Jahresband 1887

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 



[Miszelle]


 

 

Die silbernen Apostel in der Domkirche zu Ratzeburg. (Aus einem der Lübecker Stadtbibliothek zugehörigen, aus dem Deecke’schen Nachlaß herrührenden Manuscript „Inschriften, Monumente, Begräbnisse und andere Merkwürdigkeiten der Domkirche zu Ratzeburg“, aus dem Anfang dieses Jahrhunderts.)

„Neben dem Altar, an der Nordseite ist an der Wand ein wohlverwahrter Schrank befestigt, an dessen beiden großen Thüren die Füllungen mit Kupferblech bezogen und darauf auswendig biblische Historien von der Verkündigung, Geburt und Beschneidung usw. Christi, inwendig aber 8 zur Leidensgeschichte gehörige Stücke von der Gefangennehmung im Oelgarten an usw. vorgestellt worden. In diesem Schrank sind die Bildnisse des Heilandes und der 12 Apostel von starkem gegossenen Silber, wenigstens durchgängig in der Dicke eines Guldens, doch inwendig hohl, befindlich. Das erstere ist beinahe 2 ½ Fuß hoch mit der verguldeten Weltkugel in der Hand; die letzteren sind etwa 16 Zoll hoch mit  beigefügten Zeichen ihres Märtyrer-Todes, in nachstehender Ordnung:

 

Petrus Andreas Salvator
Mundi
Jacobus
Major
Jo-
hannes
Philipp Thomas Bartho-
mäus
Mat-
theus

Jacobus
min.
 

Eine steinerne Tafel, darauf der Hinausgang nach Golgatha, das Begräbnis und die Auferstehung Christi ausge-hauen. Darunter stehn die Worte: Diese kunstreiche schöne Passions-Tafel ist aus Einem Stein gehauen.
 
Judas

Simon.

 
Paulus

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Ohne die Postamente von Holz, worauf die Figuren stehen wiegen sie an Silber:

 

Petrus 4 1/2

Pfund.

Andreas 5 1/2 Pfund.
Philippus 4 1/2 Pfund.
Thomas 4 3/4 Pfund.
Jacobus min. 4 1/2 Pfund.
Simon 3 1/2 Pfund.
Salvator 21 Pfund.
Jacobus maj. 5 Pfund.
Johannes 4 3/4 Pfund.
Bartholomäus 4 1/2 Pfund.
Mattheus 4 1/4 Pfund.
Judas 4 1/2 Pfund.
Paulus 5 1/2 Pfund.
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in Summa

76 1/2 Pfund.


 

Auswendig über dem Schrank über den Thürflügeln steht mit vergoldeten Römischen Buchstaben in drei Reihen:

‚Zu Gottes Ehren und nach gethanem Gelübde hat Herr Hartwich von Bülow, Domdechant dieses Stifts und Erbgeseßener zu Pocrent, auf seine Unkosten diese verguldete alte Altartafel mit des Herrn Christi und dessen zwölf Aposteln von Silber gegossenen Bildnissen zieren, auch die eingesetzte aus Einem Stein gehauene Tafel repariren und alles, was daran und um ist, fertigen und an diesem Ort aufrichten lassen, nach Jesu Christi Geburt im 1634. Jahre.’ Um das mittelste der darüber stehenden Wappen ist zu lesen: ‚H. Hartwich von Bülow Domdechant des Stifts Ratzeburg’ und an dem blauen Gewande, welches um den Schrank herum auf die Wand gemalt ist, ganz oben: ‚Der Segen des Herrn komme über den, der dieses Werk bewahren hilft.’ Unter den beiden Thüren steht, ebenfalls in drey Reihen mit römischen Buchstaben: ‚Wer an diesem zu Gottes Ehren, dieser Kirchen


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Zierde und Dankbarkeit allhier aufgerichteten und geheiligten Werke das geringste wissentlich besudelt, zerbricht, verletzt oder davon entwendet, der sey verflucht an allen Seinen Gliedmaaßen, an allen Seinen Gütern, an allen Orten und zu allen Zeiten, und dieser Fluch bleibe kräftig, wenn schon einer sagen würde: Der Segen des Herrn sey über Dich.’“

Bekanntlich sind diesem kräftigen, schauerlichen Fluch zum Trotz die 12 silbernen Apostel in der Nacht zum 25. Januar 1830 gestohlen und die Christusfigur nur dadurch gerettet worden, daß die Diebe sie im tiefen Schnee verloren, wo man sie später wieder auffand. „Neben der untersten Altar-Tafel steht rechter Hand in einer Ecke der Name des Bildhauers Gebhard Georg Tidge Rotenburgens. me fecit. – Eben dieser Bildhauer hat das fürstlich Lauenburgsche und das von Bülow’sche Epitaphium verfertigt.“ - -

„Das Epitaphium des weil. Herrn Domdechanten Hartwich von Bülow, eben desselben, der die silbernen Apostel an die Domkirche geschenkt hat, ist in der nordwestlichen offenen Kapelle der Sacristeithür gegenüber, an der Wand aufgerichtet. Es ist aus Marmor und Alabaster gehauen. Die Hauptfigur stellt die aufgerichtete eherne Schlange vor. Oben steht: ‚mein Trauren hat Ursach. *)’ Die untere Inschrift auf einer Marmortafel mit Römischen vergoldeten Buchstaben ist folgende: ‚Der Wohl-Ehrwürdige und Edle Herr Hartwich von Bulow zu Pocrent Erbgesessen, ist 1568 am Dienstage nach Dionisii geboren, anno 1571 Dom-Herr geworden, anno 1599 in die Residenz allhier getreten, anno 1611 der 12 Dom-Dechant erwählt, anno 1639 den 11. Juni im festen Glauben an Christo gestorben. Seines Alters im 71. Jahr, dessen Seele nunmehr in Gott ruhend.’ – Auf beiden Seiten

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*) Uffenbach, der in seiner bekannten Reisebeschreibung auch den Ratzeburger Dom ausführlich beschreibt, versichert, daß Hartwich von Bülow dies „Symbolum angenommen wegen eines Fräulein, mit der er sich versprochen, die aber mit einem Andern davon gegangen.“

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der Inschrift steht in zwei Ovalen: ‚Anno 1641’ und in einer Ecke linker Hand steht der Name des Bildhauers, ‚Gebhart Georg Titke Rotenburgens. me fecit.’ Eben dieser Bildhauer hat Anno 1629 den Altar und Anno 1647-49 das fürstl. lauenburgische Epitaphium verfertigt.“

Diese werthvollen Figuren wurden also von dem Dom-Dechanten Hartwich von Bülow auf Pocrent im Jahre 1634 gestiftet, und zwar an Stelle anderer älterer Silberfiguren, die Volrad von Mansfeld bei der Invasion vom Jahre 1552 geraubt hatte. Es war der Schrank also im Jahre 1634 vorhanden und bei der Stiftung der neuen Apostelfiguren ward er renovirt. Die alten und die neuen Figuren aber hat Dasselbe Schicksal getroffen: sie sind der Habgier der Menschen zum Opfer gefallen und wahrscheinlich eingeschmolzen; und leider sind, was den Diebstahl von 1830 betrifft, die Kirchenräuber nicht einmal ermittelt und zur Verantwortung gezogen! Ab und zu ist im Laufe der Jahre die Kunde von Geständnissen aufgetaucht, die von Sterbenden mit Beziehung auf diesen Kirchenraub dem herbeigeholten Prediger anvertraut worden, aber Anhaltspunkte scheinen sich daraus niemals ergeben zu haben, wenigstens ist nach wie vor diese ruchlose That in Dunkel gehüllt geblieben und der weltliche Richter hat die Kirchenräuber nicht zur Verantwortung ziehen können. Erst kürzlich wieder ging durch die lauenburgischen Zeitungen die Mittheilung, daß eine alte sterbende Frau auf dem Sterbebett ihrem Beichtiger Enthüllungen, die sich auf diesen Kirchenraub bezogen, gemacht habe. Und solche Mittheilungen werden sich gewiß noch wiederholen und immer mit Interesse vernommen werden, wenngleich dieses Interesse nur ein historisches sein kann, da die Strafverfolgung längst verjährt ist und die Thäter sich jetzt ruhig zu der That bekennen könnten, wenn sie noch am Leben.

WD.

 

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