darin der lauenburgische Regierungssecretär Gebhardi. Daneben liegt die kleine Bleiche. Als die Bleicherin Meyer 1783 starb, vermachte sie der Kirche ihre Habseligkeiten. Das Auktionsprotokoll über den Verkauf derselben ist noch vorhanden. Das nächste Haus ist die ehemalige Dalldorffsche Kurie, zuletzt von Kanonicus Valentin von Dalldorf ( 1651) bewohnt. Im vorigen Jahrhundert war das Haus noch Kirchengut und wurde 1704 bewohnt vom Kämmerer Klippe. Hernach hat es der strelitzschen Regierung gehört, wahrscheinlich seit 1760. Zuletzt, um 1850 wohnte darin ein Fräulein von Soden. Jetzt ist es Privatbesitz. Es ist übrigens eins der wenigen Gebäude, welche ohne die Verpflichung zu Grundhäuser verkauft worden sind.

In dem Spolertschen Hause wohnte um 1730 der geheime Kanzleirat Berthold Christian Baleke. Ein Weiteres ist davon nicht bekannt.

Am Wasser unten hat schon seit immer der Fährmann in einem kleinen Hause gewohnt. Im vorigen Jahrhundert wurde ihm auch die Schenkgerechtigkeit beigelegt.

Zwischen dem Spolertschen Haus und dem Fährhaus stand noch 1851 ein altes langes Gebäude, welches einst die Wache und die fürstliche Münze barg. Um 1762 war fürstlich mecklenburgischer Münzmeister Henning Kemper,

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darauf Andreas Hille, dann Peter Braßlaner, Michael Wagner und als letzter um 1688 Gabriel Christian Rodatius. Es war die Kipper- und Wipperzeit, in der minderwertiges Geld angefertigt wurde. Mit der Münzstätte hängt es wahrscheinlich zusammen, daß es im 17ten Jahrhundert auf dem Dom eine Reihe fürstlich mecklenburgischer Konterfeiter gab, 1684 z. B. starb daselbst der Kunterfeiter Wilhelm Piel, 1666 Barthold Vallenkamp. 1668 erhielt dieses Amt David Hille aus Kiblitz in Böhmen, 1687 wird er noch erwähnt. Er war aber der letzte. Auch ein Kupferstecher Johannes Müller wird um diese Zeit erwähnt. Goldschmied auf dem Dome war bereits 1640 Johann Lindemann, 1693 Christian Büntzen, 1700 Tilefine, 1714 Robbert. Andre Künstler haben sich nur vorübergehend auf dem Dom aufgehalten, so der Bildhauer Gebhard Georg Titge aus Rotenburg, der verschiedene der in der Kirche noch vorhandenen Epitaphien gemacht hat (1646-62).

Die Kirche war nach rückwärts im Viereck von drei Kreuzgängen, nämlich im Osten, Westen und Norden, umgeben, von denen der östliche und nördliche noch bestehen, der östliche ward 1648 herabgenommen und nach damaligem Geschmack wieder errichtet. 1598 wurde die Schule, die bis dahin in einem Vikarienhause auf dem Palmberg bestanden hatte, in den nördlichen Kreuzgang verlegt und 1648 wurde sie daselbst mit einem Kostenaufwande von 500 Rthr. neuerbaut. Die Schule bestand aus 2 Klassen, der Unter- und der Oberklasse, und wurde von 3 Lehrern, dem Präceptor, dem Cantor und dem Rektor geleitet.

Schüler und Lehrer waren verpflichtet am Kirchengesang teilzunehmen und bei kirchlichen Handlungen zu assistieren. Dafür bezogen die Schüler Chorstipendien, Lehrer und Schüler Accidentien bei Leichenbegängnissen, Trauungen und Kindtaufen. Der Präceptor versah zeitweise auch Küsterdienste und hatte dann den Nebentitel aedituns. 1704 mußte er mit dem Klingebeutel umgehen, die Uhr ölen, Altarlichte machen und Kirchenzeug waschen. Die Besoldung

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war kärglich. Um 1640 hatte Henricus Sartorius aus Hirschberg in Schlesien 100 Gulden, 5 Faden Holz, freie Matten für 2 Drömt Roggen und 3 Drömt Malz in der Pfaffenmühle, freie Mast für 3 Schweine und die Nutznießung eines Gartens. Der Cantor hatte jährlich nur 100 Mark. Die Stellen waren nur Uebergangsstellen zum Pastorat. Die Häuser der Schulcollegen waren an den nördlichen Kreuzgang angebaut. Die westliche Wohnung war die des Rektors, die mittlere die des Cantors. Der Präceptor hat wenigstens am Ende des vorigen Jahrhunderts, wie erwähnt, im Steinthor gewohnt.

1820 wurde die Schule reorgarnisiert. Schon 1802 war die alte Sakristei in der südlichen Ecke des östlichen Kreuzgangs zum 3ten Schulzimmer eingerichtet worden, 1816 kam ein 4tes Zimmer in der westlichen Ecke des oberen nördlichen Kreuzgangs hinzu. 1820 wurde die Aula im unteren östlichen Kreuzgang hergerichtet, auch wurde ein 4ter Lehrer angestellt. Die Schule ist 1845 aufgehoben worden. Die Räumlichkeiten wurden zunächst noch vom gleichzeitig errichteten lauenburgischen Gymnasium benutzt. Ein Predigerseminar, das man einzurichten versuchte, hat kaum 1 Jahr bestanden.

An die Schule und das Cantorhaus stieß im Osten die Wohnung des Organisten. Dieser hatte seit Alters das Recht Rommeldeuß und Wein zu schenken, auch Fremde zu speisen. Unter den Organisten giebt es viele interessante Persönlichkeiten. Das Schenkprivileg erwies sich aber je länger je mehr als unverträglich mit dem krichlichen Haupt-Amte und wurde deshalb am Anfange des vorigen Jahrhunderts aufgehoben. Dagegen verband man mit dem Organistenamte alsdann das eines Kanzlisten bei der Regierung. Im unteren östlichen Kreuzgang bestand bis 1811 eine fürstliche Druckerei. Sie wurde 1665 circa begründet von einem Lübecker Ulrich Wettstein, der sein Privileg indessen an Niclas Nissen aus Schleswig abtrat. Nach Nissen sind fürstliche Drucker auf dem Dom gewesen: Tobias Schmidt

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1688-1691, Sigmund Hoffmann (1711); Andreas Harz, Hieronymus Christian Schmidt, endlich von 1771-1811 Zacharias Hinrich Gläser.

Unter andern ist hier die sogenannte Lüneburger (plattdeutsche) Bibel um 1692 gedruckt worden. Um 1772 erschien bei Gläser auch eine Zeitung; das Titelblatt zeigt ein Schiff unter vollen Segeln. 1808-10 wurde dort das fürstlich ratzeburgische Intelligenzblatt gedruckt, welches eine besondere Kommission, bestehend aus dem Hofrat Reinhard, dem Rektor Dietz, W. Schink und Kammersecretär Nauwerk redigierte.

Auf dem östlichen oberen Kreuzgang befanden sich seit 1770 die Kanzleien und Aktenstuben der Regierung und des Consistoriums, letztere übrigens schon seit 1711. Auch eine Bibliothek, die jetzt noch dort existiert, war 1769 eingerichtet worden. Sie bestand 1. aus den Büchern des sel. Pastors Bähr in Anklam, welche für 400 Thlr. erworben waren, 2. aus den Mecklenburgensien und Ratzeburgensien des Rat Siemßen, die 1787 für 150 Thlr. angekauft wurden, 3. aus der Bibelsammlung des Superintendenten Masch, die 1789 und 1807 für 300 Thlr. und 200 Thlr. erworben wurde.


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In weiteren Abrissen wird das Wissenswerte über die Kirche, über die Behörden auf dem Dom und über die im 16ten, 17ten und 18ten Jahrhundert auf der Bäck blühende Industrie beigebracht werden.

Hellwig.

 


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